Di., 21.05.2019

Nachbarschaftsstreit in Bad Salzuflen beschäftigte das Amtsgericht Lemgo Mutter und Sohn schubsen Frau Treppe herunter

Vor dem Amtsgericht Lemgo ist das Urteil in einem Nachbarschaftsstreit gefallen.

Vor dem Amtsgericht Lemgo ist das Urteil in einem Nachbarschaftsstreit gefallen. Foto: gemeinfrei Wikipedia

Von Florian Weyand

Lemgo (WB). Ein eskalierter Nachbarschaftsstreit in Bad Salzuflen hat das Amtsgericht Lemgo beschäftigt. Weil eine Mutter und ihr Sohn eine Frau die Treppe heruntergeschubst und das Opfer mit Müll beworfen haben, wurden beide verurteilt.

Der Sohn erhielt eine Freiheitsstrafe von acht Monaten auf Bewährung. Die Mutter eine Gesamtfreiheitsstrafe von 150 Tagessätzen zu je 15 Euro. Eine Bewährungsauflage des Sohnes ist zudem die Zahlung eines Schmerzensgeldes von 1500 Euro, wie das Amtsgericht in einer Pressemitteilung schreibt.

Das Jugendschöffengericht unter Vorsitz von Richter am Amtsgericht Kaboth sah zunächst bei dem angeklagten Sohn, der zum Tatzeitpunkt Heranwachsender war, keine Reifeverzögerungen, die die Anwendung von Jugendstrafrecht gerechtfertigt hätten. Vielmehr hatte dieser das Abitur mit der Note 1,0 bestanden, war bereits mit 17 Jahren ausgezogen und lebte zum Tatzeitpunkt in einem Studentenwohnheim.

Gericht glaubt den Einlassungen der Angeklagten nicht

Im Übrigen schenkte das Gericht den Darstellungen der Geschädigten Glauben und sah die Einlassungen der Angeklagten als widerlegt an. Danach war das Gericht davon überzeugt, dass der angeklagte Sohn die Geschädigte die Treppe hinunter geschubst hat. »Ferner war das Gericht davon überzeugt, dass die angeklagte Mutter die Geschädigte, die nach dem Treppensturz am Boden lag, mit Müll beworfen und bespuckt hat«, heißt es in der Pressemitteilung.

Namentlich die Einlassung der Angeklagten, die Geschädigte sei freiwillig die Treppe hinuntergerollt beziehungsweise gerobbt vermochte das Gericht nicht mit den massiven Hämatomen, die die Geschädigte von dem Vorfall davon trug und die aktenkundig dokumentiert waren, in Einklang zu bringen. »Anhaltspunkte dafür, dass die Geschädigte freiwillig die Treppe hinuntergefallen sei, vermochte das Gericht nicht zu erkennen«, heißt es in dem Schreiben. Zudem hatte die Mutter der Geschädigten bestätigt, dass die Angeklagte die Geschädigte nach dem Treppensturz mit Müll beworfen und bespuckt habe.

Aussagen der Angeklagten variierten während der Verhandlung

Für die Überzeugungsbildung des Gerichts spielte auch eine Rolle, dass die Darstellungen Angeklagten im Laufe des Verfahrens variierten: Soweit der angeklagte Sohn zunächst angegeben hatte, die Geschädigte sei versehentlich berührt worden und hierdurch zu Fall gekommen, schwenkte er auf die Darstellung seiner Mutter ein, wonach die Geschädigte den Treppensturz praktisch inszeniert hatte.

Auch die Angaben der angeklagten Mutter enthielten immer weitere Details: Ursprünglich soll die Geschädigte die Angeklagte mit Müll beworfen haben. In weiteren Vernehmungen kam dann ein Angriff mit einem Wäscheständer, das Bewerfen mit Schuhen und schließlich sogar ein Wurf mit einem Schuhschrank hinzu. Gerade wegen dieser diversen Utensilien, die die Angeklagte im Treppenhaus lagerte, hielt es das Gericht indes für plausibel, dass die Geschädigte die Angeklagte auf die Einhaltung der Hausordnung hinweisen wollte.

Opfer wurde als »Kampfweib« dargestellt

Demgegenüber sah das Gericht in den Verweisen der Angeklagten auf die frühere Tätigkeit der Geschädigten in der italienischen Armee einschließlich Einsatz in Afghanistan und die homosexuelle Orientierung der Geschädigten den untauglichen Versuch, die Geschädigte gleichsam als »Kampfweib« darzustellen.

Aufgrund der übereinstimmenden Aussagen der Geschädigten und eines unbeteiligten Nachbarn war Richter Kaboth auch davon überzeugt, dass die Geschädigte einige Tage später im Garten von der Angeklagten unvermittelt mit einem Pfefferspray besprüht wurde. Die Aussage der 12-jährigen Tochter der Angeklagten stellte sich indes als frei erfunden heraus: Soweit diese den Vorfall von einem Treppenhausfenster beobachtet haben und im weiteren Verlauf die Angaben ihrer Mutter gegenüber der Polizei sogar übersetzt haben will, ergaben die Aussagen der Polizeibeamten, die vor Ort waren, ein anderes Bild.

Gericht befürchtet, dass der Nachbarschaftsstreit weiter geht

Danach war die 12-jährige Tochter gar nicht vor Ort, erst recht nicht als Übersetzerin. Um den Vorfall von dem Treppenhausfenster überhaupt beobachten zu können, hätte man sich schon weit aus dem Fenster lehnen müssen, wie die von Oberstaatsanwalt Imig gefertigten Fotos von dem Wohnhaus ergaben.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. »Im Übrigen ist zu erwarten, dass der Nachbarschaftsstreit auch künftig noch die Justiz beschäftigen wird. Zahlreiche Polizeieinsätze in der Vergangenheit und ein weiteres Strafverfahren gegen die Geschädigte, die die Angeklagte beleidigt haben soll, lassen nicht Gutes hoffen«, heißt es in der Pressemitteilung.

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