Kofinanzierung nötig – NPH-Verbandsvorsteher Dr. Ulrich Conradi spricht über Situation
ÖPNV: Städte sollen Zuschuss zahlen

Warburg (WB). Der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) im Hochstift wird teurer werden. Dessen ist sich Dr. Ulrich Conradi sicher. Der Paderborner Kreisdirektor und Verbandsvorsteher des Nahverkehrsverbundes Paderborn-Höxter (NPH) hat in Warburg über die Ziele und Probleme des ÖPNV referiert – und erklärt, dass er die Städte im Hochstift künftig zur Kasse bitten möchte.

Donnerstag, 17.09.2020, 05:20 Uhr
Auch durch Barrierefreiheit soll der ÖPNV punkten. Hohe Bordsteine an den Haltestellen erleichterten das Einsteigen zusätzlich. „Da haben wir in den letzten Jahren einige Millionen Euro investiert“, erklärt Dr. Ulrich Conradi. Foto: Daniel Lüns
Auch durch Barrierefreiheit soll der ÖPNV punkten. Hohe Bordsteine an den Haltestellen erleichterten das Einsteigen zusätzlich. „Da haben wir in den letzten Jahren einige Millionen Euro investiert“, erklärt Dr. Ulrich Conradi. Foto: Daniel Lüns

Kofinanzierung ab 2022/2023

Der Fachmann war auf Einladung der Senioren-Union des Kreises Höxter und des Kreises Paderborn in die Katholische Landvolkshochschule Hardehausen gekommen. Bei der ersten gemeinsamen Veranstaltung der Senioren stellte Conradi zunächst vor, wie der ÖPNV im Hochstift 19 Kommunen, 300.000 Einwohner und eine Fläche von 2446 Quadratkilometern versorgt. Und wie das auf Dauer bezahlt werden kann.

Demnach dürfte ab dem Jahr 2022 oder 2023 eine Kofinanzierung des Angebotes durch die Kommunen nötig sein. „Vier bis fünf Millionen Euro pro Jahr werden wir dann von den Städten haben wollen“, sagte Conradi. Das Ausweiten des Angebotes oder das Senken von Ticketpreisen erhöhe den Finanzierungsbedarf, erklärte er. Auch diese Mehrkosten müssten bezahlt werden. Aktuell kostet der ÖPNV in den Kreisen Höxter und Paderborn 35 Millionen Euro pro Jahr. Tendenz steigend.

Ticketsystem zu teuer

Zu zwei Dritteln werde die benötigte Summe über die Ticketpreise finanziert. So kämen etwa 20 Millionen Euro zusammen. Den Rest steuere das Land über verschiedene Töpfe bei. Reichen werde das auf Dauer aber nicht. In zwei bis drei Jahren werde der Personennahverkehr etwa 40 Millionen Euro kosten, prognostizierte Conradi.

Das wirke sich auch auf die Ticketpreise aus. 2,70 Euro kostet zurzeit ein normales Standardticket für einen Erwachsenen, der innerorts unterwegs ist. Wer mit mehreren Personen oder Kindern reist, zahlt entsprechend mehr. „Ich glaube, dass das System im Schnitt zu teuer ist“, sagte der NPH-Verbandsvorsteher. „Aber wir müssen es refinanzieren.“

Aufbau des Personenverkehrs

Der Personennahverkehr im Hochstift steht auf zwei Säulen: Dem Schienenverkehr und dem Straßenverkehr. Um ersteren kümmert sich der Zweckverband Nahverkehr Westfalen-Lippe (NWL), um letzteren der Nahverkehrsverbund Paderborn-Höxter (NPH). Die Stadt Paderborn bleibt außen vor. Dort fährt mit dem Padersprinter ein eigenes, städtisches Unternehmen. Sonderformen des Verkehrs sind etwa die Nachtlinien „Nachtexpress“ und die Bürgerbusse in Warburg, Lichtenau, Bad Driburg und Brakel.

1450 Bushaltestellen und ein Streckennetz von etwa 2100 Kilometern Länge bedient der NPH in den Kreisen Höxter und Paderborn. Zwei Firmen sind dort mit 250 Fahrzeugen unterwegs. Auch auf den Dörfern, betont Dr. Ulrich Conradi: „Es wird so oft gesagt ‚Hier fahren keine Busse‘. Das stimmt nicht. Werktags haben wir in der Regel zwischen 6 und 20 bzw. 22 Uhr einen Stundentakt.“

Situation in den Kreisen

Das Angebot im Hochstift sei gut. „Aber die meisten wissen das gar nicht“, sagte der NPH-Verbandsvorsteher. „Wir sind da stark, wo Menschen auf uns angewiesen sind“, sagte er. Das gelte etwa für die Beförderung von Schülern und Studenten. „Wo sie es nicht sind, sind wir ausbaufähig.“ Das treffe etwa auf den Verkehr in den Abendstunden oder am Wochenende zu. Und auf den täglichen Arbeitsverkehr. Dafür nutzten viele Menschen nach wie vor das Auto. Auf diese und andere Zielgruppen wolle der NPH künftig besser eingehen und sie vom Angebot überzeugen.

Dr. Ulrich Conradi hat über die Zukunft des öffentlichen Personennahverkehrs im Hochstift gesprochen.

Dr. Ulrich Conradi hat über die Zukunft des öffentlichen Personennahverkehrs im Hochstift gesprochen. Foto: Daniel Lüns

Im Kreis Höxter sei dies schwieriger, als im Kreis Paderborn, „weil wir dort kein wirkliches Oberzentrum haben“. Daher könnten im Kreis Höxter eher so genannte multimodale Angebote zum Ziel führen: Der Bus fahre dabei zwar nicht direkt von der Haustür bis zum Ziel. Aber bis zur Haltestelle könne man etwa mit dem Rad fahren, an der Zielhaltestelle gehe es mit dem E-Scooter weiter. Dafür müssten Rahmenbedingungen geschaffen werden. Sichere Fahrradparkplätze, Mietsysteme und Park-and-Ride-Flächen gehörten dazu.

Automat mit Video-Chat

Ebenso müsse der ÖPNV ohne Hindernisse nutzbar sein. Das fange beim Zustieg an. „Wir sind nicht vollständig barrierefrei. Aber weitestgehend“, sagte Dr. Ulrich Conradi. Unterwegs seien fast nur noch moderne Niederflurbusse, die auch kontaktloses Bezahlen und WLAN an Bord böten. Hohe Bordsteine an den Haltestellen erleichterten das Einsteigen zusätzlich. „Da haben wir in den letzten Jahren einige Millionen Euro investiert“, sagte der Fachmann.

Auch beim Schienenverkehr arbeite man am Abbau von Hindernissen. So seien bis 2023 alle 22 Haltestellen im Hochstift barrierefrei, gab Conradi einen Ausblick. Zudem werde die Fahrplanauskunft immer besser. Vereinzelt seien im Hochstift schon Automaten mit großen Bildschirmen zu finden, an denen sich Kunden per Video-Chat von Mitarbeitern beraten lassen können. „So einer steht zum Beispiel in Warburg“, sagte Conradi.

Sonderkarten kosten Geld

Dennoch blieben Probleme. So sei etwa eine spontane Anpassung des Systems nicht so einfach, da Linienbündel für etwa acht Jahre ausgeschrieben werden. Günstige Sondertickets, etwa eine 365-Euro-Jahreskarte, wie sie in der Stadt Wien angeboten wird, müssten erst einmal finanziert werden. „Möglich wurde dieses Ticket in Wien durch eine Abgabe von Unternehmen, die Verkehr produzieren, und erheblich verteuerte Parktickets“, sagte Conradi. Auch so könne der Umstieg vom Auto auf den Bus gelingen.

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