Archäologen erforschen gescheitertes Großprojekt in der Egge
Wo Taucher nach einer Bahntrasse suchen

Willebadessen(WB). Für die Region wäre es ein Jahrhundertbauwerk gewesen. Doch der Bau des Eisenbahntunnels scheiterte 1848, zwei Jahre nach Baubeginn. Taucher und Archäologen begaben sich jetzt auf Spurensuche in der Egge – und machten manch erstaunliche Entdeckung.

Freitag, 02.12.2016, 16:08 Uhr
Am gefluteten Westeingang des einst geplanten Tunnels macht Taucher Feiko Wilkes Aufnahmen. Foto: Oliver Schwabe
Am gefluteten Westeingang des einst geplanten Tunnels macht Taucher Feiko Wilkes Aufnahmen. Foto: Oliver Schwabe

»Dies ist ein einmaliger Ort. Eine solch historische, nie vollendete Bahntrasse gibt es sonst nirgends in Deutschland«, sagt Archäologe Fritz Jürgens und blickt auf die nackten Felswände der mehr als 20 Meter tiefen, wildromantischen Schlucht in der Egge zwischen Willebadessen und Lichtenau. Der gebürtige Borgentreicher ist Doktorand an der Uni Kiel und dort Mitglied einer Tauchergruppe von Archäologen. Mit ihnen ist er in seine alte Heimat zurückgekehrt, um die Rätsel des nie vollendeten Eisenbahntunnels zu lüften.

Dessen Bau begann vor 170 Jahren: Auf 600 Metern sollte er durch die Egge zwischen Willebadessen und Lichtenau führen. 500 Arbeiter trieben für die Cöln-Minden-Thüringische-Eisenbahngesellschaft mit Muskelkraft und Schwarzpulver von zwei Seiten noch heute sichtbare Schneisen in den Berg. Der Tunnel war als Teil der Bahnstrecke zwischen der hessischen Landesgrenze und Lippstadt geplant. »Für die ländliche Region war dies, erst elf Jahre, nachdem die erste Eisenbahn in Deutschland fuhr, ein Meilenstein, sozusagen die Ankunft der Moderne«, sagt Nils Wolpert vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe, gemeinsam mit Jürgens Grabungsleiter.

Die Großbaustelle bei Willebadessen wurde aufgegeben

Oberingenieur August Pickel aus Magdeburg hatte in Großbritannien den Tunnelbau gelernt, er brachte die modernste Bautechnik mit ins Ostwestfälische. Doch finanzielle Probleme der Eisenbahngesellschaft, Erdrutsche und nicht zuletzt die bürgerliche Revolution von 1848 ließen den Bau scheitern. Nur ein Zehntel der 600 000 Euro Taler Baukosten konnten die Aktionäre aufbringen. 1848 meldete die Eisenbahngesellschaft Insolvenz an. Der preußische Staat übernahm die Gesellschaft und änderte die Streckenführung. Jetzt wurde auch zwei- und nicht mehr eingleisig gebaut. Allerdings nicht auf dem kürzesten, direkten Weg durch die Egge, sondern mit einem Bogen über Altenbeken fuhren von 1853 an die Züge. Nur deswegen entstand übrigens in Altenbeken der beeindruckende Viadukt. Die Großbaustelle bei Willebadessen wurde aufgegeben, die fertiggestellten, etwa 200 Meter langen Tunnelabschnitte zum Schutz von Mensch und Tier gesprengt.

Die Natur eroberte sich das Gelände zurück. Geblieben sind zwei bis zu 25 Meter tiefe Schluchten an den Tunneleingängen, ein etwa 100 Meter langer Bahndamm, der mitten im Wald endet und drei Eingänge zu senkrechten Schächten, durch die Arbeiter abgeseilt wurden. Bei Grabungen mit ehrenamtlichen Mitstreitern haben Jürgens und Wolpert im Sommer am östlichen Tunneleingang Fundamentreste einer alten Schenke freigelegt, in der einst die Bauingenieure bewirtet wurden. Flaschenhälse, Scherben von Keramiktellern, Tonpfeifensplitter und alte Ziegel kamen zum Vorschein. Im nächsten Jahr soll weitergegraben werden.

Taucher erkunden die Eggeschlucht

Doch was verbirgt das Wasser im gefluteten westlichen Tunneleingang? Vier Taucher der Arbeitsgruppe für Meeres- und Süßwasserarchäologie der Uni Kiel schauten im nur sechs Grad kalten Wasser der Eggeschlucht nach. Es war das erste archäologische Unterwasserprojekt des Landschaftsverbandes überhaupt. Mit Spezialkameras filmten und fotografierten sie den Grund des bis zu 3,50 Meter tiefen Gewässers. »Das ist schon sehr romantisch hier«, sagt Forschungstaucher Christian Howe nach einem einstündigen Tauchgang.

Bis konkrete Ergebnisse vorliegen, kann es dauern. »Die Aufnahmen werden am Computer zu 3-D-Modellen. Viele Erkenntnisse gewinnen wir dann erst im Nachgang«, sagt Fritz Jürgens. Interessant sei etwa zu erfahren, ob sich am Grund Schwellensteine oder sogar Gleise befinden. »Dann wüssten wir, dass der Tunnelbau bereits weit voran geschritten war.«

Die Forschungsergebnisse sollen eventuell auf Schautafeln vor Ort auch Wanderern kundgetan werden. Man sei im Gespräch mit dem Waldeigentümer, Konstantin Freiherr von Wrede.

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