Fr., 24.01.2020

PSU-Team unterstützt Einsatzkräfte vor, bei und nach belastenden Einsätzen Wenn Helfer Hilfe brauchen

Für die Einsatzkräfte der Feuerwehren und des Rettungsdienstes des Kreises Höxter leistet das PSU-Team psychosoziale Unterstützung (PSU). Lukas Giefers leitet die Einheit, Stefanie Peine ist seine Stellvertreterin. 13 Helfer gehören zur Gruppe.

Für die Einsatzkräfte der Feuerwehren und des Rettungsdienstes des Kreises Höxter leistet das PSU-Team psychosoziale Unterstützung (PSU). Lukas Giefers leitet die Einheit, Stefanie Peine ist seine Stellvertreterin. 13 Helfer gehören zur Gruppe. Foto: Daniel Lüns

Von Daniel Lüns

Helfer helfen Helfern

Peine gehört zu einer Einheit aus 13 Frauen und Männern die ausrückt, wenn die Einsatzkräfte der Feuerwehren und des Rettungsdienstes selbst psychosoziale Unterstützung (PSU) brauchen: das PSU-Team. Lukas Giefers leitet die Einheit, Peine ist seine Stellvertreterin. „Während Notfallseelsorger in der Regel für die Bevölkerung zuständig sind, heißt es bei uns: Helfer helfen Helfern.“

Denn die Mitglieder des PSU-Teams sind selbst Einsatzkräfte. Sie kommen aus dem ganzen Kreis Höxter. Giefers ist in seiner Heimat Amelunxen als Feuerwehrmann aktiv, Peine kommt aus Großeneder und ist dort Mitglied der Löschgruppe. Zum Team gehören auch Helfer des Rettungsdienstes. Durch ihr Vorwissen und spezielle Schulungen betreuen sie die Kameraden auf Augenhöhe.

Hilfe für alte Hasen

„Wir bieten das Komplettpaket an“, erklärt der 29-Jährige. Das Team schult Einsatzkräfte im Umgang mit extremen Situationen. „Nach einem Einsatz ist man etwa erschöpft und schlecht gelaunt. Das ist normal. Darauf bereiten wir vor.“ Zudem rückt das Team, wie in Stahle, aus, wenn bei einem Einsatz Hilfe gebraucht wird. Einsatzleiter können die Retter anfordern. „Der Schwerpunkt unserer Arbeit ist aber die Nachsorge.“

Jeder Einsatz ist anders – so wie die Art der Helfer, damit umzugehen. Hilfe aber brauchen sie irgendwann alle. Vom Anfänger bis zum alten Hasen, vom einfachen Feuerwehrmann bis zum Stadtbrandinspektor. Bei vielen Unglücken reicht eine Nachbesprechung, um mit dem Einsatz abzuschließen. In anderen Fällen werden Retter wochenlang begleitet. Hilft das nicht weiter, werden Betroffene weitervermittelt. Dafür greift das Team auf ein Netzwerk aus Beratern oder etwa auch die Trauma-Ambulanz der LWL-Klinik Marsberg zurück.

Ausrücken zu Freunden

„Man kann 30 Feuer löschen. Dann kommt dieses 31. Feuer. Und beim 32. möchte ich nicht mehr rausfahren“, erklärt Peine. „Irgendwann ist mein Rucksack voll.“ Manche Einsätze vergesse man nicht. Etwa die Leiche, die man aus einem Haus geborgen habe. Oder der Fall, bei dem ein Freund zu Schaden kam. „Das ist hier auf dem Land sogar wahrscheinlich.“

Ein Stück Lebenserfahrung, das oft auch nach mehr als 30 Jahren noch bis ins letzte Detail präsent bleibt. „Es geht es aber darum, dass dieser Einsatz nicht den Alltag bestimmt“, erklärt Giefers. „Es sollte etwa nicht passieren, dass ich auf dem Weg zur Arbeit eine bestimmte Strecke meide, weil sich dort einmal ein tödlicher Verkehrsunfall ereignet hat.“

„Stell’ dich nicht so an.“

Punkte, an denen das Team ansetzt, bevor die Belastung das Leben bestimmt und sich etwa eine Posttraumatische Belastungsstörung entwickelt. In Gruppengesprächen machen sich die Helfer die Kameradschaft in einer Einheit zunutze, erklärt Peine: „Dann sehen zum Beispiel die Jüngeren, wie jemand, der so einen Einsatz schon fünf Mal absolviert hat, damit umgegangen ist – und ob ihnen das auch helfen könnte.“

Oft sind auch Einzelgespräche nötig. Etwa dann, wenn die Belastung abgetan wird. „Gerade bei Älteren ist so etwas noch mit Scham behaftet“, sagt die 35-Jährige. „Feuerwehr, dahinter steckt auch ein Heldenstatus“, ergänzt Giefers. „Kommt es dann zu Problemen, hört man auch mal: ‚Stell’ dich nicht so an.‘“ So gebe es heute noch Einheiten, die das PSU-Team noch nie besucht habe. „Die sagen: ‚Wir brauchen euch nicht.‘“

33 Einsätze im Jahr 2019

Gebraucht wird die Einheit tatsächlich mehr denn je. Das zeigt schon ein Blick in die Statistik. Seit dem Jahr 2011 ist die Gruppe offiziell im Dienst. Im ersten Jahr ihres Bestehens hat sie zwei Einsätze aktiv begleitet. Insgesamt, inklusive Vor- und Nachsorge, waren die Helfer etwa zehn Mal aktiv. Im Jahr 2019 rückte das Team zu neun Einsätzen aus. Insgesamt wurden die Helfer 33 Mal aktiv.

„Hinzu kommen noch die unzähligen Telefonate oder Gespräche bei Veranstaltungen und Festen“, sagt Giefers. Damit die PSU’ler aufgrund dieser Dienste nicht selbst Hilfe brauchen, stellen sie sich breit auf. Zu einem Einsatz fahren mindestens drei bis vier Helfer, damit das Team sich gegenseitig stützen kann. „Die Kameradschaft ist die Ressource, die wir haben.“ Weitere Mitglieder seien willkommen.

Gaffer belasten die Retter

Wie ein Feuerwehrmann ist das PSU-Team rund um die Uhr erreichbar, 365 Tage im Jahr. „Unsere Einsätze werden mehr und haben auch immer mehr Belastungspunkte“, sagt Giefers. Auch die Art der Einsätze ändere sich. So sei es auch im Kreis Höxter schon vorgekommen, dass Gaffer Retter angingen. Schaulustige waren übrigens auch in Stahle ein Thema, erklärt Peine: „Die Gaffer waren für die Einsatzkräfte sogar belastender, als der Einsatz selbst.“

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