In Bad Salzuflen lässt ein Sicherheitsdienst Mieter nicht mehr ins Haus
„... und raus bist du.”

Bad Salzuflen (WB). Als Maurer Peter K. (35) am letzten Donnerstag aus der Stadt kam, war das Haus, in dem er ein Zimmer bewohnt, mit einem Gitterzaun abgesperrt. Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes stellten sich ihm in den Weg und erklärten, dass er hier nicht mehr gemeldet sei und deshalb nicht mehr hinein dürfe. Peter S. glaubte an ein Versehen – bis er erfuhr, dass auch andere Mieter abgewiesen wurden.

Donnerstag, 05.03.2020, 10:00 Uhr aktualisiert: 05.03.2020, 10:42 Uhr
Im Auftrag der Besitzerin stehen Mitarbeiter eines Herforder Sicherheitsdienstes vor dem Haus (links) in Bad Salzuflen und kontrollieren jeden, der hinein möchte. Die Hausbesitzerin hat einige Mieter bei der Stadt abgemeldet hat. Drei von ihnen versuchen, sich ein Zutrittsrecht vor Gericht erstreiten. Fotos: Althoff

Es ist ein ungewöhnlicher Streit, der mehrere Menschen von heute auf morgen wohnungslos gemacht hat und jetzt das Amtsgericht in Lemgo beschäftigt. Im Zentrum des Falls steht ein altes Haus mit Jugendstilelementen in einer bevorzugten Bad Salzufler Wohngegend, das einer Frau aus dem Ruhrgebiet gehört. Ihr Vater hatte das Haus lange an eine Frau verpachtet. Die vermietete die etwa zehn Zimmer der früheren Villa an Untermieter – zu Warmmieten zwischen 300 und 450 Euro. Ein Mann sagt, er wohne schon seit 20 Jahren dort. „Ich kann mir nichts anderes leisten.“

Kein Luxus

Es gibt keinen Luxus in dem Haus. Alle Mieter teilen sich ein Bad, und sie kochen in ihren Zimmern. Es sind Hartz-IV- oder Sozialhilfeempfänger, für die das Jobcenter oder das Sozialamt die Miete zahlt. Es sind aber auch berufstätige Menschen, die mit wenig Geld auskommen müssen. Alle Mietverträge wurden mündlich geschlossen, was den Ämtern auch reichte, denn die Vermieterin hatte Mietbescheinigungen ausgestellt.

Sarah K. Mittwoch in Lemgo vor Gericht

Sarah K. Mittwoch in Lemgo vor Gericht Foto: Althoff

Vor zwei Jahren verkaufte die Besitzerin die Immobilie, doch sollte die Eigentumsübergabe erst stattfinden, wenn das Haus geräumt ist. Die Besitzerin kündigte also ihrer Pächterin, und den Untermietern wurde nach eigenen Angaben im November 2019 mitgeteilt, dass das Haus im Dezember abgerissen werde. „Das war ein Schock“, sagt Frank N. (46), der in Gastronomie arbeitet. „Das Haus wurde dann doch nicht abgerissen, aber die Stadtwerke haben uns im Dezember Strom, Gas und Wasser abgestellt.“ Rechtsanwalt Felix Meißner aus Bielefeld erwirkte damals einen Einstweilige Verfügung, und die Stadtwerke mussten wieder liefern. Frank N.: „Im Januar fiel die Heizung dann erneut aus. Diesmal hatte jemand den Außenfühler abgerissen.“

„Keine Kündigung bekommen“

 

Eine Kündigung, das beteuern die Mieter, habe bis heute niemand bekommen. Stattdessen schickte die Eigentümerin eine Namensliste an die Stadt Bad Salzuflen und teilte sinngemäß mit, diese Menschen wohnten illegal in dem Haus und müssten abgemeldet werden. Die Stadt soll die Frau darauf hingewiesen haben, dass das so nicht gehe. Daraufhin bekam die Stadtverwaltung eine kürzere Liste mit Namen von Menschen, die dort angeblich nicht mehr wohnten. Die Stadt vertraute der Hausbesitzerin, und meldete einige Mieter ab – darunter auch Maurer Peter K.

Ein paar Tage später standen Sicherheitsleute vor dem Haus, die keinen der Abgemeldeten mehr hineinließen. Die riefen die Polizei, doch die Beamten sahen keinen Möglichkeit, einzuschreiten. „Weil die betroffenen Leute dort ja nicht mehr gemeldet waren“, sagt Frank N.

Heimlich zum Schalfen ins Haus geschlichen

Einige Bewohner drückten sich daraufhin durch Lücken im Bauzaun und wurden von anderen Mietern durch die Hintertür hereingelassen, weil sie keinen anderen Platz zum Schlafen hatten. Andere wie Peter K. kamen vorübergehend bei einem Verwandten unter.

Peter K. beantrage am Freitag beim Amtsgericht Lemgo eine Einstweilige Verfügung, um wieder in sein Zimmer zu kommen, und auch Sarah K. (24) und ihr Freund David H. (24) zogen vor Gericht. Am Mittwochmittag saßen die drei in Saal 202 der Hausbesitzerin gegenüber, die sie zum ersten Mal sahen. Vom Richter auf den Zaun und den Sicherheitsdienst angesprochen, sagte die Frau, sie müsse ihr Eigentum schließlich schützen. Es handele sich nicht um Mieter, sondern um Hausbesetzer. Es gebe keinen Mietvertrag, und sie habe seit Herbst auch kein Geld mehr bekommen. Das bestätigten die drei. Sie sagten, nach dem Auszug der bisherigen Vermieterin im Oktober hätten sie eine neue Kontonummer für die Miete bekommen, die aber falsch gewesen sei. „Und wir konnten das nicht klären, weil wir bis heute weder eine Telefonnummer noch eine Adresse der Hausbesitzerin haben“, sagte Peter K. Er könne die ausstehende Mieter jederzeit zahlen, wenn er denn wisse, wohin. Daraufhin bot ihm der Anwalt der Hausbesitzerin an, sein Konto zu nutzen.

Vergleich abgelehnt

Der Richter sagte, man müsse auch die Interessen der Hauseigentümerin berücksichtigen. Er schlug einen Vergleich vor, der den Mietern ermöglicht hätte, noch zwei Monate in dem Haus zu bleiben. Doch darauf wollten sich die drei nicht einlassen. Peter K.: „Seit der Androhung, dass das Haus abgerissen wird, suche ich intensiv nach einer anderen Wohnung. Aber es gibt einfach keine.“

Ob die drei vorläufig zurück ins Haus dürfen – das will der Richter am Donnerstag bekanntgeben.

Kommentare

Fritz  schrieb: 05.03.2020 17:48
Hausbesetzer
In solchen Situationen entsteht immer ein Rudel-Verhalten. Das bedeutet, wenn zwei Bewohner entschieden haben, sich gegen die neue Situation zu wehren, dann schließen sich automatisch die restlichen 8 an. weil sie im Grunde die gleichen Interessen haben. Das hilft aber nichts, wenn die Anführer sich für einen illegalen Weg entschieden hatten. Natürlich ist es unbequem, umziehen zu müssen. Meistens muss man anschließend mehr bezahlen, als zuvor. Aber es ist keine Lösung, zu einem illegalen Hausbesetzer zu werden. Sondern man muss dann überregional nach einer neuen bezahlbaren Wohnung suchen. Wenn man glück hat, ist die Neue sogar besser, als die Alte!
Andreas  schrieb: 05.03.2020 17:10
Jeder der Herrn Löschers Kommentar gelesen hat, fragt sich jetzt, was dieser Kommentar hier verloren hat. Da er offensichtlich Insiderwissen hat, kann es sich nur um eine Bekanntschaft der anonym gebliebenen Eigentümerin handeln, die er hier auch noch unterstützen will. Wie furchtbar für die Mieter, dass die Eigentümerin hier statt den geregelten Weg zu gehen nicht nur zur Selbstjustiz greift, sondern vom Einwohnermeldeamt auch noch unterstützt wird, obwohl das Verhalten mehr als auffällig war.
Zum Glück gibt es Gerichte, die solchem Verhalten einen Riegel vorschieben und einen Anwalt der ein gesundes Rechtsempfinden hat, und sein Konto zur Zahlung anbietet, die zuvor nicht möglich gewesen war, damit die Mieter bleiben können, da sie ja nie eine Kündigung erhalten haben.
Traurig wie hier mit dem Leben der Bewohner umgegangen werden sollte, und was manche Leute glauben sich rausnehmen zu können, nur weil sie das Glück hatten Grundbesitz erwerben zu können. Eigentum verpflichtet, wie es bereits das Grundgesetz formuliert.
Tytoalba  schrieb: 05.03.2020 16:16
Ach so...
Zitat aus dem Artikel:
"Ein Mann sagt, er wohne schon seit 20 Jahren dort. „Ich kann mir nichts anderes leisten.“
Zitat Joachim Löscher:
"Jetzt fragt man sich, warum die jetztigen Bewohner erklären, dass sie (erst) seit 2018 dort wohnen."

Irgendwas scheint da unstimmig...
Joachim Löscher  schrieb: 05.03.2020 15:36
Unglaublich.
Jeder, der diesen Artikel gelesen hat, fragt sich jetzt, was diese Leute noch in dem seit 2018 verkauftem Haus, verloren haben. Da sie offensichtlich keinen Mietvertrag haben, kann es sich nur um Hausbesetzer handeln, die durch ein Gericht auch noch unterstützt werden. Wie furchtbar für den Hauseigentümer, dass obwohl er schon eine Security- Firma beschäftigen muss, damit die Hausbesetzeranzahl nicht noch größer wird, sein vermeidliches Grundbesitzvermögen da durch solche Menschen verbraucht wird. Alle Hausbewohner, die dem Besitzer 2018 bekannt waren, sind auch im Sommer 2018 gekündigt worden. Jetzt fragt man sich, warum die jetztigen Bewohner erklären, dass sie (erst) seit 2018 dort wohnen. Traurig, wie mit dem Eigentum anderer Leute umgegangen wird.
4 Kommentare
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