Offene Elterngruppe für hochsensible Jungen und Mädchen in Warburg gegründet
Wenn es Kindern zu laut und zu grell ist

Warburg (WB). In Warburg ist eine Elterngruppe für hochsensible Kinder gegründet worden. Seit einigen Wochen bietet die Kinderärztin Dr. Laure Oschmann im Lerntherapiezentrum „Denklabyrinth“ von Brigitte Engelbracht in der Bahnhofstraße Beratungsmöglichkeiten für Familien mit hochsensiblen Kindern an. Zudem hat sie dort Anfang September zusammen mit Therapeutin Gaby Weyrich eine offene Elterngruppe für Hochsensible ins Leben gerufen, deren Teilnehmer sich alle zwei Wochen treffen und aus der auch individuelle Beratungsgespräche hervorgehen können.

Dienstag, 15.09.2020, 23:36 Uhr aktualisiert: 16.09.2020, 16:52 Uhr
Dr. Laure Oschmann (links) und Therapeutin Gaby Weyrich bieten seit Anfang September eine Elterngruppe für Hochsensible im “Denklabyrinth”, Bahnhofsstraße 52, an. Foto: V. Schäfers-Michels
Dr. Laure Oschmann (links) und Therapeutin Gaby Weyrich bieten seit Anfang September eine Elterngruppe für Hochsensible im “Denklabyrinth”, Bahnhofsstraße 52, an. Foto: V. Schäfers-Michels

Was aber bedeutet Hochsensibilität eigentlich? Und woran kann man erkennen, ob das eigene Kind hochsensibel ist oder vielleicht sogar man selbst? Dr. Laure Oschmann hat in ihrer Praxis über viele Jahre hinweg erlebt, dass Eltern zu ihr gekommen sind, die sich Sorgen machten, weil ihr Kind beispielsweise vor der Schule so große Angst hatte, dass es körperliche Symptome wie Übelkeit, Kopfschmerzen oder Schlafstörungen entwickelte. Diese Kinder seien oft schreckhaft und grüblerisch und empfänden ihre Umwelt als zu laut, zu grell, als reizüberflutend anstrengend. Andererseits zeichneten sich diese Jungen und Mädchen durch Einfühlungsvermögen, Kreativität, einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und eine große Liebe zur Natur aus.

Sanftere Behandlung mit weniger Chemie

2005 habe sie das Buch „Zart besaitet“ des international ausgewiesenen Experten für Hochsensibilität, Georg Parlow, gelesen, berichtet Dr. Oschmann. Durch dieses Buch seien ihr schon einige Aspekte der Hochsensibilität klar geworden. Doch erst durch das Werk „Das hochsensible Kind“ der anerkannten amerikanischen Psychologin Elaine N. Aron habe sie das erforderliche Gespür für die Komplexität, für Ursachen und Wirkungen von Hochsensibilität entwickeln können.

„Seitdem achte ich als Kinder- und Jugendärztin sehr auf dieses Phänomen, berate und unterstütze Kinder, Eltern, Familien und einzelne Personen, welche sich möglicherweise schon immer als anders empfunden haben und nun endlich eine Erklärung dafür finden konnten“, erläutert die 72-Jährige. „Da Körper und Seele dieser Menschen viel mehr Sinneseindrücke aufnehmen sowie stärker und nachhaltiger auf jegliche Reize reagieren, brauchen sie eine sanftere Behandlung mit weniger Chemie. Medikamente wie Antibiotika lösen bei ihnen oft ausgeprägte Nebenwirkungen aus.“

Nächstes Treffen steht an

Vor zwei Jahren begegnete sie mit Gaby Weyrich einer Gleichgesinnten. Gaby Weyrich hat einen Master in Systemischer Beratung, ist unter anderem Lern- und Körpertherapeutin sowie Entspannungspädagogin.

Seit Mitte Juli gibt es bereits eine offene Elterngruppe für Hochsensible im nordhessischen Ahnatal (Landkreis Kassel). Da bei Brigitte Engelbracht vom Warburger „Denklabyrinth“ bereits Nachfragen zu einer Gesprächsgruppe zum Thema „Hochsensibilität“ eingegangen waren, haben Dr. Laure Oschmann und Gaby Weyrich nun auch in Warburg eine solche Gruppe eingerichtet. Deren Teilnehmer treffen sich 14-tägig im Wechsel mit der Gruppe in Ahnatal. Das nächste Treffen ist am 22. September von 19 bis 21 Uhr im „Denklabyrinth“, Bahnhofsstraße 52, vorgesehen. Kostenpunkt: 16 Euro pro Termin.

Ganze Familie ist betroffen

„Wir teilen Literaturlisten und Handouts aus, damit die Interessierten sich noch intensiver mit dieser so wichtigen Thematik beschäftigen können,“ erklärt Gaby Weyrich und fügt hinzu: „Die Teilnehmer fühlen sich wohl unter Gleichgesinnten, erleben endlich Menschen, ‚die genauso ticken‘ und erfahren, dass Hochsensibilität keine Erkrankung, sondern ein ganz normales, gar nicht so seltenes Persönlichkeitsmerkmal ist.“

Oft sei nicht nur das hochsensible Kind selbst betroffen, sondern auch Eltern, Geschwister und Großeltern. Treffen Hochsensible auf andere Menschen, so könne dies im Alltag auch zu einer Herausforderung für Schule, Beruf und Partnerschaft werden.

Die Homeschooling-Phase in der Covid-19-Pandemie habe sich auf Familien mit hochsensiblen Kindern deutlich ausgewirkt. „Es gibt zwei Seiten“, hat Dr. Laure Oschmann durch Rückmeldungen von Eltern erfahren. „Manche Kinder haben sich über die ‚Entschleunigung‘ und mehr gemeinsame Zeit mit Mutter oder Vater gefreut. Wo Eltern aber einer Doppelbelastung ausgesetzt waren, neigten deren Kinder nicht selten zu Verweigerungshaltung oder Wutausbrüchen mit entsprechend hoher Belastung der Eltern“, so die Expertin. „Hochsensible brauchen Verlässlichkeit, Vertrautes, Halt. Da stellen neue Lehrer, die Nutzung auch anderer Räumlichkeiten und insbesondere ein Wiedereinstieg in die Schule nach Monaten fehlenden Präsenzunterrichts eine echte Herausforderung dar.“

Niedriges Selbstwertgefühl

Zu erfahren, dass ihr Kind hochsensibel ist, führe bei Eltern, die sich das Verhalten ihres Nachwuchses nicht erklären konnten, nach anfänglicher Irritation zu einem starken Gefühl der Erleichterung. „Diese Kinder sind toll, so wie sie sind, und man sollte sie genau so belassen, aber das soziale Umfeld – Familie, Freunde, Erzieher und Lehrer – sollte viel mehr über Hochsensibilität wissen und nach diesem Wissen handeln, damit das großartige Potential hochsensibler Menschen sich entfalten kann“, betont sie.

„Oft haben Hochsensible ein niedriges Selbstwertgefühl, das mit ehrlicher Anerkennung und Erfolgserlebnissen gestärkt werden sollte“, verdeutlicht Gaby Weyrich. Zur Entspannung könnten Imaginationen, Körperbewusstseins- und Atemübungen helfen. „Ein Junge sagte mir, er packe alle seine schlechten Gedanken abends in eine Kiste und schicke sie auf einen anderen Planeten“, erinnert sich Dr. Oschmann.

Kontakt

Dr. Laure Oschmann, E-Mail: laure.oschmann@web.de; Gaby Weyrich, E-Mail: g.weyrich@gmx.net, Cafeteria Casselstübchen des Service Wohnen, Casselbreite 5 a, 34292 Ahnatal.

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