Di., 03.07.2018

Dr. Ulrich Preuß: »Sechs Monate Wartezeit sind eine Zumutung« OWL erweitert Angebot der Kinder- und Jugendpsychiatrie

Die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Bad Salzuflen wird wie viele andere in Ostwestfalen-Lippe erweitert

Die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Bad Salzuflen wird wie viele andere in Ostwestfalen-Lippe erweitert Foto: Oliver Schwabe

Von Christian Althoff

Bad Salzuflen (WB). Die Versorgung psychisch kranker Kinder und Jugendlicher in Ostwestfalen-Lippe wird ausgebaut. »Wer kein Notfall ist, wartet sechs Monate auf einen Termin in der Klinik. Das ist eine Zumutung«, sagt Dr. Ulrich Preuß.

Er ist Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie Bad Salzuflen. Sie wird in dieser Woche 30 Jahre alt und versorgt mit 150 Ärzten, Pflegern, Therapeuten, Lehrern und Sozialarbeitern Menschen in den Kreisen Lippe, Minden-Lübbecke, Herford und in der Stadt Bielefeld.

Schulverweigerung, Fett- und Magersucht, Bindungsstörung, Depression, ADHS, Handyabhängigkeit – solche Diagnosen führen die Liste der Krankheiten an. 1100 Patienten werden jedes Jahr in den fünf Standorten der Salzufler Klinik behandelt, 700 von ihnen stationär.

Wartezeiten haben mehrere Gründe

Dr. Ulrich Preuß leitet die Kinder- und Jugendpsychiatrie Bad Salzuflen, die für die Kreise Lippe, Minden-Lübbecke, Herford und die Stadt Bielefeld zuständig ist. Foto: Christian Althoff

»Die derzeitigen langen Wartezeiten haben mehrere Gründe«, sagt Dr. Preuß. »Zum einen steigt die Zahl der Beratungsstellen für Betroffene, die dann zu uns geschickt werden. Es fehlen aber auch niedergelassene Kollegen«, sagt der Arzt. »Viele Medizinstudenten wollen Blut sehen. Psychiater zu werden erscheint offenbar nicht so erstrebenswert.« Die Mehrzahl der Studenten, die dieses Fach wählten, seien Frauen – »mit dem Nachteil, dass sie sich oft nicht soweit emanzipieren, dass sie Haushalt und Kinder an ihren Mann abgeben. Viele arbeiten deshalb nur in Teilzeit oder hören später wieder ganz auf.«

Außerdem führe auch ein verändertes Selbstverständnis der Ärzte zu längeren Wartezeiten: »Die Arbeitsbelastung, die für meine und frühere Generationen üblich war, lassen sich Berufsanfänger heute nicht mehr gefallen. Es gibt Studien, nach denen man heute 1,5 bis zwei junge Ärzte benötigt, um einen alten Arzt zu ersetzen.« Zudem könnten in der Psychiatrie kaum Ausländer gegen den Ärztemangel eingesetzt werden: »Gespräche mit Patienten sind in unserem Fach entscheidend, und oft kommt es auf die Untertöne an. Da muss man eigentlich Muttersprachler sein.«

Angst vor persönlichen Kontakten

Im Klinikalltag seien Schulverweigerer heutzutage ein zunehmendes Klientel, sagt der Chefarzt. »Viele von ihnen haben psychische Krankheiten und kommen deshalb mit anderen Schülern nicht klar.« So habe er eine Patientin, die einen Youtube-Kanal mit 100.000 Abonnenten betreibe: »Sie tanzt und singt und wird von ihren Fans angehimmelt.« Aber sie habe Angst vor persönlichen Kontakten und gehe deshalb nicht zur Schule.

In manchen Fällen werde dieses Verhalten von Eltern gefördert, die von Arzt zu Arzt wechselten und ihrem Kind immer neue Krankschreibungen wegen angeblicher Bauchschmerzen besorgten. »Manchmal sind die Schulen auch froh, dass bestimmte Kinder nicht kommen, und so passiert lange Zeit nichts.«

In seiner Klinik würden gelegentlich Patienten behandelt, die ein Jahr lang nicht mehr im Unterricht gewesen seien. »Zur Behandlung ihrer Krankheit gehört, dass wir in unserer Schule ihren letzten Wissensstand erhalten und sie wieder an einen Schulalltag gewöhnen. Den Unterrichtsstoff können wir natürlich nicht nachholen.« Es gebe inzwischen eine spezielle Warteliste für Schulverweigerer, sagt Dr. Preuß. »Wenn ein Patient von der normalen Liste seinen Termin absagt, lassen wir oft einen Schulverweigerer an seine Stelle rücken, um ihn schnellstmöglich an seiner Schule zu reintegrieren.«

Im Durchschnitt 27 Tage stationäre Behandlung

Der Anteil von Jungen und Mädchen an den Patienten entspricht nach den Worten des Chefarztes ihrem Anteil an der Bevölkerung. »Allerdings kommen sie in unterschiedlichem Alter. Bei den Kindern überwiegen die Jungen, bei den Jugendlichen die Mädchen.« Im Durchschnitt dauere eine stationäre Behandlung 27 Tage.

Studien zeigten, dass bundesweit 80 Prozent der Kinder und Jugendlichen geheilt würden. »Wir beobachten allerdings, dass manche Berufsschüler oder Studenten, die als Kinder wegen ADHS mit Medikamenten behandelt wurden, wiederkommen. Sie sind fahrig und unkonzentriert und haben deshalb begründete Prüfungsangst. Die möchten dann wieder ihr Medikament bekommen.«

Mehr Psychiatrieplätze

In Bad Salzuflen (48 Betten) wird die Zahl der Tagesklinikplätze für Kinder und Jugendliche noch in diesem Jahr von zwei auf acht erhöht.

In Herford bleibt es bei zehn Tagesklinikplätzen, in Detmold bei acht. In Minden wird von elf auf 16 aufgestockt, dort entstehen in den nächsten Jahren außerdem 32 stationäre Plätze.

Der Standort Bielefeld geht zum 1. Januar in die Trägerschaft Bethels über. Statt aktuell 14 Tagesklinikplätzen wird es dann 16 geben plus 27 stationäre Plätze. Im Kreis Gütersloh gibt es je zehn Tagesklinikplätze in Rheda-Wiedenbrück und Gütersloh .

Bis 2022 will der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) als Träger in Gütersloh eine Klinik mit 27 Betten für Kinder, sechs Betten für Jugendliche, 20 Tagesklinischen Plätzen und einer Ambulanz eröffnen.

In den Kreisen Höxter und Paderborn betreibt der LWL je zehn Tagesklinikplätze, bis Februar ist in Paderborn ein Neubau mit 30 Betten vorgesehen.

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