So., 25.08.2019

Großprojekt der Bahn bei Kassel tangiert auch Warburg und Willebadessen 30 Güterzüge mehr pro Tag

Ab 2025 werden voraussichtlich mehr Güterzüge über die Bahntrasse Altenbeken-Willebadessen-Warburg rollen. Die Bürgermeister sehen allerdings die Grenze des Zumutbaren erreicht, vor allem in den Dörfern, durch die die Strecke führt.

Ab 2025 werden voraussichtlich mehr Güterzüge über die Bahntrasse Altenbeken-Willebadessen-Warburg rollen. Die Bürgermeister sehen allerdings die Grenze des Zumutbaren erreicht, vor allem in den Dörfern, durch die die Strecke führt.

Von Marius Thöne und Ralf Benner

Warburg/Willebadessen (WB). Die Deutsche Bahn will eine weitere Ost-West-Verbindung für den Güterverkehr ausbauen. Für die Strecke Altenbeken-Willebadessen-Warburg-Kassel würde das bedeuten, dass dort ab 2025 täglich rund 30 Güterzüge mehr fahren. Derzeit sind es etwa 89.

Nach Fertigstellung sollen es 118 sein. Um den Ausbau verwirklichen zu können, ist der Bau einer knapp sechs Kilometer langen Verbindungskurve bei Kassel geplant. Sie soll die Trassen Warburg-Kassel und Kassel-Hann. Münden direkt verbinden.

Bisher müssen Güterzüge, die von Kassel aus in Richtung Westen oder Osten wollen, wegen der fehlenden Verbindung im Rangierbahnhof einen Fahrtrichtungswechsel vornehmen. Das dauert etwa 40 Minuten. Zeit, die mit dem Neubau der ausschließlich für den Güterverkehr gedachten eingleisigen Verbindungskurve gespart wird. Außerdem wird die Strecke etwa 20 Kilometer kürzer.

Sie soll die derzeit hauptsächlich für den Güterverkehr genutzte Verbindung über Minden, Braunschweig und Magdeburg entlasten, auf der schon heute 200 Züge jeden Tag unterwegs sind.

Keine Begeisterung in Willebadessen

In Warburg und Willebadessen stoßen die Pläne der Bahn, die im Bundesverkehrswegeplan 2030 als vordringlich eingestuft sind, nicht unbedingt auf Gegenliebe. »30 Güterzüge pro Tag bedeuten in Sachen Lärmbelästigung eine immense Mehrbelastung für die Anwohner«, sagt Willebadessens Bürgermeister Hans Hermann Bluhm.

Er befürchtet durch den Zuglärm auch Unannehmlichkeiten für die Gäste im Hotel Am Jägerhof, das sich direkt am Willebadessener Bahnhof befindet. Bluhm sieht allerdings auch Vorteile, wenn mehr Güter auf die Schienen kommen und nicht auf der Straße transportiert werden müssen: »Wenn wir wirtschaften wollen, ist eine entsprechende Logistik erforderlich, die Güter müssen ja irgendwie bewegt werden«.

Bürgermeister hat Verständnis für Anwohner

Grundsätzlich Verständnis für die ökologischen und ökonomischen Überlegungen der Deutschen Bahn hat auch Warburgs Bürgermeister Michael Stickeln. »Ausschlaggebend für mich sind in dieser Angelegenheit aber die großen Sorgen und Befürchtungen der Anwohner«, sagt Stickeln.

Er sieht für die Warburger Ortschaften Bonenburg, Nörde und Menne, durch die der Schienenverkehr läuft, damit »die Grenze des Zumutbaren erreicht«, insbesondere für Menne, in dessen Ortsmitte sich gleich zwei Bahnübergänge befinden und durch die Schienenstränge schon immer zweigeteilt sei.

Sollingbahn nicht elektrifiziert

In Kassel ist der Neubau der Verbindungskurve sehr umstritten. Gegner fordern, dass der Güterverkehr stattdessen durch den Norden des Kreises Höxter über die Sollingbahn von Paderborn über Ottbergen, Lauenförde und Northeim Richtung Osten geschickt wird. Das würde allerdings ebenfalls mit erheblichen Investitionen verbunden sein. Die Sollingbahn müsste wieder zweigleisig ausgebaut werden, das zweite Gleis war Anfang der 1990er Jahre entfernt worden. Darüber hinaus ist sie bislang nicht elektrifiziert.

Dennoch sprechen sich einige Bürgermeister von Anrainerkommunen zumindest für eine Prüfung des Vorschlages aus. Sie hoffen, dass die Sollingbahn so auch dauerhaft für den Personenverkehr erhalten bleibt und die Fahrtzeiten in Richtung Göttingen und Paderborn sich verkürzen. Derzeit können die Züge nur langsam fahren, weil es viele unbeschrankte Bahnübergänge gibt. »Das heißt aber auch, dass etwas für den Lärmschutz der Anwohner getan werden muss«, sagen die Stadtoberhäupter von Beverungen (Hubertus Grimm) und Bad Karlshafen (Marcus Dittrich).

»Keine fachlichen Alternativen«

CDU-Bundestagsabgeordneter Christian Haase sieht zum Bau der Verbindungskurve bei Kassel derzeit keine fachliche Alternative. Er geht davon aus, dass der Investitionsbedarf für die Ertüchtigung und Elektrifizierung der Sollingbahn größer ist, als die für die Verbindungskurve bei Kassel veranschlagten 65,5 Millionen Euro.

Zudem gebe es auf der einen Trasse einen Tunnel zwischen Bad Karlshafen und Bodenfelde, der nicht zweigleisig durchfahren werden könnte. Der Abschnitt Göttingen-Eichenberg, über den der Weg weiter nach Nordhausen und Halle führen würde, sei darüber hinaus heute schon voll ausgelastet und könne keine weiteren Züge mehr aufnehmen.

Kommentar

Wer in Borlinghausen, Bonenburg, Nörde oder Menne wohnt, hat mit der Bahn zu leben gelernt. Die Trasse teilt die Orte oftmals in zwei Hälften. In diesen Dörfern ist die Grenze des Zumutbaren an vielen Stellen erreicht. Da liegt Michael Stickeln völlig richtig. Wie sich die Bahn den Lärmschutz vorstellt, wenn noch mehr Güterzüge fahren, ist bislang offen. Hier ist die Politik jetzt am Zug, muss Druck machen auf die Planer, die ja nicht nur die neue Verbindungskurve bei Kassel im Blick haben müssen, sondern die Situation an der gesamten Strecke.

Generell ist die Ertüchtigung der Trasse der richtige Weg, um das in den kommenden Jahren vermutlich noch steigende Güteraufkommen von der Straße auf die Schiene zu verlagern. Allerdings müssen sowohl die Bahn als auch der Bund als Eigner die berechtigten Interessen der Anwohner im Blick behalten. Dass der Kelch am Warburger Land vorüber geht, ist eher unwahrscheinlich. Experten halten die Sollingbahn für keine wirkliche Alternativroute. Marius Thöne

 

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Ganz einfach

Einfach die Strecke von Scherfede nach Holzminden aktivieren. Braucht nicht geplant werden, einfach bauen.

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