Keine Zeugen, Zweifel an Tat: Detmolder Schwurgericht urteilt milde
Somalierin bezichtigt sich selbst

Detmold (WB). Eine Frau bezichtigt sich selbst eines Mordversuchs. Aber gab es die Tat überhaupt? Die Suche nach der Wahrheit ist für das Detmolder Schwurgericht schwierig, denn alles soll sich im fernen Somalia abgespielt haben, und Zeugen gibt es keine. Im Gerichtssaal wird klar: Die Vorgeschichte fördert Verständnis für die Angeklagte.

Samstag, 22.08.2020, 02:00 Uhr aktualisiert: 22.08.2020, 05:04 Uhr
Das Landgericht in Detmold. Foto: Bernd Thissen/dpa
Das Landgericht in Detmold. Foto: Bernd Thissen/dpa

Es ist der Blick in eine Welt, der jeden erschauern lassen muss, der in einem Rechtsstaat lebt. Die jetzt 28 Jahre alte Somalierin hat sich selbst vor Gericht gebracht, weil sie nicht verschweigen wollte, dass sie in ihrer Heimat einen Mann umzubringen versucht hatte. Das erzählte sie selbst im Zuge ihres Asylverfahrens vor drei Jahren. Der 38-jährige Ladenbesitzer in ihrem Heimatort habe sie zuvor gemeinsam mit einem anderen, unbekannten Mann brutalst vergewaltigt – und danach sei sie von den Dorfbewohnern nur noch weiter beschimpft und gedemütigt worden. Sie habe fliehen wollen, ihre Sachen gepackt, und habe dann dem 38-Jährigen an dessen Geschäft abends aufgelauert, ihn zwei Mal mit einem kleinen Messer in den Rücken gestochen. Sie habe ihn umbringen wollen, aber nach den beiden Stichen sei sie weggelaufen. Das war, nach den Worten der Frau, im Juni 2013. 2015 kam sie nach Deutschland, über die Mittelmeerroute, nachdem sie zwei Jahre lang ihre Flucht durch Äthiopien und Libyen bewältigt habe. Mittlerweile ist sie verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Bad Salzuflen.

Die Schilderungen der 28-Jährigen sind eindringlich

Versuchten Mord wirft ihr die Staatsanwaltschaft vor, denn Messerstiche von hinterrücks erfüllen den Tatbestand der Heimtücke. Die Schwurgerichtskammer am Landgericht Detmold muss Antworten auf eine ganze Menge von Fragen finden, allen voran jene, ob es die Tat überhaupt gegeben habe. Denn es sei nicht selten, dass Asylbewerber behaupten, Straftaten begangen zu haben, um ihrem Antrag Gewicht zu verleihen, betont Oberstaatsanwalt Ralf Vetter.

Eine zweite Version eines Tatverlaufs liefert die Angeklagte im Gerichtssaal selbst: Sie habe zwar auf ihren Peiniger eingestochen, aber nur ein Mal, und nur um ihn zu verletzen. Aus Rache, aus Wut über das Erlittene. Sie gehöre zu einem Stamm, der in Somalia als minderwertig gelte, dessen Angehörige verachtet und drangsaliert würden, bis dahin, dass man junge Frauen ihres Stammes straflos vergewaltigen und sie hinterher noch dem Spott der Gemeinschaft aussetzen dürfe. Weshalb sie nicht zur Polizei gegangen sei, fragt Vorsitzender Richter Karsten Niemeyer. „Ich hätte mehr Probleme zu erwarten gehabt als Hilfe, sie hätten es an den Stamm des Mannes weitergegeben“, sagt die 28-Jährige, ihre Familie hätte mit Übergriffen rechnen müssen. Ihre Schilderungen sind eindringlich – ein Gewaltopfer, das im rechtsfreien Raum in der Heimat jede Hoffnung auf Gerechtigkeit aufgegeben hat. Von den drei Versionen der Geschichte – ein Messerstich zum verletzen, zwei Messerstiche zum Töten, gar keine Vergewaltigung – erscheint dem Schwurgericht nach sorgfältiger Erwägung die in der Anklageschrift aufgeführte die glaubhafteste.

Aus Sicht des Gerichts eine gefährliche Körperverletzung

Die 28-Jährige habe in einem Akt der Selbstjustiz versucht, ih­ren Vergewaltiger zu umzubringen. Dass die junge Frau von sich aus den Angriff abgebrochen hatte, gilt nach dem deutschen Strafrecht als „Rücktritt“ vom Mordversuch – und dieser wird deshalb nicht bestraft. Eine gefährliche Körperverletzung jedoch lag aus Sicht des Gerichts aber vor.

So forderte Oberstaatsanwalt Ralf Vetter zwar eine Verurteilung wegen versuchten Mordes, aber in einem minderschweren Fall und nur zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe. Die Kammer folgte mit ihrem Richterspruch hingegen dem Antrag von Verteidiger Martin Mauntel und verhängte eine sechsmonatige Bewährungsstrafe wegen gefährlicher Körperverletzung – das ist nur wenig mehr als die Mindeststrafe in minderschweren Fällen.

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