Gebäude dokumentieren Aufstieg und Fall der für Scherfede bedeutenden Wollfabrik und ihrer Eigentümerfamilie Roßkam
Alte Fabrikanten-Villen sind denkmalwürdig

Warburg -

Die Stadt Warburg beabsichtigt, zwei Bauwerke aus Scherfede in die Denkmalliste der Hansestadt eintragen zu lassen. Über einen entsprechenden Beschlussvorschlag für den Rat wird der Ausschuss für Planung, Bauen, Heimat- und Denkmalpflege in seiner nächsten Sitzung am Dienstag, 2. März (17 Uhr, Stadthalle), beraten. Die Verwaltung solle im Zuge der Fortschreibung der Denkmalliste damit beauftragt werden, die Eintragungsverfahren einzuleiten.

Mittwoch, 24.02.2021, 03:00 Uhr aktualisiert: 24.02.2021, 08:42 Uhr
Zwei bedeutsame Bauwerke am südwestlichen Ortsrand von Scherfede sollen nach dem Willen der Verwaltung in die Denkmalliste der Hansestadt Warburg eingetragen werden. Es handelt sich dabei um die Villen an der Briloner Straße 76 (Foto) und 102. Darüber soll nun zunächst der Bau- und Planungsausschuss der Stadt in seiner Sitzung am 2. März beraten.
Zwei bedeutsame Bauwerke am südwestlichen Ortsrand von Scherfede sollen nach dem Willen der Verwaltung in die Denkmalliste der Hansestadt Warburg eingetragen werden. Es handelt sich dabei um die Villen an der Briloner Straße 76 (Foto) und 102. Darüber soll nun zunächst der Bau- und Planungsausschuss der Stadt in seiner Sitzung am 2. März beraten. Foto: Stadt Warburg

Bei den zwei Gebäuden handelt es sich um die neuklassizistische Villa des jüdischen Fabrikanten Elias Roßkam, Briloner Straße 76, sowie die Villa des jüdischen Fabrikanten Albert Roßkam, Briloner Straße 102. Die Bauwerke sind bereits in der Kulturgutliste beziehungsweise der Denkmaltopographie der Hansestadt erfasst worden.

„Die Stadtverwaltung und die LWL Denkmalpflege stimmen darin überein, dass es sich bei diesen Objekten um Denkmäler handelt, an deren Erhaltung und Nutzung ein öffentliches Interesse besteht“, schreibt Bürgermeister Tobias Scherf in der Sitzungsvorlage für den Ausschuss. Ferner seien diese Villen wichtige Zeugnisse für die Geschichte der Hansestadt und ihrer Bürger sowie für die Entwicklung der Arbeits- und Produktionsverhältnisse in Warburg.

Einen Ortstermin mit Innenbesichtigung beider Villen hat es bereits im August vergangenen Jahres gegeben. Die abschließende Begründung ihres Denkmalwertes durch den Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) steht noch aus.

Über die Eintragung in die Denkmalliste der Stadt würde den Eigentümern und Nutzungsberechtigten dann ein rechtsmittelfähiger Bescheid zugestellt, erklärt Tobias Scherf. „Somit haben die Eigentümer die Möglichkeit, die Eintragung verwaltungsrechtlich anzufechten“, erläutert der Bürgermeister in der Vorlage die gesetzlichen Grundlagen.

Villa Briloner Straße 76

Die neuklassizistische Villa ließ der jüdische Fabrikant Elias Roßkam (1834–1899) um 1885 südwestlich der Scherfeder Ortslage auf einem parkähnlich gestalteten Hanggrundstück abgesetzt von der Straße erbauen. Zusammen mit Friedrich Böhlen (1802–1884) hatte er 1863 eine nach beiden benannte Wollfabrik als erstes größeres Gewerbeunternehmen in der Region gegründet. Ab 1964 wurde es von Diakonissen als Kinderheim geführt.

Das Anwesen, heute als Sozialeinrichtung für Jugendliche genutzt, ist laut Sitzungsvorlage zwar in der Gesamtwirkung durch einen Kranz moderner, flacher Anbauten beeinträchtigt, jedoch aus ortsgeschichtlicher und städtebaulicher Sicht von Bedeutung. Es dokumentiere eine Facette des industriellen und wirtschaftlichen Aufschwungs Scherfedes im ausgehenden 19. Jahrhundert.

Das ursprüngliche Erscheinungsbild des Putzbaus mit profilierten Gewänden über hohem Kellergeschoss und unregelmäßigem Grundriss ist trotz Verlust von bauzeitlichem Architekturdekor im Zuge der Umnutzung zum Kinderheim weitgehend erhalten. Straßenseitig tritt eine Veranda mit Pfeilern, Pilastern und mittlerer ionischer Säule sowie Balustrade vor. Darüber erhebt sich ein Balkon mit Metallziergitter.

Das Obergeschoss zeichnet sich durch eine risalit­artige Vorblendung mit Muschelnische aus, darüber ein Flachgiebel. Seitlich zurückliegend befindet sich ein Baukörper mit dem Eingang, der sich über einen höheren Zwischenteil zum überhöhten Eckturm unter Zeltdach fortsetzt. Eine mit Kunstschiefer und Zinkblech eingedeckte Dachlandschaft prägt das Gebäude. Teilbereiche im Inneren (Büro, Küche, Spielzimmer) wurden verändert. Sie werden über das seitlich angeordnete Treppenhaus erschlossen.

Villa Briloner Straße 102

Das Gebäude geht auf eine Villa zurück, die sich der jüdische Fabrikant Albert Roßkam (1872–1930) im Jahr 1922 von dem Charlottenburger Architekten Fritz Fabian am südwestlichen Ortsrand von Scherfede auf einem parkartigen Grundstück oberhalb der Briloner Straße errichten ließ.

Die Lage am Scherfeder Ortsrand erklärt sich durch die Nähe des Grundstücks zur Wollfabrik des Bauherrn, die sich in fußläufiger Entfernung südlich der Briloner Straße auf dem Gelände des heutigen Unternehmens Lödige Industries befand. Nach dem Tod des Bauherrn und dem nachfolgenden Konkurs seines Unternehmens begann die zweite Nutzungsphase des Gebäudes als Standort für Kur- beziehungsweise Therapieeinrichtungen.

Das Gebäude geht auf eine Villa zurück, die sich der jüdische Fabrikant Albert Roßkam (1872–1930) im Jahr 1922 von dem Charlottenburger Architekten Fritz Fabian am südwestlichen Ortsrand von Scherfede auf einem parkartigen Grundstück an der Briloner Straße 102 errichten ließ.

Das Gebäude geht auf eine Villa zurück, die sich der jüdische Fabrikant Albert Roßkam (1872–1930) im Jahr 1922 von dem Charlottenburger Architekten Fritz Fabian am südwestlichen Ortsrand von Scherfede auf einem parkartigen Grundstück an der Briloner Straße 102 errichten ließ. Foto: Stadt Warburg

Gestalterisch folgt der schlichte, zweigeschossige Putzbau mit Sockelzone in Bossenmauerwerk und einem Walmdach zeitgenössischen Mustern der Reformarchitektur. Die Freiraumgestaltung der Villa von 1922 ist in ihren wesentlichen Strukturen einschließlich des Wegenetzes und der Einfriedung ebenfalls umfänglich überliefert.

Prägend für den heutigen Bestand ist vor allem die Zeit als Kuranstalt Dr. Siepmann, in der das Gebäude südwestlich um zwei Fensterachsen erweitert wurde. Diese Erweiterung erfolgte nicht nur in bewusst angepasster Formensprache. Es blieben auch die räumlichen Strukturen und insbesondere die hochwertigen wandfesten Ausstattungen in der prägenden Diele des Erd- sowie des ersten Obergeschosses sowie im früheren Speisezimmers erhalten.

Das Gebäude sei bedeutend für die Ortsgeschichte, da es den Aufstieg und den Fall der für Scherfede überaus bedeutenden Wollfabrik und ihrer Eigentümerfamilie Roßkam spiegelt, heißt es in der Sitzungsvorlage. Albert Roßkam, Fabrikbesitzer und Inhaber zahlreicher öffentlicher Ämter, ließ sich einen Wohnsitz errichten, der seinen wirtschaftlichen Erfolg, aber auch seine Stellung in Scherfede und darüber hinaus dokumentierte.

Der Villenbau legte außerdem den Grundstein für das weitere Wachstum Scherfedes entlang der Briloner Straße nach Südwesten. Heute ist die Bebauung vom Ortskern bis an das Grundstück herangewachsen.

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