Wie Soldaten aus Augustdorf den Krieg am Hindukusch erleben
»Es ist eben keine Übung«

Augustdorf (WB). In Afghanistan verüben die Taliban seit dem Scheitern der Friedensverhandlungen mit den USA fast täglich Anschläge. Viele Bundeswehrsoldaten vor Ort erleben die Kämpfe zwischen afghanischen und US-Sicherheitskräften und Aufständischen mit. 270 von ihnen sind jetzt nach acht Monaten nach Augustdorf zurückgekehrt.

Sonntag, 22.09.2019, 08:00 Uhr aktualisiert: 23.09.2019, 07:02 Uhr
Eine Patrouille in Masar e-Scharif: Hier, im Norden Afghanistans, befindet sich das Basiscamp Marmal. Foto: Bundeswehr/ PzGrenBtl 212
Eine Patrouille in Masar e-Scharif: Hier, im Norden Afghanistans, befindet sich das Basiscamp Marmal. Foto: Bundeswehr/ PzGrenBtl 212

Man solle sich keine Illusionen machen, mit dem Abschluss des NATO-Mandates »ISAF« (International Security Assistance Force) 2014 sei der Krieg in Afghanistan beendet worden, betont Maik Cohrs. Der 42-Jährige ist mit seinem Augustdorfer Panzergrenadierbataillon 212 vor wenigen Wochen aus dem Krisengebiet zurückgekehrt.

Deutsche, Amerikaner und Armenier

Der lange Auslandseinsatz innerhalb der NATO-Mission »Resolute Support« (deutsch: entschlossene Unterstützung), an der Soldaten aus 16 Nationen beteiligt sind, diente dem Schutz und der Beratung der afghanischen und internationalen Sicherheitskräfte. Im Oktober ging es los.

Hauptmann Michael B. (32) war das erste Mal in Afghanistan, er führte die Kompanie des Bataillons in Kunduz. In dem dortigen Feldlager Camp Pamir (250 Mal 50 Meter) seien circa 200 Soldaten stationiert gewesen, darunter Deutsche, Amerikaner und Armenier.

»Das große Problem sind sogenannte Innentäter, Afghanen, die eingeschleust werden, um Anschläge zu verüben«, sagt der Hauptmann. Eine besondere Herausforderung: monatelang auf engstem Raum mit Kameradinnen und Kameraden zu leben.

»Jeder Soldat hat zwei mal einen Meter Platz im Zelt«

Das schildert auch Tony L. (40), der acht Wochen lang die Kompanie in Maimana im Nord-Westen des Landes geführt hat: »Jeder Soldat hat zwei mal einen Meter Platz im Zelt. Man hat monatelang keine Privatsphäre, es gibt keinen Rückzugsort.«

Nur einen Tag, bevor die Augustdorfer in Maimana ankamen, war das Lager unter Panzerbeschuss. »Es war klar, dass es Versuche geben wird, die Unterstützungsmission zu behindern, die Soldaten waren sehr angespannt«, sagt Kommandeur Maik Cohrs.

Als zu Beginn des Einsatzes eine Haubitze (schweres Artillerieschütz) zum Einsatz gekommen sei, sei den Kameraden bewusst geworden, dass Krieg herrsche. »Das macht etwas mit den Soldaten. Sie haben realisiert, dass es keine Übung ist – dass die Afghanen schießen, um andere Afghanen zu töten.«

Allgegenwärtige Gewalt

Die Gewalt sei allgegenwärtig, die Taliban machten keinen Unterschied, in wessen Auftrag die ausländischen Soldaten dort seien, sagt Cohrs. »Dadurch, dass die Feldlager unmittelbar an afghanische Kasernen angebunden sind, bekommt man die Gefechte natürlich mit«, sagt Tony L. Es komme häufiger vor, dass man um vier Uhr morgens kerzengerade im Bett sitze, »weil alles um einen herum wackelt«, sagt Michael B.

Auch seien die Kameraden, die einen zusätzlichen Sanitätsdienst leisten, an den »exponierteren Stellen«, wie Maimana, mit der Versorgung verwundeter Partner konfrontiert, sagt Maik Cohrs.

Zwei Raketenangriffe kurz vor der Abreise

Die Kameraden hätten teilweise fünf Verletzte und Tote pro Woche geborgen und mitunter bei Amputationen geholfen. »Wir müssen davon ausgehen, dass nach diesem Einsatz auch posttraumatische Belastungsstörungen auftreten können«, sagt Maik Cohrs.

Auch die Planung des Einsatzalltages sowie der Routineaufgaben von einem Gefechtsstand aus sei belastend, weil man die Verantwortung für sehr viele Kameraden tragen müsse. »Es ist halt keine Übung. Ich weiß, wenn ich sage, sie sollen nach links gehen, gehen sie nach links. Mit allen Konsequenzen, die das haben kann«, sagt Michael B.

Nur wenige Tage vor der Abreise nach Deutschland mussten die Soldaten in Kunduz zwei Raketenangriffe miterleben – einer traf das Camp. »Wegen des Angriffs kurz zuvor, waren aber alle schon in den Schutzräumen«, erinnert sich Michael B., weshalb keiner seiner Kameraden verletzt wurde. Sie hatten Glück.

Als nächstes brechen fünf Soldaten aus Augustdorf im November nach Kabul auf, um deutsche Militärberater vor Ort zu schützen.

Kommentare

Dietmar Dorrhausen  schrieb: 23.09.2019 11:43
Afghanistan ist nicht sicher
Schrecklich, dass in so ein Kriegsgebiet abgeschoben werden soll. Der Bericht der Soldaten zeigt eindrücklich, dass Afghanistan nicht sicher ist.
1 Kommentare
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