Sa., 09.11.2019

WESTFALEN-BLATT-Talk: Runder Tisch »Jugend macht Politik« in Höxter – Erinnerung an Mauerfall – mit Video »Sprüche klopfen – Nein, danke«

WESTFALEN-BLATT-Talk am Runden Tisch »Jugend macht Politik« in Höxter in der Gaststätte »Bürgerstuben«: (von links) Ruth Westermeier, Tim Vollert, Juso-Kreisvorsitzender Liborius Schmidt, Moderator WB-Redakteur Michael Robrecht, JU-Kreisvorsitzender Leonard Rexhepi und Emely Düker.

WESTFALEN-BLATT-Talk am Runden Tisch »Jugend macht Politik« in Höxter in der Gaststätte »Bürgerstuben«: (von links) Ruth Westermeier, Tim Vollert, Juso-Kreisvorsitzender Liborius Schmidt, Moderator WB-Redakteur Michael Robrecht, JU-Kreisvorsitzender Leonard Rexhepi und Emely Düker. Foto: Sabine Robrecht

Von Sabine Robrecht

Höxter (WB). »Jugend macht Politik«: Unter diesem Leitsatz hat das WESTFALEN-BLATT jetzt die Kreisvorsitzenden der Jungen Union und der Jusos, Leonard Rexhepi (23) und Liborius Schmidt (20), zum politischen Talk in die »Bürgerstuben« in Höxter eingeladen.

Leidenschaftlich, engagiert, klar in ihren Standpunkten und mit Sachwissen zu den verschiedensten Themen gerüstet: Die beiden Nachwuchs-Politiker stehen mit beiden Beinen im Geschäft und erhalten sich trotzdem die Frische und den Biss der Jugend. Von Rückkehrer-Anreizen für junge Leute bis hin zum Klimaschutz tauschen sie in fairem und konstruktivem Diskurs ähnliche, aber auch manchmal sehr unterschiedliche Ansichten aus. Bei den Kommunalwahlen 2020 wollen die Nachwuchsorganisationen von CDU und SPD die Stadtparlamente erobern.  Liborius Schmidt will für den Rat seiner Heimatstadt Höxter kandidieren.

Im Gespräch mit dem stellvertretenden Leiter der WESTFALEN-BLATT-Lokalredaktion Höxter, Michael Robrecht, unternahmen Leonard Rexhepi und Liborius Schmidt auch eine Zeitreise in das Jahr 1989. Obwohl sie das geteilte Deutschland und den Fall der Mauer vor 30 Jahren nur aus den Geschichtsbüchern kennen, geht ihnen die friedliche Revolution in der ehemaligen DDR sehr nahe. Die Junge Union hatte vor einigen Wochen eine Bildungsfahrt nach Dresden und Prag unternommen. »Wir haben die deutsch-deutsche Geschichte gespürt und können dankbar sein, dass wir in einem vereinten Deutschland leben und dass damals alles so friedlich abgelaufen ist«, resümiert Leonard Rexhepi.

»Auch wenn für junge Leute die Teilung kaum noch nachvollziehbar ist, so ist eine Fahrt an die Schauplätze von 1989 sehr lehrreich«, betont der JU-Kreischef. Zu diesen besonderen historischen Orten der Reise gehörte auch die deutsche Botschaft in Prag, von deren Balkon aus der damalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher am 30. September 1989 5000 wartenden DDR-Flüchtlingen mitteilte, dass ihre Ausreise jetzt möglich sei. Jeder erinnert sich mit Gänsehaut daran, dass Genschers Satz nach dem Wort »Ausreise« endete, weil alles andere im aufbrandenden Jubel der Menschen unterging.

In Dresden habe die Reisegruppe der Jungen Union Höxter aber auch konkret erfahren, so der Kreisvorsitzende aus Bad Driburg, dass es heute einiges an Protesten und Unzufriedenheit in den neuen Ländern gibt.

Friedliche Revolution

»Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass eine friedliche Veränderung ohne Waffengewalt möglich war«, betont Liborius Schmidt in der Betrachtung der Wende vor 30 Jahren. »Dass die Menschen damals die Einheit erreicht haben, ist eines der wichtigsten Ereignisse in der jüngeren deutschen Geschichte«, ordnet der 20-Jährige die Überwindung der Teilung als bedeutsam ein. Allerdings habe das Zusammenwachsen gedauert. Es gebe auch heute noch Unterschiede zwischen Ost und West. »Bürger fühlen sich abgehängt. Man muss auch sagen, dass nach der Wende wirtschaftlich für Viele nicht alles gut gelaufen ist. Ich hoffe, dass wir es hinbekommen, dass es wieder mehr Zusammenhalt in Deutschland gibt.«

Jeder hat Verantwortung

Zusammenhalt im Eintreten gegen Radikalisierung, Hetze und Gewalt: Dazu rufen die Kreisvorsitzenden der Nachwuchsorganisationen von CDU und SPD in der WB-Talkrunde nachdrücklich auf. Es sei erschreckend, dass das Leugnen des Holocausts salonfähig ist, konstatiert Liborius Schmidt. Wenn jemand in der Kneipe Sprüche klopfe, gelte es einzuschreiten, fordert er. »Hier haben wir alle eine Verantwortung.« Auch sei Aufklärung das Gebot der Stunde, sagt Leonard Rexhepi. Der 23-Jährige ruft die Politiker aller Parteien dazu auf, den Weg der Vernunft zu gehen und sich nicht hinreißen zu lassen von provokanten Twitter-Posts.

Nachwuchs will Stadtparlamente erobern

Für den Kommunalwahlkampf steht die junge Generation in den Startlöchern. JU-Kreischef Leonard Rexhepi und Juso-Kreisvorsitzender Liborius Schmidt kündigten in der Talkrunde des WESTFALEN-BLATTES an, dass der Nachwuchs die Stadtparlamente erobern will. Im Wahlkampf soll frischer Wind wehen.

»Wir werden versuchen, junge Leute in die Stadträte zu bekommen«, sagt Liborius Schmidt. Sie nach vorne zu bringen, stehe auf der Kommunalwahl-Agenda ganz oben. Schmidt selbst will für den Rat Höxter antreten. Gegen das Argument einiger Älterer, die Jugend habe keine Erfahrung, »muss man sich durchbeißen. Manche haben wirklich noch das Bild, junge Leute sind die Plakatkleber«.

Mehr als nur Plakatekleber

Das lassen Schmidt und seine Mitstreiter nicht auf sich sitzen. Im Wahlkampf möchten sie das Motto der Jusos, »Man kann auch Spaß haben in der Politik«, in den Mittelpunkt rücken. Und: »Wir werden die Gestaltungsmöglichkeiten mit den neuen Medien nutzen, um vor allem junge Leute anzusprechen und wieder an die Kommunalpolitik heranzuziehen.«

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Junge Leute müssen früh Erfahrungen sammeln.

Leonard Rexhepi

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»Junge Kandidaten in die Stadtparlamente hineinbekommen« – dieses Anliegen haben sich auch Leonard Rexhepi und seine Kreis-JU auf die Fahnen geschrieben. Ein JU-Kandidat soll möglichst in jeder Kommune vertreten sein. Offensiv gelte es in dieser Frage gegenüber der CDU aufzutreten. In der »Mutterpartei« werde oft auf mangelnde Erfahrungen verwiesen. Leonard Rexhepi hält klar dagegen: »Kanzler Kurz in Österreich ist Anfang 30. Junge Leute müssen früh Erfahrungen sammeln.« Die JU will einen starken Wahlkampf führen in den einzelnen Kommunen. » Ich glaube, dass wir hier auf einem guten Weg sind.«

Initiativen für den Klimaschutz

Für den Klimaschutz haben Jusos und JU auf kommunaler Ebene Initiativen auf den Weg gebracht. »Die JU im Kreis hat einen Maßnahmenkatalog für Klimaschutz zur lokalen Umsetzung formuliert und an die Räte geschickt«, berichtet Kreisvorsitzender Leonard Rexhepi. »Einiges wurde umgesetzt«, ergänzt er. Liborius Schmidt freut sich über ein Erfolgserlebnis der Jusos. »Im Rat Höxter hat unser Antrag, den Klimanotstand zu beschließen, eine breite Mehrheit gefunden.«

Soziale Marktwirtschaft reformieren

Dass das Thema Umwelt und Klimaschutz in den politischen Diskussionen unserer Zeit eine so wichtige Rolle spielt, halten die beiden Nachwuchs-Politiker für richtig. »Wir dürfen aber nicht nur über Verbote und bestimmte Veränderungen sprechen, sondern wir müssen darüber reden, wie wir zum Beispiel die soziale Marktwirtschaft reformieren«, bezieht Leonard Rexhepi Position. Die soziale Marktwirtschaft müsse um die ökologische Perspektive erweitert werden. Rexhepi setzt auf Wasserstoff als neue Technologie. »Das Autoland Deutschland hinkt da extrem hinterher. Das Elektroauto, das 200 oder 300 Kilometer fährt, ist nicht die Lösung am Ende des Tages.«

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Ohne Verbote oder Einschränkungen geht es nicht.

Liborius Schmidt

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Liborius Schmidt vertritt, was Verbote angeht, eine andere Auffassung: »Ich glaube ohne Verbote oder Einschränkungen geht es nicht. Warum brauche ich Inlandsflüge, zum Beispiel. Oder warum brauche ich Erdbeeren das ganze Jahr? Ein paar Verbote müssen sein, sonst ändern die Leute sich nicht. Das nötige Umdenken findet ohne Verbote nicht statt.«

Ein Kommentar von Sabine Robrecht

Dem Klischee, dass die Jugend unpolitisch ist und nicht aus der Komfortzone ihres eigenen Wohlstands hinaus tritt, sind Millionen junge Menschen bei den Freitags-Demos für mehr Klimaschutz in die Parade gefahren. Spätestens seit den Protesten, die schon allein deshalb ihre Wirkung nicht verfehlt haben, weil viele Menschen seither bewusster einkaufen und das Auto öfter stehen lassen, wird der Nachwuchs von den Altvorderen nicht mehr pauschal als verwöhnt, egozentrisch und handysüchtig wahrgenommen.

Letztendlich ist die Jugend immer besser als ihr Ruf. Jede jungere Generation wird von den Älteren kritisiert. Denn alles Neue, was mit dem frischen Wind der Jugend in den Alltag weht, ist dem »Gewohnheitstier Mensch« zunächst suspekt. Seit es Menschen gibt müssen die Jüngeren sich durchsetzen, wenn es darum geht, dass sie ernst genommen werden und von den »alten Hasen« das Heft des Handelns übernehmen.

Diese Erfahrung machen auch junge Menschen, die politisch ambitioniert sind. Die beiden Kreisvorsitzenden von JU und Jusos erleben, dass die Älteren ihnen und ihren Mitstreitern Unerfahrenheit attestieren. Das darf auf keinen Fall dazu führen, dass sich die Jugend ausgebremst fühlt, wenn sie bei der Kommunalwahl für Räte kandidieren will. Sie in die »Warteschleife« zu schicken und auf die übernächste Legislaturperiode zu vertrösten, wäre ein falsches Signal. Wer nachhaltig denkt, muss politisch interessierte junge Menschen ermutigen und unterstützen. Frischer Wind tut den kommunalen Parlamenten gut. Wer den nicht rein lässt, darf sich nachher nicht über Nachwuchsmangel beklagen.

Die demokratischen Kräfte im Kreis Höxter haben einen engagierten Nachwuchs, der auch entschlossen ist, den Bedrohungen der zunehmenden Radikalisierung entgegenzutreten. Das ist eine der großen Herausforderungen unserer Zeit. Gut, dass die Jugend hier Verantwortung übernimmt. Lasst Euch nicht ausbremsen und bleibt am Ball.

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