Di., 12.02.2019

Tatort Campingplatz: Opferschutzverein »Weißer Ring« hilft »Sein Pflegekind war sein Köder«

Die frühere Lehrerin Dagmar Bothe aus Bad Salzuflen leitet im Kreis Lippe den Opferschutzverein »Weißer Ring«. Im Moment beraten die sechs ehrenamtlichen Mitarbeiter vor allem Eltern, deren Kinder in Lügde missbraucht worden sein sollen.

Die frühere Lehrerin Dagmar Bothe aus Bad Salzuflen leitet im Kreis Lippe den Opferschutzverein »Weißer Ring«. Im Moment beraten die sechs ehrenamtlichen Mitarbeiter vor allem Eltern, deren Kinder in Lügde missbraucht worden sein sollen. Foto: Althoff

Von Christian Althoff

Bad Salzuflen/Lügde (WB). Dagmar Bothe (63) aus Bad Salzuflen leitet den »Weißen Ring« im Kreis Lippe. Der mutmaßlich tausendfache Kindesmissbrauch auf einem Campingplatz in Lügde ist der größte Fall, mit dem es die Ehrenamtlichen des Opferschutzvereins bisher zu tun hatten.

Bis 2017 war Hugo Prante (81), früher mal Kripochef im Kreis Herford, Vorsitzender des »Weißen Rings« in Lippe – 20 Jahre lang. »Aber einen so monströsen Fall hat es bei uns nie zuvor gegeben«, sagt er. 31 mutmaßlich missbrauchte Kinder sind der Ermittlungskommission »EK Eichwald« bis heute bekannt, in einer Familie sollen sogar drei Mädchen betroffen sein. Die Kripo hat den Familien angeboten, ihre Kontaktdaten an den »Weißen Ring« weiterzugeben. »Bis heute hat etwa die Hälfte das Angebot angenommen«, sagt Dagmar Bothe.

Mitarbeiter besuchen Familien

Die frühere Lehrerin und die übrigen fünf ehrenamtlichen Mitarbeiter des Opferschutzvereins – drei Frauen und drei Männer – sind seit mehr als einer Woche unterwegs und besuchen die Familien zu Hause. »Das ist schon alleine wegen der großen Entfernung nach Lügde eine Herausforderung. Andere Kreisverbände haben uns deshalb ihre Hilfe angeboten, und manche Opfer leben ja auch in anderen Kreisen.«

Die meisten Familien seien froh, wenn jemand vom »Weißen Ring« komme. »Die wissen ja oft gar nicht, was sie machen sollen. Ob sie sich einen Anwalt nehmen müssen und welche Rechte sie haben«, sagt Dagmar Bothe. Der »Weiße Ring« ist Lotse für Verbrechensopfer, aber manchmal wird den Mitarbeitern mehr abverlangt als das Ausfüllen von Anträgen. »Manche Opfer wollen erst einmal reden«, sagt die Bad Salzuflerin.

»Eltern stehen unter Schock«

Wenn sie im Fall Lügde von Opfern spricht, dann meint sie vor allem die Eltern. »Denn mit den Kindern haben wir ja keinen Kontakt. Die wurden und werden von der Kripo vernommen und sollen so wenig wie möglich mit dem Geschehen konfrontiert werden.« Aber auch für die Eltern seien die Verbrechen eine »massive Belastung«. »Die stehen unter Schock. Die stehen neben sich.«

Was die Ehrenamtler in den Familien erfahren, unterliegt natürlich der Schweigepflicht, aber soviel darf die Vereinsvorsitzende sagen: »Soweit wir das sehen, hat niemand von den Eltern etwas geahnt.« Der Hauptverdächtige sei »der gute Addi« gewesen, den jeder auf dem Campingplatz seit Jahren gekannt habe und der immer hilfsbereit gewesen sei.

Anwältin vertritt Rechte der Kinder

»Was die Eltern in Sicherheit gewogen hat, war seine Pflegetochter. Die Leute haben sich gesagt: Wenn einer vom Jugendamt ein kleines Mädchen anvertraut bekommt, dann wurde der vorher von den Behörden richtig durchleuchtet. Die Pflegetochter war sein Köder .« Die Opfer seien bis zur Festnahme des Hauptverdächtigen sehr verschlossen gewesen – wohl auch, weil der Mann ihnen gedroht haben soll, sagt Dagmar Bothe.

Der »Weiße Ring« hat den Familien eine Anwältin vermittelt, damit die Rechte der Kinder im Strafverfahren wahrgenommen werden. So können die Eltern später im Prozess im Namen ihrer Kinder eigene Anträge stellen. »Wenn die Eltern das Geld nicht haben, bezahlen wir die Anwältin erstmal«, sagt Dagmar Bothe.

Entschädigung für die Opfer

Sie und ihre Kollegen helfen den Familien außerdem, einen Antrag nach dem Opferentschädigungsgesetz zu stellen. Verbrechensopfer und gelegentlich auch Angehörige haben Anspruch auf eine Rente, wenn sie durch das Verbrechen erwerbsunfähig, hilflos oder pflegebedürftig werden. »Heute kann ja noch niemand sagen, was mal aus den missbrauchten Kindern wird«, sagt Dagmar Bothe.

Gelegentlich rieten die Ehrenamtler auch zur psychologischer Betreuung eines Kindes. »Allerdings sind erfahrungsgemäß kurzfristig keine Termine zu kriegen.« Den Opfern stehe aber die Ambulanz der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Bad Salzuflen offen, sagt Chefarzt Dr. Ulrich Preuß: »Auch ohne Überweisung. Wer vorbeikommt, bekommt bei uns in ganz dringenden Fällen sogar noch am selben Tag einen Termin.«

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