Mo., 18.06.2018

Besonderes »Wege«-Gastspiel mit Ulrich Noethen, Günter »Baby« Sommer und Till Brönner Maupassant mit Schlagwerk

Freejazz-Legende Günter »Baby« Sommer am Schlagwerk: Nicht immer konnte das Publikum seinen Kompositionen folgen, doch er wusste es wieder einzufangen.

Freejazz-Legende Günter »Baby« Sommer am Schlagwerk: Nicht immer konnte das Publikum seinen Kompositionen folgen, doch er wusste es wieder einzufangen. Foto: Andreas Schnadwinkel

Von Andreas Schnadwinkel

Bad Salzuflen (WB). Höhepunkte gibt es genug beim Literatur- und Musikfest »Wege durch das Land«. Doch das Gastspiel von Ulrich Noe­then, Till Brönner und Günter »Baby« Sommer ragt auf seine Weise heraus.

Gestern machten die »Wege« Station in Bad Salzuflen. In der Konzerthalle konnten 1200 Besucher verfolgen, wie ein gutes Konzept funktioniert – jedenfalls im ersten Teil. Passend zum Ort hatten die »Wege«-Macher Helene Grass und Albrecht Simons von Bockum Dolffs einen Text von Guy de Maupassant (1850 - 1893) ausgewählt. In »Mont-Oriol« geht es um die Anfänge des Tourismus und die Erfindung ei­nes französischen Kurorts im 19. Jahrhundert. Bad Salzuflen trägt seit 1914 den Namenszusatz »Bad«.

Günter »Baby« Sommer vor seiner Auswahl aus Küchenutensilien.

So bösartig und amüsant

Guy de Maupassant wusste, wovon er schrieb. Krankheit und Behandlungen waren stetige Wegbegleiter seines nur kurzen Lebens. Ulrich Noethen ließ die Beschreibungen und Dialoge aus »Mont-Oriol« so bösartig und amüsant klingen, wie sie sich der Verfasser zu Lebzeiten gewiss vorgestellt hatte. Dabei zeigte Noethen, welch großartiger Schauspieler er ist. Der Mann, der Herrn Taschenbier in »Das Sams« ebenso glaubhaft zu verkörpern wusste wie den Ober-Nazi Heinrich Himmler in »Der Untergang«, gab den Romanfiguren durch Gesten, Pausen, Betonungen und Stimmlagen Charakter und Tiefe. Die Lesung war als Dialog mit Schlagzeug angelegt, und der Schlagzeuger und Perkussionist Günter »Baby« Sommer hatte Spaß an seiner Aufgabe als Geräuschema­cher. Auf dem Xylophon ließ er das Wasser aus der Heilquelle tropfen und beendete mit dem Gong eine Szene.

Im zweiten Teil der Matinee war der Großmeister der DDR-Jazzszene der Protagonist auf der Bühne – trotz Jazz-Star Till Brönner. Und das sah der Trompeter genauso. »Ich bin hier einfach mit meinen beiden Blechhaken nach Bad Salzuflen gekommen«, sagte Brönner und beschränkte sich auf eine Solonummer, Duke Ellingtons »In a sentimental mood«. Ansonsten verdingte er sich als Lohnmusiker in Diensten einer Legende.

Ulrich Noethen machte mit seiner Lesung die Menschen aus »Mont-Oriol« lebendig.

Experimenteller Stil

»Was wir spielen, ist nicht eingeübt, das entsteht spontan«, sagte der Free-Jazz-Pionier Sommer. So klang es zu Beginn auch. Der experimentelle Stil und das weitgehend unbekannte Set mit Sommers dekonstruierten Kompositionen waren exakt das, was Laien vom Jazz abhält. Und so schien ein Großteil des Publikums ein bisschen überfordert und ratlos.

Das änderte sich, als Sommer alte Töpfe und Suppenkellen aus einem Blecheimer auf die Bühne kippte und auf Knien Rhythmus machte. Da überwog dann die Sympathie für den 74-Jährigen.

Wer mehr Till Brönner erwartet hätte, der kann es am Mittwoch, 19. September, in der Bielefelder Rudolf-Oetker-Halle versuchen. Dort trifft Brönner auf die Bielefelder Philharmoniker.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Google-Anzeigen

© WESTFALEN-BLATT
Vereinigte Zeitungsverlage GmbH

Alle Inhalte dieses Internetangebotes, insbesondere Texte, Fotografien und Grafiken, sind urheberrechtlich geschützt. Verwendung nur gemäß der Nutzungsbedingungen.

Anzeige


https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5829532?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198397%2F3294429%2F