Mi., 15.05.2019

Sarah Lotze (28) leitet den Post-Zustellstützpunkt in Warburg Von der Uni auf den Chefsessel

Jung und vergleichsweise unerfahren – na und? Mit ihrer neuen Offensive möchte die Deutsche Post besonders junge Führungskräfte fördern. Sarah Lotze aus Borgentreich ist eine davon. »Ich will nicht diktieren, sondern in einem Team arbeiten, mit jedem auf Augenhöhe«, sagt die 28-Jährige.

Jung und vergleichsweise unerfahren – na und? Mit ihrer neuen Offensive möchte die Deutsche Post besonders junge Führungskräfte fördern. Sarah Lotze aus Borgentreich ist eine davon. »Ich will nicht diktieren, sondern in einem Team arbeiten, mit jedem auf Augenhöhe«, sagt die 28-Jährige. Foto: Timo Gemmeke

Von Timo Gemmeke

Warburg (WB). Wer an den Stereotyp »Chef« denkt, sieht den gestandenen Mann vor sich, der schon sein halbes Leben lang im Unternehmen arbeitet. Sarah Lotze ist so ziemlich das Gegenteil – aber mit 28 Jahren Vorgesetzte von fast 400 Post-Mitarbeitern.

»Was mit Literatur, Schreiben halt«: Fragt man Sarah Lotze nach ihrem ersten Berufswunsch nach dem Abitur, ist die Antwort weit entfernt von ihrem aktuellen Job. Dass sie jetzt bei der Post arbeitet, ist zwar nicht ungewöhnlich, schreiben tut sie dort auch, aber mit Literatur hat das wenig zutun. Wenn etwas ungewöhnlich ist, dann vielleicht der Werdegang der Borgentreicherin, nur knapp ein halbes Jahr nach der Ausbildung.

ZSPL heißt Lotzes neue Position im Beamtendeutsch – Zustellstützpunkts-Leiterin. »Ich muss den Überblick behalten«, übersetzt die 28-Jährige. »Den Überblick über die Mitarbeiter, die Kunden und das Geschäft allgemein.« Dass über dieses Geschäft jetzt nicht mehr die »alten Hasen« walten, die schon ihr halbes Leben im Unternehmen arbeiten, gehöre zur neuen Strategie der Deutschen Post. »So eine Position war damals die Endstation in den letzen Jahren vor der Pension. Und in der Regel nur für einen Mann«, erklärt Rainer Ernzer, Pressesprecher der Post.

Imagewandel bei der Post

Zu denen, die diesen Imagewandel umsetzen sollen, gehört Sarah Lotze. »Wir haben mit jungen Leuten bisher gute Erfahrungen gemacht«, so Ernzer. Nur weil sie quasi der Gegenentwurf des Chef-Stereotyps sei, habe sie den Job aber nicht bekommen. »Man muss gut sein – und Glück haben.«

Glück hatte Lotze schon bei ihrer Bewerbung, die erst knapp dreieinhalb Jahre zurückliegt. Nach dem Abitur an der Brakeler Brede 2010, einem Auslandsaufenthalt in Irland (»Ich wollte mal auswandern«) und dem abgebrochenen Studium der deutsch- und englischsprachigen Literatur, wollte sie sich neu orientieren. »Ich hab mir die Anforderungen für eine duale Ausbildung bei der Post angeguckt und dachte: ›Joa, das passt!‹« Das Bewerbungsgespräch lief gut, im Herbst 2015 konnte sie anfangen.

Ausbildung im Studiengang Spedition, Transport und Logistik

Während der dreijährigen Ausbildung lernte Lotze nicht nur die Theorie hinter dem Bollwerk Post kennen, die im Studiengang Spedition, Transport und Logistik an der Dualen Hochschule in Mannheim vermittelt wird. Am Niederlassungsstützpunkt in Kassel musste sie auch mal als Botin ran – Postlerjacke und gelbes Cappi inklusive. »Wenn ich hier ein paar hundert Boten koordinieren soll, muss ich ihre Arbeit kennen«, sagt Lotze. Auch seit dem Start als Leiterin in Warburg im Januar habe sie schon »ein paar Runden mit den Kollegen gedreht«.

So ein Verhältnis, ein freundliches, fast familiäres, will Lotze von nun an im besten Fall mit all ihren 385 Mitarbeitern pflegen, sagt sie. »Ich will nicht diktieren, sondern in einem Team arbeiten und jedem auf Augenhöhe begegnen. Das hat mir schon in der Ausbildung gefallen, und das möchte ich jetzt zurückgeben.«

Neue berufliche Perspektiven für junge Menschen

Trotz aller Euphorie sieht Lotze auch die Kehrseite ihres neuen Jobs. »Ich muss Mitarbeiter, Kunden und meine Vorgesetzten, das Unternehmen allgemein, zufriedenstellen. Das ist schwierig, ohne Frage, aber kein Problem. Eher eine Herausforderung.« Auch ihre – im Gegensatz zu anderen Mitarbeitern – geringe Arbeitserfahrung sieht sie nicht als Handicap. »Wenn an einer Stelle gesagt wird: ›Das machen wir schon immer so‹, dann frage ich ›Warum? Ist das sinnvoll?‹«. Nicht selten biete ihr noch objektiver Blick neue Lösungsansätze für alte Probleme.

Auch das sei es, was die Personaler der Post schätzten, erklärt Ernzer. »Die junge Agilität bringt neue Denkweisen und Ideen mit sich. Dafür bieten wir neue berufliche Perspektiven.« Perspektiven, die Sarah Lotze jetzt in Warburg nutzen will. Die Endstation vor der Pension ist ihr Job wahrscheinlich nicht – im Gegenteil.

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