Sa., 06.04.2019

Gerhard Schröder, der Mann, der für beispielhaften Aufstieg steht, wird 75 Provokationen und Pointen

Gerhard Schröder läutet 1998 zur ersten Kabinettssitzung als Bundeskanzler.

Gerhard Schröder läutet 1998 zur ersten Kabinettssitzung als Bundeskanzler. Foto: dpa

Von Beate Tenfelde

Berlin (WB). Geliebt wurde Gerhard Schröder nicht von der SPD, obwohl er für seine Partei zweimal die Kanzlerschaft holte. Der allzeit rauf­lustige Vollblut-Politiker pfiff drauf. Unbeirrt zog er seinen Kurs durch. Das ist heute noch so – etwa wenn es um seine Freundschaft zu Wladimir Putin geht. Was können die Sozialdemokraten von diesem Genossen lernen, der an diesem Sonntag 75 Jahre alt wird?

Kampfgeist: Schröders Leben steht für einen beispielhaften Aufstieg: Der Sohn einer Putzfrau, im lippischen Mossenberg-Wöhren geboren, schafft es bis ins wichtigste Amt im Staate. Von Oktober 1998 bis November 2005 war er siebter Bundeskanzler, davor acht Jahre lang Ministerpräsident von Niedersachsen. »Wir waren die Asozialen«, sagt Schröder über seine Kindheit. Seinen Vater hat er nie kennengelernt, er starb im Krieg. Seine Mutter musste unter schwersten Bedingungen die Patchwork-Familie ernähren. Der sportliche Gerhard (»Acker« nannte ihn seine Fußballmannschaft) wollte da raus.

Selbstbewusstsein: Schröder ist ein Macher. Nach einer Lehre in einem Eisenwarenladen hat Schröder sich über den zweiten Bildungsweg zum Volljuristen hochgearbeitet. Er wurde Anwalt, Chef der Jungsozialisten und Bundestagsabgeordneter. Er hat am Tor des Kanzleramts gerüttelt. Dort wollte er rein. So besagt es die Legende. 1963 schon wurde Schröder Mitglied der SPD, beeinflusst durch seine Mutter, die er »Löwe« nannte.

Ende einer Ära: Helmut Kohl gratuliert 1998 seinem Nachfolger. Foto: dpa

Durchsetzungskraft: Tatsächlich sind Schröders Kanzlerjahre als Reformphase nach 16 Jahren Kanzlerschaft des CDU-Chefs Helmut Kohl in die Nachkriegsgeschichte eingegangen. Die Agenda 2010, mit der eine Kürzung sozialer Leistungen einherging, brach den Arbeitsmarkt auf und führte Deutschland zu wirtschaftlicher Blüte, von der letztlich Schröders CDU-Nachfolgerin im Kanzleramt, Angela Merkel, zehrte. Vorgezogene Wahlen beendeten Schröders Kanzlerschaft 2005 abrupt. Die erhoffte Zustimmung für die Agenda 2010 war ausgeblieben. Schröder und die SPD reiben sich deshalb bis heute heftig aneinander.

Flotte Sprüche: Einige davon sind zur Legende geworden: »Hömma, hol mir ma ‘ne Flasche Bier, sonst streik ich hier«, forderte Gerhard Schröder 2000 in einer Autogrammstunde. »Es gibt kein Recht auf Faulheit in unserer Gesellschaft!«, erklärte der Kanzler 2001 und plädierte dafür, dass die Arbeitsämter strenger mit Arbeitslosen umgehen sollten, die Jobs abgelehnt haben. »Lehrer sind faule Säcke«, wusste er. »Familie und das ganze Gedöns« – so nannte Gerhard Schröder 1998 das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Tatsächlich ging es unter seiner Ägide voran in Sachen Ganztagsschulen, Kitas, Gleichberechtigung für Männer und Frauen.

Pragmatismus: Schröder mischte linke Thesen immer auch mit Pragmatismus. So hörten es investitionsfreudige Mittelständler gern, wenn Schröder seine Beamten aufforderte, »die Genehmigung gleich auf der Baustelle« zu erteilen. Als »Genosse der Bosse« wurde er gefeiert. Die Sozialdemokraten reagierten verdrossen, auch weil er teure Anzüge trug und erlesene Zigarren rauchte. Umstritten ist Schröder heute wegen seiner demonstrativen Freundschaft zu Russlands Präsident Wladimir Putin.

Eine langjährige Freundschaft verbindet Wladimir Putin und Gerhard Schröder. Foto: dpa

Leidenschaft: Provokationen und Pointen, Leidenschaft und Lebenslust prägen Schröders Bild heute. Der Grüne Jürgen Trittin, mit dem Schröder als Niedersachsens Ministerpräsident eine rot-grüne Koalition führte, fasst es so zusammen: »Man muss nicht alles mögen, was Schröder gesagt und getan hat. Zwei Dinge aber kann man ihm nicht absprechen. Zum einen hat er mit seiner Regierung Deutschland modernisiert, von Atomausstieg und Energiewende bis zum neuen Staatsangehörigkeitsrecht – ja und auch durch Hartz IV. Und er hat das Ansehen und Gewicht Deutschlands als eines verlässlichen Partners in der Welt gemehrt – mit dem Einsatz in Afghanistan wie mit dem Nein gegen den Krieg der USA im Irak. Als in der Wolle gewaschener Sozialdemokrat hatte er schließlich einen klaren Willen zur Macht, der der heutigen SPD abgeht.«

Schröder und die Frauen

Gerhard Schröder hat fünfmal geheiratet. Seine erste Ehefrau war seine Jugendfreundin Eva Schubach, der er 1968 das Jawort gab. Schon 1972 ließ sich das Paar scheiden. Noch im selben Jahr heiratete er die Lehrerin Anne Taschenmacher. Die Scheidung folgte 1984. Ebenfalls noch im Scheidungsjahr folgte die dritte Ehe mit der studierten Politik- und Sozialwissenschaftlerin Hiltrud Hensen, für die es die zweite Ehe war. Die Vegetarierin und Naturschützerin engagierte sich selbst politisch und unterhielt ein eigenes Büro im der Staatskanzlei, nachdem Schröder 1990 niedersächsischer Ministerpräsident geworden war.

Soyeon Schröder-Kim und Gerhard Schröder beim Wiener Opernball Foto: dpa

Vierte Ehefrau Schröders war ab 1997 die Journalistin Doris Schröder-Köpf. Sie zog nach der Landtagswahl in Niedersachsen am 20. Januar 2013 per Landesliste der SPD Niedersachsen in den niedersächsischen Landtag ein. 2015 folgte die Trennung, 2018 die Scheidung. Im Mai 2018 heiratete Schröder seine fünfte Ehefrau Soyeon Schröder-Kim. Die südkoreanische Wirtschaftsmanagerin, Dolmetscherin und Übersetzerin ist rund 25 Jahre jünger. Ihr zuliebe soll er das Zigarrenrauchen aufgegeben haben. »Er sagt, er wisse nicht, wann genau und warum er aufgehört habe. Ich habe ihm gesagt: ›Du hast wohl geahnt, dass deine zukünftige Frau es nicht leiden wird.‹ Er raucht jetzt nicht mehr«, sagte sie der »Gala«.

Schröder und Ostwestfalen-Lippe

Lippe, Bielefeld, Paderborn: Gerhard Schröder ist der Region Ostwestfalen-Lippe eng verbunden. Geboren am 7. April 1944 auf einem Bauernhof in Mossenberg (heute Teil der Stadt Blomberg), verbrachte er seine Kindheit von 1945 bis 1957 im Bad Salzufler Stadtteil Bexten und besuchte die dortige Volksschule. 1957 verzog er nach Osterhagen (heute Kalletal) und besuchte von 1957 bis 1958 die Volksschule in Talle, wo er auch Fußball spielte.

Gerhard Schröder bei einem Fußballspiel in Talle.

Danach absolvierte er in einem Geschäft in Lemgo bis 1961 eine Lehre zum Einzelhandelskaufmann. Neben der Arbeit absolvierte er die Mittlere Reife, 1965 bestand er am Bielefelder Westfalen-Kolleg auf dem zweiten Bildungsweg die Abiturprüfung, die ihm den Weg zum Jurastudium eröffnete.

Gerhard Schröders Mutter Erika Schröder-Vosseler lebte zuletzt in einem Heim für betreutes Wohnen in Padeborn, wo sie 2012 im Alter von 99 Jahren starb. Sie wurde im engsten Familienkreis auf dem Paderborner Ostfriedhof beigesetzt.

 

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