Vor 100 Jahren starb Nikolaus Dürkopp – Sein Altersruhesitz erstrahlt frisch renoviert
Das geächtete Genie

Bielefeld (WB). Er baute ein Industrieimperium auf, ohne richtig lesen und schreiben zu können: Am Montag jährt sich der Todestag Nikolaus Dürkopps zum 100. Mal. »Er war ein Genie, aber auch eine tragische Figur. Er wurde geächtet«, sagt der Bielefelder Wirtschaftshistoriker Dr. Harald Wixforth.

Sonntag, 24.06.2018, 08:00 Uhr
1600 Quadratmeter vom Keller bis zum Dach: Das Haus war nach dem Tod Dürkopps ein von der Witwe betriebenes Café, dann ein Hotel, ein Kindererholungsheim und ein Kurbetrieb. Heute gehört es dem Bahn-Sozialwerk und ist mit Anbauten ein Hotel mit 65 Zimmern. Foto: Christian Althoff
1600 Quadratmeter vom Keller bis zum Dach: Das Haus war nach dem Tod Dürkopps ein von der Witwe betriebenes Café, dann ein Hotel, ein Kindererholungsheim und ein Kurbetrieb. Heute gehört es dem Bahn-Sozialwerk und ist mit Anbauten ein Hotel mit 65 Zimmern. Foto: Christian Althoff

Die soeben für ein Vermögen renovierte und denkmalgeschützte Villa Dürkopp, heute ein Hotel, thront nicht weit vom Bad Salzufler Kurpark auf einer kleinen Anhöhe. Dort wollte der Unternehmer seinen Lebensabend verbringen, doch es war ihm nicht lange vergönnt: Ein Jahr nach Fertigstellung starb er 1918 mit 76 Jahren an einer schweren Krankheit, über die nichts überliefert ist.

Nikolaus Dürkopp und seine zweite Frau Emilie.

Nikolaus Dürkopp und seine zweite Frau Emilie.

Ohnehin hat der heute bekannte Lebenslauf Dürkopps noch sehr viele Lücken. »Die komplette Biographie dieses Mannes muss noch geschrieben werden, aber einfach ist das nicht«, sagt der Bielefelder Historiker. Dürkopp habe zwar als Tüftler und Erfinder tausende von Zeichnungen und Patenten hinterlassen, aber keine Briefe und andere Aufzeichnungen – weil er eben des Lesens und Schreibens kaum mächtig gewesen sei.

Nur rudimentäre Informationen zur Kindheit

Zu Dürkopps Kindheit gibt es nur rudimentäre Informationen. Er kam am 26. Februar 1842 als Nikolaus Dürrkopf in Herford zur Welt und hatte eine Schwester, Dorothee. Wann und warum aus Dürrkopf Dürkopp wurde, ist nicht überliefert. Auch wurde der Name Nikolaus wechselnd mit k und c geschrieben.

Nikolaus’ Vater Carl hatte eine Eisenwarenhandlung in Herford, seine Mutter Caroline war die Tochter eines Bielefelder Schusters. Die Familie lebte unter der Herforder Hausnummer 346, heute Gehrenberg 11.

Manche Quellen wie die Deutsche Biographie geben an, Nikolaus sei bei einer Großmutter in Detmold und einem Onkel in Herford aufgewachsen, weil seine Eltern noch in seinem Geburtsjahr nach Amerika ausgewandert seien.

Dafür jedoch fehlt Herfords Stadtarchivar Christoph Laue ein Nachweis: »In unseren Auswandererlisten erscheint die Familie nicht.« Im ersten Adressbuch von 1864 tauchten die Eltern aber nicht mehr auf. »Die Geschichte ist also unklar«, sagt Christoph Laue.

Schon in jungen Jahren ein begabter Tüftler

Auch wenn es damals schon eine Unterrichtspflicht gab, war die Umsetzung nicht selbstverständlich. Nikolaus war von 1848 bis 1856 Schüler der Volksschule in Herford. Doch der Wirtschaftshistoriker Wixforth nimmt an, dass der junge Nikolaus lieber bastelte, als lesen und schreiben zu lernen. »Er war schon in jungen Jahren ein begabter Tüftler.«

Nikolaus Dürkopp macht eine Schlosserlehre und arbeitet nach Wanderjahren beim Bielefelder Uhrmachermeister Böckelmann, der auch Nähmaschinen repariert. Dort soll Dürkopp seine erste Nähmaschine konstruiert haben. In einer wissenschaftlichen Veröffentlichung von 1987 heißt es, die erste Maschine habe er für 80 Taler verkauft, bei Herstellungskosten zwischen 20 und 30 Talern.

Dürkopp arbeitet danach in der Nähmaschinenfabrik »Baer & Koch« und vertieft seine Kenntnisse. Mit einem Meister aus der Fabrik gründet er sein erstes Unternehmen. 1877 heiratet er Ida Vogelsang. Sie bekommen zwei Kinder: Paul und Bertha. Die Geschäfte laufen und machen die Dürkopps reich.

Gilt als erster Autobesitzer Bielefeld

Diese Postkarte zeigt eine Zeichnung der Dürkoppwerke in Bielefeld. Einige der mit roten Ziegeln errichteten Gebäude sind bis heute stadtbildprägend.

Diese Postkarte zeigt eine Zeichnung der Dürkoppwerke in Bielefeld. Einige der mit roten Ziegeln errichteten Gebäude sind bis heute stadtbildprägend.

Zölle und amerikanische Singer-Maschinen führen in den 80er Jahren zu einer Krise, der Dürkopp aber mit neuen Produkten begegnet: Er baut Motoren und ab 1885 Fahrräder. 1896 hat das Unternehmen 3000 Mitarbeiter. Dürkopp führt sie angeblich autoritär und bestraft Unordnung und Ungehorsam mit Lohnkürzungen.

Als die Fahrradpreise um die Jahrhundertwende wegen der Massenproduktion in den Keller rutschen, setzt der Unternehmer auf das Auto. Er gilt als erster Autobesitzer Bielefelds, fährt Rennen und soll 1900 den ersten Autounfall in der Stadt verursacht haben: einen Zusammenstoß mit einem Pferdefuhrwerk.

Scheidung kommt in der gehobenen Gesellschaft nicht gut an

Kleinwagen, Limousinen, Busse, Lastwagen: Dürkopp baut viele Modelle, alle in Handarbeit. Dr. Harald Wixforth: »Für eine Serienfertigung fehlte ihm das Geld.

Er beantragte bei der Bergisch-Märkischen Bank in Bielefeld, die später von der Deutschen Bank übernommen wurde, einen Kredit, der aber abgelehnt wurde – angeblich mit der Begründung, dass jemand, der den Kreditvertrag nicht lesen könne, kein Geld bekomme.« Es wird erzählt, Dürkopp habe nur Schriftstücke unterzeichnet, wenn sie ihm von drei Vertrauten gleichlautend vorgelesen worden seien.

1912 lässt er sich scheiden, was in der gehobenen Bielefelder Gesellschaft nicht gut ankommt. »Die akzeptierte ihn wegen seiner Schreib- und Leseprobleme ohnehin nicht«, sagt Dr. Wixforth. Dürkopp heiratet erneut: Emilie Jacke aus Bielefeld, deren Namen Dürkopp »Milliy« schreibt. Beide leben in Bad Salzuflen und adoptieren 1915 eine Tochter.

Seit 2005 ist das Unternehmen in chinesischem Besitz

Nach Dürkopps Tod 1918 übernimmt sein Sohn Paul die Geschäfte. Die Fahrzeugproduktion wird zurückgefahren und 1929 eingestellt. Nähmaschinen, vor allem für die Industrie, und Fahrräder bleiben das Hauptgeschäft. 1962 übernimmt die FAG Kugelfischer AG die Aktienmehrheit, seit 2005 ist das Unternehmen in chinesischem Besitz – letzter Jahresumsatz: 160 Millionen Euro.

Dr. Harald Wixforth: »Wer weiß? Hätte die Bank über Dürkopps Kreditantrag anders entschieden, gäbe es vielleicht heute eine Autofabrik in Ostwestfalen. Hersteller wie BMW waren damals noch nicht am Markt.«

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