Mo., 23.03.2020

Christian Haase spricht in der Quarantäne über Aussichten und Chancen in der Krise „Ende April muss es weitergehen“

Christian Haase hat sich sein mobiles Büro am Küchentisch in Beverungen eingerichtet – das Ergebnis seines Corona-Tests erwartet er in Kürze.

Christian Haase hat sich sein mobiles Büro am Küchentisch in Beverungen eingerichtet – das Ergebnis seines Corona-Tests erwartet er in Kürze.

Von Dennis Pape

Beverungen (WB). Christian Haase hat sich sein Büro am Küchentisch in Beverungen eingerichtet, den Anzug hat er gegen Sportkleidung ausgetauscht. Der heimische Bundestagsabgeordnete befindet sich derzeit in häuslicher Quarantäne, kann sich aber über mangelnde Arbeit nicht beschweren.

Das WESTFALEN-BLATT hat mit ihm über Sorgen und Ängste in der Corona-Krise, aber auch über Chancen und Mutmacher gesprochen.

Christian Haase (CDU) geht es den Umständen entsprechend gut, das Ergebnis seines Corona-Testes erhält er an diesem Montag. Er musste diesen durchführen und sich in Quarantäne aufhalten, weil er direkten Kontakt zum Unions-Spitzenpolitiker Friedrich Merz hatte, der am Virus erkrankt ist – alles zunächst eine reine Vorsichtsmaßnahme. Und wer in diesen Tagen mit dem Bundestagsabgeordneten spricht, bemerkt schnell: Für den Beverunger ist die Situation alles andere als eine Art Heimaturlaub. Er ist nah dran an den Sorgen vieler Menschen im Kreis Höxter, sie treiben ihn merklich um.

Keine Ausgangssperre

„Ich verstehe die Menschen in der Region, die sich Sorgen machen – viele haben sich bereits telefonisch bei mir gemeldet. Ich bekomme aber auch mit, dass die Leute im Kreis Höxter in weiten Teilen verantwortungsvoll mit der Situation umgehen. Sorglose gibt es, so weit ich weiß, an der Diemel oder Weser deutlich weniger als beispielsweise am Rheinufer. Die wenigen Quertreiber müssen dagegen begreifen, das andere wegen ihnen in Intensivbetten landen.“ Im Kreis Höxter gebe es genügend Möglichkeiten, sich an der frischen Luft aufzuhalten, ohne direkten Kontakt mit anderen Menschen zu haben – wenn jeder Verantwortung übernehme. Deshalb sei es laut Haase richtig gewesen, am Sonntag keine bundes- oder landesweite Ausgangssperre auszusprechen – sollte sie später jedoch kommen, müsste man sich natürlich daran halten.

Ausbreitung zulassen?

Vielmehr betont der Bundestagsabgeordnete im Laufe des Gespräches immer wieder: „Wir müssen so schnell wie möglich dafür sorgen, dass das öffentliche Leben wieder stattfinden kann – ich glaube nicht, dass die Gesellschaft diesen Zustand über den 19. April hinaus schultern kann. Wenn die Maßnahmen verlängert werden, mache ich mir Sorgen um unsere Struktur.“ Am 20. April werde die Krise nicht vorbei sein und das Gesundheitssystem werde bundesweit an die Grenzen gehen müssen. „Und dennoch kann es dann eigentlich nur eine Maßgabe geben: Das öffentliche Leben muss wieder nach oben fahren – der gesellschaftliche Zusammenhalt kann nur so gewährleistet werden.“ Eine Option wäre es laut Haase, Risikopersonen weiter zu schützen und sonst wieder Kontakte stärker zuzulassen – ein Ansatz zur Grundimmunisierung, der zumindest diskutiert werden müsse. Er knüpft damit an eine Idee des Ärztepräsidenten Klaus Reinhardt aus Bielefeld an: Der forderte bereits umfassende Maßnahmen, Risikopersonen zu isolieren, während sich das öffentliche Leben wieder normalisiert. Durch eine kontrollierte Corona-Ausbreitung in der jüngeren Bevölkerung könnte dann ein Durchseuchungsgrad erreicht werden, der die Epidemie zu Ende bringe.

Wirtschaft im Blickpunkt

Die Sorgen der vielen Unternehmer, die ihn im Homeoffice bereits kontaktiert haben, werden ernst genommen, sagt Haase: „Ein Rettungsschirm für private Unternehmen ist der richtige Weg, um die Wirtschaftsstruktur und damit die Arbeitsplätze in unserem Land zu erhalten. Wichtig ist, dass insbesondere das Handwerk, der Einzelhandel sowie Klein- und Kleinstunternehmen die Hilfen schnell bekommen – denn sie sind neben den Familienunternehmen das wirtschaftliche Rückgrat der Kommunen.“

Fesseln lösen

Die Krise sei auch eine Chance, bürokratische Fesseln zu lösen: „Alle Ebenen tragen dafür Sorge, dass unser Gemeinwesen weiter funktioniert. Die Kommunen und die kommunale Daseinsvorsorge bewähren sich in dieser Krise. Sie sind die Stabilitätsanker, auf die sich die Menschen verlassen können. Bürgermeister und Landräte, Verwaltungsmitarbeiter, Rettungs- und Hilfsdienste und viele Ehrenamtliche machen einen tollen Job vor Ort. Wir haben handlungsfähige Kommunen und kommunale Unternehmen, die am Gemeinwohl orientiert sind. Es ist gut, dass wir an einer starken kommunalen Selbstverwaltung festgehalten haben – auch gegen manche Privatisierungstendenzen.“

Solidarität auf dem Land

Die Gespräche, die Christian Haase derzeit per Telefon oder Video-Chat führt, seien teils emotional und intensiv – unter anderem gehe es auch um Reisende, die noch im Ausland festsitzen. Es gebe aber auch viele positive Signale aus dem Kreis Höxter und darüber hinaus, die wiederum Chancen für die Zukunft mit sich bringen würden. „Unsere Nation wächst wieder ein Stück weit zusammen. Das ist sehr positiv, immerhin haben wir alle in der Vergangenheit eine gesellschaftliche Spannung erlebt“, sagt er. Das fange bei der Nachbarschaftshilfe an und zeige eines ganz deutlich: „Der ländliche Raum darf nicht aufgegeben werden – hier wird Solidarität in besonderem Maß gelebt. Die vielen Initiativen von Privatleuten, Vereinen oder Firmen sind ein tolles Zeichen dafür.“

Auch die Wichtigkeit der lokalen Medien, die täglich seriöse Nachrichten zur Situation direkt vor Ort liefern, werde vielen wieder vor Augen geführt – ebenso die Relevanz einer guten Infrastruktur in den Ortschaften. Dazu gehörten laut Haase sowohl Dorfläden als auch die Digitalisierung. „Die muss einen Schub bekommen – das wird jetzt in der Corona-Krise deutlicher denn je“, sagt Haase, der aktuell zu einem großen Teil selbst auf digitale Kommunikationswege angewiesen ist. Mit nur wenigen Ausnahmen: Ein Plausch mit den Nachbarn ist trotz seiner Quarantäne immerhin durch das geöffnete Fenster erlaubt.

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