Sa., 15.09.2018

Drei Jahre Grabungen in der Egge – Fortsetzung der Arbeiten unklar Eisenbahnforscher zieht Bilanz

Der Borgentreicher Fritz Jürgens von der Christian-Albrechts-Universität Kiel (CAU) begleitete die Arbeiten als Grabungsleiter. Er steht am Bahndamm, der nach etwa 100 Metern abrupt im Wald endet. Nils Wolpert (LWL) ist der zweite Grabungsleiter.

Der Borgentreicher Fritz Jürgens von der Christian-Albrechts-Universität Kiel (CAU) begleitete die Arbeiten als Grabungsleiter. Er steht am Bahndamm, der nach etwa 100 Metern abrupt im Wald endet. Nils Wolpert (LWL) ist der zweite Grabungsleiter. Foto: Daniel Lüns

Von Daniel Lüns

Willebadessen (WB). Wo heute Wanderer durch die Egge ziehen, war vor 170 Jahren eine Großbaustelle. Der gescheiterte Tunnelbau zwischen Willebadessen und Lichtenau gewährt einen einmaligen Einblick in die Pionierzeit der Eisenbahn. Von 2016 bis 2018 forschten Wissenschaftler daher vor Ort. Ob die Grabungen weitergehen, ist jedoch unklar.

Nils Wolpert vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) und der Borgentreicher Fritz Jürgens von der Christian-Albrechts-Universität Kiel (CAU) sind die Grabungsleiter des Projektes. Für das WESTFALEN-BLATT zieht Jürgens nach drei Jahren Forschung nun exklusiv eine Bilanz.

Warum wurde drei Jahre lang in der Egge gegraben?

Die lange Forschungszeit war nicht geplant, erklärt Jürgens. »Am Anfang ging es nur um die Schenke, die wir vor Ort vermuteten. Wir wollten einen Eindruck davon bekommen, ob überhaupt noch etwas im Boden ist«, sagt der Grabungsleiter. Auf einer Tagung in Münster hatten er und Wolpert das Projekt vorgestellt – und waren auf riesiges Interesse gestoßen. Aufwendige Untersuchungen in der Egge wiederum förderten stets neue Ergebnisse zutage. »So hat sich das entwickelt. Und dann waren drei Jahre rum.«

Was wurde gefunden?

»Die Gebäude, die wir von alten Plänen her kannten, konnten wir durch die Grabungen genau lokalisieren«, sagt der Fachmann. Dabei wurden zahlreiche Überreste gefunden, wie Krüge oder Werkzeug – oder auch das ganze Dach der Wächterbude, das im Boden erhalten geblieben war. »Das alles spricht dafür, dass die Baustelle nicht groß abgebrochen oder geordnet geräumt wurde.«

Im westlichen Einschnitt entdeckten Taucher weder Werkzeuge noch anderes Material. »Der Einschnitt war noch nicht weit ausgearbeitet«, erklärt Jürgens. Zudem fanden die Forscher heraus, dass die Tunnelarbeiten wegen Geldmangel eingestellt worden waren. »Auf keinen Fall führte ein Wassereinbruch zur Aufgabe«, räumt der Experte mit einem weit verbreiteten Gerücht auf.

Was kann man noch finden?

An der Alten Eisenbahn ist ein Pulverturm verborgen, in dem Schießpulver für die Sprengungen gelagert wurde. Auch gab es eine Tischlerei. »Von diesen Gebäuden wissen wir. Es kann gut sein, dass im Tal weitere Gebäude zu finden sind«, sagt Fritz Jürgens. Auf alten Plänen seien sie nicht verzeichnet. Am westlichen Einschnitt haben die Forscher einen Ort gefunden, der ein Steinbehauungsplatz gewesen sein könnte. Außerdem ist über das Leben der etwa 600 Arbeiter kaum etwas bekannt.

Wer hat das Ganze bezahlt?

Die CAU stellte Arbeitskräfte und Fahrzeuge zur Verfügung und mietete die Unterkunft für die Forscher. Der LWL kümmerte sich um die Verwaltung und Vermessung und stellte Transportbehälter bereit. Die Grabungen dienten der CAU als Lehrveranstaltung, um Archäologiestudenten auszubilden. Wie viel die Arbeiten gekostet haben, ist unklar. »Für eine archäologische Grabung sind wir aber sehr billig. Das Teuerste war das Mieten der Ferienwohnung für die Studenten«, sagt Jürgens.

Lohnt es sich, an der Alten Eisenbahn weiterzuforschen?

»Es lohnt sich immer, dort vorbeizuschauen«, bilanziert der Grabungsleiter. »Dieses Projekt ist in Europa einmalig. Man könnte an der Alten Eisenbahn sicher noch zehn Jahre lang graben. Das Potenzial dafür ist da.«

Wann entscheidet sich, ob die Grabungen weitergehen?

Welche wissenschaftlichen Fragen stehen noch im Raum? Lassen sie sich beantworten? Und können die Grabungsleiter das zeitraubende Projekt weiterhin stemmen? Mit diesen und weiteren Fragen werden sich Fritz Jürgens und Nils Wolpert nun auseinandersetzen. Innerhalb der nächsten Wochen – spätestens bis Ende des Jahres – soll dann eine Entscheidung fallen, ob die Arbeiten weitergeführt werden. »Die Freigabe des LWL haben wir bereits. Auch mein Professor an der CAU würde sich freuen, wenn es weitergeht«, sagt Jürgens. Ab Frühjahr 2019 könnte weitergeforscht werden.

Was wird aus den Funden?

Zurzeit werden die mehr als 1000 Fundstücke und Pläne an der CAU digital erfasst und katalogisiert. Zudem schreibt ein Student seine Bachelor-Arbeit über die Schenke. »In naher Zukunft«, sagt Jürgens, soll auch ein Abschlussbericht zur Forschung erscheinen.

Was wird aus der Eisenbahn?

Seit Jahren gibt es Pläne, die Alte Eisenbahn touristisch erlebbar zu machen. LWL und CAU wollen nun die Initiative ergreifen, erklärt der Grabungsleiter: »Wir schreiben gerade einen Antrag, um Fördergelder zu bekommen.«

Damit sollen Stahl-Silhouetten bezahlt werden, die Arbeiter darstellen. Sie könnten an den Grabungsorten stehen. Auch Info-Tafeln sind geplant, »damit man Wanderern erklärt, was dort ist. Es gibt ja kein einziges Hinweisschild«, sagt Jürgens. »Ziel ist, sich Ende des Jahres mit allen Beteiligten zusammenzusetzen und das weitere Vorgehen zu besprechen.«

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