App und Internetseite: 30 Orte des Kreises Höxter beim Digitalisierungsprojekt dabei
„Dörfer leben nicht hinter dem Mond“

Warburg/Kreis Höxter (WB). Die Coronakrise zeigt, wie wichtig die Digitalisierung ist und noch werden wird. Im Kreis Höxter gibt es bereits seit einiger Zeit eine Initiative, die die Dörfer mit eigenen Apps, Internetseiten und digitalen Plattformen ausstatten und zukunftssicher machen will. 30 Dörfer sind dabei. Über den Fortgang des Projekts Dorf.Zukunft.Digital (DZD) hat Redakteur Jürgen Vahle mit Projektleiterin Heidrun Wuttke gesprochen. Sie will das Vorgehen im Kreis Höxter auch zu einer Blaupause für andere ländliche Räume machen.

Montag, 04.05.2020, 07:12 Uhr aktualisiert: 04.05.2020, 07:20 Uhr
2018 wurde das Team mit dem »Bildungs-Oskar« für das Projekt »Smart Country Side« mit dem Programm »Digitale Kompetenzen im ländlichen Raum« geehrt. Jetzt sollen noch mehr Orte im Kreis digitale Orte werden. Das Foto zeigt (von links): VHS-Leiter Andreas Knoblauch-Flach, Kreisheimatpfleger Hans-Werner Gorzolka, Projektleiterin Heidrun Wuttke und Dozent Mirko LöffelbeiI. In den beiden Pilotprojekten wurden 140 Dorf-Digital-Experten aus 16 Dörfern ausgebildet. Foto: Ralf Brakemeier
2018 wurde das Team mit dem »Bildungs-Oskar« für das Projekt »Smart Country Side« mit dem Programm »Digitale Kompetenzen im ländlichen Raum« geehrt. Jetzt sollen noch mehr Orte im Kreis digitale Orte werden. Das Foto zeigt (von links): VHS-Leiter Andreas Knoblauch-Flach, Kreisheimatpfleger Hans-Werner Gorzolka, Projektleiterin Heidrun Wuttke und Dozent Mirko LöffelbeiI. In den beiden Pilotprojekten wurden 140 Dorf-Digital-Experten aus 16 Dörfern ausgebildet. Foto: Ralf Brakemeier

 

Frau Wuttke, Dorf Zukunft Digital (DZD) lautet der Name des Digitalisierungsprojektes, das Sie in 30 Dörfern des Kreises Höxter leiten. Was ist ihr Ziel?

Heidrun Wuttke: Ziel ist ganz klar, die digitale Transformation im ländlichen Raum zusammen mit den Menschen vor Ort zu gestalten. Gerade die Dörfer sollen die Chancen der Digitalisierung nutzen, um die Daseinsvorsorge, Lebensqualität, Zukunftsfähigkeit, Nachbarschaftshilfe, Teilhabe sowie das bürgerschaftliche Engagement der Dorfgemeinschaften vor Ort zu stärken. Die Dörfer erproben ehrenamtlich und bedarfsgerecht digitale Anwendungen und schulen ihre digitale Kompetenz. Sie vernetzen sich untereinander und überregional mit anderen digitalen Dörfern. Langfristig soll im Kreis Höxter eine Blaupause für andere ländliche Regionen geschaffen werden.

 

Auf welchem Stand sind denn die Orte im Kreis Höxter bei der Digitalisierung?

Heidrun Wuttke: Die Digitalisierung ist in vielen Orten im Kreis Höxter bereits angekommen. In fast jedem Dorf gibt es junge Menschen, so genannte „Digital Natives“, die sich in der Materie gut auskennen, Berufstätige, die digitale Werkzeuge in ihren Firmen nutzen oder auch ältere Bürger, die sich privat mit digitalen Techniken auseinandersetzen und dieses Wissen weitergeben. Unsere Dörfer leben nicht hinter dem Mond und wollen die Chancen der Digitalisierung pragmatisch für sich nutzen, um ihre Heimat fit zu machen für die Zukunft.

 

Wer betreut das Projekt und finanziert es?

Heidrun Wuttke: Das LEADER-Projekt „DZD“ hat eine Förderdauer von drei Jahren und läuft noch bis zum 31. August 2022. Es wird finanziert aus LEADER-Fördermitteln (65 Prozent) und einer Kofinanzierung der zehn Kommunen im Kreis Höxter (35 Prozent). „DZD“ knüpft an die Digitalprojekte „Smart Country Side“ und „Digitale Kompetenz für Bürgerinnen und Bürger im ländlichen Raum“ an. Projektträger ist der VHS-Zweckverbrand Diemel-Egge-Weser mit Sitz in Warburg. Strategischer Partner ist die Gesellschaft für Wirtschaftsförderung im Kreis Höxter (GfW). Betreut wird es von mir.

 

Wo gibt es Schwierigkeiten?

Heidrun Wuttke: Es gibt nach wie vor viele Orte und Menschen, die der Digitalisierung skeptisch und mit Vorbehalten gegenüberstehen und Angst haben, dass virtuelle Realitäten künftig das gelebte Miteinander im Dorf ersetzen könnten.

 

Aber der Optimismus überwiegt offenbar. Viele Orte nehmen ja an dem Projekt teil?

Heidrun Wuttke: Ja, an den beiden ersten Pilotprojekten im Kreis Höxter, „Smart Country Side“ und „Digitale Kompetenz für Bürger im ländlichen Raum“, beteiligten sich insgesamt 16 Dörfer. 30 Dörfer sind nun ausgewählt worden, an dem Pilotprojekt Dorf.Zukunft.Digital (DZD) teilzunehmen.

 

Nach welchen Kriterien wurden die Orte ausgesucht?

Heidrun Wuttke: Die 30 Dörfer gliedern sich in drei Kategorien. In der ersten Kategorie sind sechs Dörfer, die bereits Erfahrungen mit der Erprobung digitaler Anwendungen haben und in denen es digitale Klassenzimmer und geschulte Dorf-Digital-Experten gibt, die ihr Wissen an ihre Dorfgemeinschaften weitergeben. In der zweiten Kategorie haben wir neun Ortschaften, in denen es digitale Klassenzimmer und geschulte Dorf-Digital-Experten gibt, die ihr Wissen an ihre Dorfgemeinschaften weitergeben. Die dritte Kategorie umfasst 15 neue Dörfer, die bisher keine digitalen Anwendungen erprobt oder ihre digitale Kompetenz geschult haben.

Die Dörfer der ersten beiden Kategorien waren bereits an den beiden Vorgängerprojekten beteiligt, die 15 neuen Dörfer haben an einem Auswahlverfahren teilgenommen. Sie mussten bestimmte Kriterien erfüllen, um dabei sein zu können.

 

Welche Kriterien waren das?

Heidrun Wuttke: Das Dorf muss durch den demografischen Wandel geprägt sein, es muss aktive Kümmerer geben, es muss Interesse daran bestehen, an einem Digitalprojekt teilzunehmen und die Chancen der Digitalisierung zu nutzen. Außerdem wurden in den 15 Dörfern bereits andere Projekte zur Dorfentwicklung erfolgreich durchgeführt. Natürlich muss auch Personal gestellt werden: vier freiwillig engagierte Bürger pro Dorf, die sich um das digitale Klassenzimmer sowie um die digitale Dorf-Plattform für fünf Jahre verbindlich kümmern und beides in der Dorfgemeinschaft bekannt machen. Außerdem muss es in diesen Orten zwei Dorf-Digital-Lotsen geben, die für den Zeitraum von fünf Jahren verbindlich die zentralen Ansprechpartner für die Mitbürger sind. Darüber hinaus mussten die 15 Dörfer eine Vision formulieren, wie sie ihr Dorf bis 2025 mit Hilfe der Digitalisierung zukunftsfähig gestalten möchten.

 

Worin unterscheiden sich die Ortschaften in ihren Wünschen und Vorstellungen?

Heidrun Wuttke: Bedingt durch die unterschiedlichen Erfahrungen, möchten 24 Dörfer (Kategorie 2 und 3) vor allem die digitale Dorf-Plattform (bestehend aus neuer Dorf-Website sowie einer Dorf-App mit einer Schnittstelle) nutzen. Konkret bedeutet das: Egal wer und wo – man kann sich nun über das Dorfgeschehen aktuell und in Echtzeit informieren. Zudem möchten die meisten Orte schnellstmöglich bedarfsgerecht digitale Anwendungen erproben, die bereits in anderen Dörfern entwickelt und mit der Dorfgemeinschaft getestet wurden, wie zum Beispiel die Gesundheits- und Senioren-App „Gut versorgt in Höxter“, den digitalen Dorf-Hilferuf, die Plattformen „Kirche digital“ oder „Neubürger“. Einige möchten möglichst bald ein digitales Klassenzimmer einrichten und für die Dorfgemeinschaft nutzen.

 

Digitales Klassenzimmer? Wie soll das aussehen?

Heidrun Wuttke: Über das Projekt „DZD“ erhalten die 15 neuen Dörfer digitale Lern- und Medienecken, das heißt IT-Equipment für selbst-organisierte Schulungen und Veranstaltungen. Zudem beraten die Digital-Lotsen Ortvorsteher, Vereine, Multiplikatoren und Bürger in allen Digitalfragen, bei der Beantragung von Fördermitteln sowie bei der Kommunikation der Vereine über Social-Media-Kanäle.

 

Manche Orte sind demnach schon recht weit in ihrer digitalen Entwicklung. Was kann für sie noch getan werden?

Heidrun Wuttke: Die sechs Dörfer der Kategorie 1 benötigen hauptsächlich mehr Zeit und Unterstützung durch das Hauptamt, um die digitalen Anwendungen ehrenamtlich zu erproben und das digitale Klassenzimmer aktiv zu nutzen.

 

Wie sind die Digital-Experten und Kümmerer in den Orten gefunden worden?

Heidrun Wuttke: Durch persönliche Kontakte der Hauptansprechpartner für das Projekt in den Dörfern sowie durch Info-Veranstaltungen, die wir in den Dörfern angeboten haben. Es hat auch Aufrufe in den Medien gegeben.

 

Wie werden Digital-Experten fortgebildet?

Heidrun Wuttke: Die vier Kümmerer pro Dorf lernen wahlweise in Präsenzkursen sowie Webinaren das Content-Management-System WordPress, mit dem sie ihre neue Dorf-Website erstellen und pflegen sowie die Dorf-App mit Neuigkeiten und Veranstaltungshinweisen füllen. Die Kurse umfassen jeweils vier Termine und dauern pro Termin 90 Minuten. Trainer ist Ulrich Wille, der die Geschäftsstelle Beverungen des VHS DEW leitet. Die drei Webinare sind so gut wie abgeschlossen. Die Präsenzkurse mussten wegen der Corona-Verordnungen verschoben werden. Die zwei Digital-Lotsen pro Dorf werden hingegen in 60 Unterrichtseinheiten über den Zeitraum von zwei Jahren geschult. Projektmanagement, Datenmanagement/Datenschutz, Social Media, Office, Ehrenamtskoordination/Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und Fördermittelmanagement stehen im Vordergrund.

 

Welchen Einfluss hat die Corona-Pandemie auf den Fortgang des Projekts?

Heidrun Wuttke: Nach Vorlage des Förderbescheids und der Gewinnung und Auswahl der 30 Dörfer von September bis Dezember 2019 sowie der Gewinnung der jeweils vier Kümmerer aus den 24 Dörfern (Kategorie 2 und 3) für die WordPress-Schulungen haben die Dorfbesuche in Amelunxen, Godelheim, Eversen und Germete begonnen. Weitere Besuche in den neuen Dörfern wurden wegen Corona zunächst abgesagt, werden aber baldmöglichst nachgeholt. Das dämpft die Dynamik des Projektes etwas. Zudem mussten die Netzwerktreffen unterbrochen und auf einen späteren Zeitpunkt verlegt werden, wobei auch Video-Tutorials zum Selbst-Lernen geplant sind, da die Abstandsregeln nicht mehr so viele Teilnehmer pro Kurs zulassen.

Auf der anderen Seite profitieren die sechs Dörfer der Kategorie 1, die bereits über eine neue Dorf-Website sowie den Dorf-Funk verfügen, von der schnellen Kommunikation. Verordnungen und Neuigkeiten im Zusammenhang mit Corona erreichen die Bürger jetzt gleich und überall, egal ob sie auf der Arbeit oder im Krankenhaus sind. Masken und Nachbarschaftshilfe können über den digitalen Marktplatz schnell angeboten und nachgefragt werden. Auch Absagen von Festen und Vereinstreffen machten so schnell die Runde.

Haben in Zukunft auch andere Dörfer die Chance, eine solche digitale Infrastruktur mit Ihrer Hilfe aufzubauen?

Heidrun Wuttke: Nach dem der Breitbandausbau im Kreis Höxter weitestgehend abgeschlossen ist und rund 25 Prozent aller Dörfer im Kreis Höxter am Projekt „DZD“ beteiligt sind, hoffen wir, dass sich der Kreis Höxter bundesweit als Kompetenzzentrum für Digitalisierung im ländlichen Raum etabliert und möglichst viele Dörfer im Kreis, aber auch in anderen Regionen von unserem umfangreichen Praxiswissen profitieren können. Zwar haben kürzlich in Reaktion auf die Corona-Krise drei Bundesländer eine Dorf-App für alle dortigen Orte freigeschaltet, aber unsere Erfahrung zeigt, dass es nicht reicht, einfach noch eine App in den Playstore zu stellen. Damit sie in der Dorfgemeinschaft vielfältig genutzt wird, braucht es viele Mitmacher und Engagierte, die ihre Inhalte und Anliegen einstellen und eine Koordination des Prozesses durch die gute Zusammenarbeit von Hauptamt und Ehrenamt. Insofern hoffen wir, dass wir in Zukunft die Chance erhalten, dass möglichst viele Orte im Kreis Höxter den Weg in die digitale Zukunft beschreiten können.

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