Sa., 13.07.2019

Geschichte der Germeter Schwestern in einem Buch veröffentlicht Gestapo-Verhöre hinter geheimer Wand protokolliert

Schwester Gertrud (83, von links), Schwester Rose (55) und Schwester Beatrix (91) sind stolz, dass Teile der Geschichte ihrer Gemeinschaft veröffentlicht worden sind. Jan Tillmann (29) hält die Originalaufzeichnung seiner Großtante, Schwester Clementine.

Schwester Gertrud (83, von links), Schwester Rose (55) und Schwester Beatrix (91) sind stolz, dass Teile der Geschichte ihrer Gemeinschaft veröffentlicht worden sind. Jan Tillmann (29) hält die Originalaufzeichnung seiner Großtante, Schwester Clementine. Foto: Vahle

Von Jürgen Vahle

Warburg (WB). Mit Andersdenkenden sind die Nazis nicht zimperlich umgegangen. Auch nicht im Warburger Land. Das belegt ein Bericht der Warburg-Germeter Serviam-Schwestern. Die Aufzeichnungen von Schwester Clementine Tillmann aus jenen dunklen Tagen sind jetzt erstmals als Buch veröffentlicht worden. Ein spannendes Dokument und ein für viele unbekanntes Stück Ortsgeschichte.

Veröffentlicht wurde der Bericht, der die Geschichte der Germeter Serviam-Schwestern von 1939 bis 1946 aufarbeitet, in dem 320 Seiten starken Fachbuch »Gestapo-Klostersturm in Germete und Sennelager 1939/1940«.

Journalist Peter Bürger hat darin die Erlebnisse, die Schwester Clementine detailliert aufgeschrieben hat, nahezu ungekürzt und unredigiert gedruckt.

In der heutigen Germeter Schwesterngemeinschaft (24 in Deutschland, 88 in Brasilien) lebt niemand mehr, der die Zeit der Nazis noch miterlebt hat. Schwester Clementine selbst ist 2005 gestorben (siehe »Zur Person«). Aber Schwester Gertrud (83) und Schwester Beatrix (91) können sich noch gut an die Erzählungen der Mitschwester erinnern.

Linientreue Schwestern sollten übernehmen

1926 kam der von Pastor Wilhelm Meyer in Unna gegründete Orden nach Germete. Die Schwestern halfen dort, wo bis dato noch niemand Hilfe anbot: In Familien beispielsweise, in denen die Eltern krank waren. In den Kirchengemeinden, wo sie Pfarrbücher führten oder andere wichtige Arbeiten leisteten.

Doch dieses Engagement war den Nazis ein Dorn im Auge. Das sollten lieber der linientreue Reichsbund Deutscher Schwestern (»braune Schwestern«) übernehmen. »1939, in der zweiten Jahreshälfte, tauchte plötzlich die Gestapo aus Bielefeld in Germete auf«, berichtet Schwester Gertrud.

Pastor Wilhelm Meyer und Schwester Clementine wurden im Büro des Haupthauses befragt. »Das war etwas mysteriös und schnell wurde klar, dass das kein Gespräch, sondern ein Verhör war«, erzählt Schwester Gertrud weiter.

Nazis erzwangen die Auflösung des Ordens

Doch die Germeter Schwestern seien vorgewarnt und vorbereitet gewesen. Schwester Roswitha konnte in der Gemeinschaft am schnellsten stenografieren. Sie verfolgte das Verhör hinter einer geheimen Wand und protokollierte alles mit. Ihre Notizen waren die Grundlage für den detaillierten Bericht in dem Fachbuch »Gestapo-Klostersturm in Germete«.

Mehrfach kam die Nazi-Geheimpolizei zurück, dann wurde der Orden unter unerhörten Vorwürfen gezwungen, sich aufzulösen. Die Protokolle aus jener Zeit sowie ein Teil des Vermögens konnte die Germeter Gemeinschaft aber zuvor in Sicherheit bringen.

In das Haus Germete zog zunächst die Wehrmacht ein, später wurde es von den Nazis an die Waldbreitbacher Franziskanerinnen aus Rheinland-Pfalz verkauft, die dann in Germete ein Heim für Behinderte und kranke Männer betrieben.

Germeter Schwestern werden anonym

Pastor Wilhelm Meyer, Gründer der Serviam-Schwesterngemeinschaft, tauchte zunächst beim Bischof in Hildesheim, später bei einem Kollegen im Sauerland unter. Die mehr als 60 Germeter Schwestern, damals noch in Ordenstracht, wurden anonym, gingen in einfacher Kleidung zurück zu ihren Familien, wo sie in den Kriegsjahren auf den Höfen gebraucht wurden. Manche bildeten sich zu Krankenschwestern oder Erzieherinnen weiter.

Als die Nazi-Diktatur 1945 ein Ende hatte, ging es ganz schnell: Immer mehr Schwestern versammelten sich im Umfeld von Pastor Meyer im sauerländischen Sümmern. Mit den Waldbreitbacher Franziskanerinnen wurde über den Rückkauf von Haus Germete verhandelt. Das gelang – allerdings mussten die zu pflegenden Männer nun weiter von den Serviam-Schwestern betreut werden und die Schwestern sich den Kaufpreis praktisch vom Munde absparen.

Seither ist »Haus Germete« wieder die Heimat der Serviam-Schwestern, ihr Rückzugsort, ihr Altersruhesitz. Und die Geschichte und ihre Geschichten aus der Zeit der Nazi-Diktatur sind nun auch für nachfolgende Generationen gesichert.

Zur Person: Sr. Clementine Tillmann

Sr. Clementine Tillmann wurde am 20. Januar 1904 in Germete geboren. Mit 21 Jahren trat sie in das Herz-Jesu-Institut in Unna-Königsborn ein. Ihr Vater Anton Tillmann hatte es 1926 durch Vermittlung und eine Bürgschaft ermöglicht, dass die 1922 gegründete Gemeinschaft einen ehemaligen Gutshof in Germete erwerben und als »Mutterhaus« umgestalten konnte.

Sr. Clementine, die es in die Mission zog, kam in ihre Heimat zurück und musste schon bald in der Gemeinschaft Verantwortung übernehmen. 40 Jahre lang – von 1934 bis 1974 – leitete sie die Gemeinschaft. 30 Jahre lang arbeitete sie intensiv mit dem Gründer Pastor Wilhelm Meyer zusammen. Von ihr kamen immer wieder entscheidende Impulse.

Nachdem sie die Leitung abgegeben hatte, legte sie ein Archiv an, in dem die Schriften des Gründers und die Geschichte der Gemeinschaft mit ihrer Ausbreitung in Deutschland, Holland und in Übersee gesammelt wurden. Zudem verfasste sie selbst Schriften über die Geschichte der Serviam-Schwestern, etwa über die Zeit der Auflösung der Gemeinschaft durch die Gestapo in der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Sr. Clementine starb am 20. Dezember 2005 in Haus Maria – kurz vor ihrem 102. Geburtstag.

  • »Gestapo-Klostersturm in Germete und Sennelager 1939/1940« (ISBN-13: 9783749453078) kostet 14,90 Euro und ist im Buchhandel erhältlich.

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