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Do., 17.09.2015

Jugendtrainer schuld an Torunfall – Anwalt: »Fehlurteil« »Ein Dolchstoß fürs Ehrenamt«

Volker Dierk (links), der frühere Trainer der D-Jugend beim FC Augustdorf, mit seinem Verteidiger Jann Popkes vor dem Landgericht Detmold: Sie wollen das gestrige Urteil vom Oberlandesgericht Hamm auf Rechtsfehler prüfen lassen.

Volker Dierk (links), der frühere Trainer der D-Jugend beim FC Augustdorf, mit seinem Verteidiger Jann Popkes vor dem Landgericht Detmold: Sie wollen das gestrige Urteil vom Oberlandesgericht Hamm auf Rechtsfehler prüfen lassen. Foto: Christian Althoff

Von Christian Althoff

Augustdorf/Detmold (WB). Verbitterung ist in seinem Gesicht zu erkennen, als Volker Dierk (44) das Urteil hört: Schuldig der fahrlässigen Körperverletzung.

Dierk kann es nicht glauben. Die Gemeinde Augustdorf hat jahrelang versäumt, im Nebenraum ihrer Sporthalle eine Möglichkeit zu schaffen, um ungenutzte Handballtore zu sichern. Dem Sicherheitsbeauftragten der Gemeinde ist das nie aufgefallen. Und auch der TÜV Nord beanstandete das bei einer Begehung wenige Monate vor dem Unfall nicht. Aber ihm, dem ehrenamtlichen Jugendtrainer – ausgerechnet ihm hätte diese Sicherheitslücke auffallen sollen? »Ein Fehlurteil«, sagt Anwalt Jann Popkes und schüttelt den Kopf.

Als Richter Rudolf Hartl gestern Morgen die Sitzung eröffnet, ist es das zweite Mal, dass sich ein Gericht mit dem Torunfall von Augustdorf befasst. Im Januar stand Dierk bereits vor dem Amtsgericht und wurde verurteilt. »Zu Unrecht«, wie er sagt. Deshalb hofft der Familienvater heute auf einen Freispruch.

Mit acht Jahren in den Club eingetreten

Mit acht Jahren trat Dierk in den FC Augustdorf ein. Fast jedes Amt hatte er schon inne, auch Vorsitzender war er eine Zeit lang. Die Organisation der Hallenkreismeisterschaft im Januar 2013 schien Routine. Der Toraufbau, das Brötchenschmieren, der Job des Hallensprechers – alles war eingeteilt. »Aber es gab niemanden, der konkret mit der Kontrolle der Sicherheit beauftragt war«, sagt der Angeklagte. »Natürlich habe ich damals geprüft, ob der Hallenboden in Ordnung ist und die Fußballtore fest im Boden verschraubt sind.« Aber an die Handballtore, die in der Nebenhalle ungesichert abgestellt gewesen seien, habe niemand gedacht.

Das Turnier lief seit etwa zwei Stunden, als sich in dem Nebenraum zehn Jungen der Spielvereinigung Hagen-Hardissen aufwärmten. Zwei von ihnen hat das Gericht als Zeugen geladen. Sie erzählen, sie seien mit zwei oder drei Betreuern zum Turnier gefahren. »Aber von denen war keiner dabei, als wir uns warmgespielt haben«, sagt einer der Jungen. Ein Spieler habe die Latte des Handballtors getroffen, und das sei umgekippt. »Fynn-Luca stand im Tor. Er wollte das Tor noch auffangen, aber es hat ihn voll getroffen.« Zu dieser Zeit war Volker Dierk in der Kabine und tröstete seine Mannschaft, die gerade haushoch verloren hatte. »Ich wusste doch gar nicht, dass Kinder in der Nebenhalle mit einem Ball spielen«, sagt er.

Mutter: »Nutella schmeckt Fynn-Luca salzig«

Im Zeugenstand erzählt Claudia Rinne später, wie sehr ihr Sohn unter den Folgen der zahlreichen Schädelbrüche leidet. »Er hat oft Kopfschmerzen und erhebliche Lernschwierigkeiten. Er ist rechts schwerhörig und muss trotz einer Ohr-Operation ein Hörgerät tragen. Und sein Geschmacksinn ist zerstört. Nutella schmeckt Fynn-Luca salzig.«

Für die Staatsanwaltschaft liegt die Verantwortung für die ungesicherten Tore beim städtischen Hausmeister und den beim Turnier anwesenden Verantwortlichen des ausrichtenden FC Augustdorf. Der Hausmeister, der Vize-Vereinsvorsitzende und der Jugendgeschäftsführer zahlten bereits im vergangenen Jahr zwischen 600 und 800 Euro und entgingen so einem Prozess. Jugendtrainer Dierk wollte das nicht. Er wollte Klarheit.

»Auch wer ein Ehrenamt ausübt, muss sich mit Vorschriften vertraut machen«, sagt Richter Hartl, als er die Geldstrafe von 2000 Euro begründet. Als Mitglied des Organisationsteams habe Dierk eine Garantenstellung für die Turnierteilnehmer gehabt. Weil er seine Pflicht nicht erfüllt habe, sei es zu dem »sehr tragischen Unfall mit ganz erheblichen Folgen« gekommen.

Verteidiger Jann Popkes nennt das Urteil einen »Dolchstoß fürs Ehrenamt«. Er begreife einfach nicht, sagt er, dass die Staatsanwaltschaft nicht die drei Betreuer der betroffenen Mannschaft Hagen-Hardissen in der Pflicht sehe.

Volker Dierk ist weiter Mitglied im FC Augustdorf. Ein Amt im Verein will der technische Angestellte aber nicht wieder übernehmen.

Kommentare

Unfassbares Urtel

Vermutlich rechtlich korrekt aber leider gänzlich ohne Fingerspitzengefühl und ohne jeglichen Praxisbezug

1 Kommentare

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