Prof. Gunther Olesch, Personalmanager des Jahres, über Corona-Folgen
„Arbeitswelt wird nie mehr wie früher“

Blomberg (WB). Die Leserinnen und Leser der Zeitschrift Markt & Technik haben Prof. Gunther Olesch zum „Manager des Jahres 2020” in der Kategorie Personalmanagement gewählt. Im Gespräch mit Bernhard Hertlein stuft der langjährige Geschäftsführer von Phoenix Contact die Folgen der Corona-Krise für die Arbeitswelt als gravierend ein. Allerdings wären sie auch ohne Pandemie eingetreten – nur später.

Montag, 12.10.2020, 04:00 Uhr aktualisiert: 12.10.2020, 08:40 Uhr
Gunther Olesch, bis August Personalchef bei Phoenix Contact, ist seit langem als Experte auch auf Konferenzen gefragt. Foto: Phoenix Contact
Gunther Olesch, bis August Personalchef bei Phoenix Contact, ist seit langem als Experte auch auf Konferenzen gefragt. Foto: Phoenix Contact

 

Wie hat die Pandemie die Arbeitswelt verändert?

Gunther Olesch: Fundamental. Zwar war die Richtung vorgegeben. Doch ohne Covid-19 hätte es mindestens noch fünf bis acht Jahre gedauert, bis beispielsweise das Homeoffice zum ganz normalen Arbeitsort wird. Oder die Abkehr von der Vielfliegerei. Früher war es für geschäftige Manager normal, dass sie zu einer Besprechung mal eben nach China flogen. Die Pandemie zeigt: Es geht auch ohne. Vor allem jüngere Kolleginnen und Kollegen wussten das vorher schon, dass die Technik funktioniert. Aber ihre Vorgesetzten, meistens schon über 50, haben immer Gründe gefunden, warum es nicht geht. Kann sein, sie fürchteten, abgehängt zu werden, weil die Jüngeren sich in der Hinsicht besser auskennen. Doch mindestens ebenso prägend war, wie ich glaube, die Angst vor Kontrollverlust. Wenn Menschen im Homeoffice arbeiten, muss man ihnen vertrauen. Aber das ist eine Grundbedingung an jeden guten Chef: Dass er den Mitarbeitern zutraut, dass sie das Geforderte schon aus eigenem Antrieb so gut wie möglich erledigen.

Waren Hochtechnologiefirmen wie Phoenix Con­tact auf die Krise besser vorbereitet?

Olesch: Nicht nur Hochtechnologie-Unternehmen, sondern die gesamte Wirtschaft und auch die Politik. In der Finanzkrise 2008/09 hat Deutschland das System der Kurzarbeit perfektioniert. Das zahlt sich jetzt aus. Die Mitarbeiter wissen aus der Erinnerung: Kurzarbeit ist kein Schritt in die Insolvenz. Es gibt etwas weniger Geld, aber damit kann man umgehen. Und der Job ist sicher. Das ist auch ein Grund, warum der Rückgang der Wirtschaftsleistung in Deutschland viel geringer ausfällt als in vielen anderen europäischen Ländern und vor allem in den USA. Gleichzeitig ist auch die Zahl der Corona-Kranken hier viel niedriger als in vergleichbaren Staaten. Ich bin überzeugt: Wenn ein Impfstoff oder ein wirksames Medikament oder bestenfalls beide gefunden sind, wird auch die Konjunktur in Deutschland wieder abgehen wie Schmidts Katze.

Auch in der Automobilindustrie?

Olesch: Da haben die deutschen Unternehmen einiges verschlafen. Aber sie holen derzeit stark auf. Auch die Zulieferer sind dabei, umzudenken. Es hilft nicht, darüber zu klagen, dass künftig keine Getriebe und Zylinderkappen mehr gebraucht werden. Stattdessen braucht es beispielsweise leistungsfähige Batterien. Dafür sollten sich die Unternehmen qualifizieren. Da fehlt es in Deutschland an leistungsfähigen Herstellern.

Welche Veränderungen werden bleiben?

Was wird von den Veränderungen der Arbeitswelt bleiben, wenn die Pandemie selbst einmal überwunden ist?

Olesch: Sie wird nie mehr sein wie früher. Meiner Meinung nach wird sich die Zahl der Geschäftsflüge dauerhaft um 25 bis 30 Prozent reduzieren. Was das an Kosten spart – nicht nur für die Flüge, auch für die Hotels. Natürlich hat das negative Folgen für die genannten Branchen, aber positive zum Beispiel für die Umwelt. Die Erfahrung während der Pandemie zeigt, dass der normale Geschäftsaustausch bis hin zu Vorverhandlungen auch online funktioniert. Nicht in allen Fällen. Es gibt wichtige Anlässe, bei denen sich die Verhandlungs- und Geschäftspartner in die Augen sehen müssen. Aber grundsätzlich ist die Technik da, und sie funktioniert. Das gilt auch für die Arbeit im Homeoffice. Meiner Meinung nach wird künftig dort, wo Präsenz nicht unbedingt notwendig ist, 30 Prozent der Wochenarbeitszeit zu Hause erledigt werden. Auch das hat positive Folgen für die Unternehmenskassen und für die Umwelt. Die Firmen sparen Geld für Büros, und die Umwelt wird durch weniger Autoverkehr entlastet. Allerdings wird das Homeoffice den Co-Working-Arbeitsplatz nicht ganz ersetzen. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Er braucht auch den direkten Austausch mit den Vorgesetzten genauso wie den kurzen Plausch mit den Kollegen in der Büroküche. Denn auch das ist eine Erfahrung aus der Pandemie: Irgendwann fällt jedem in der eigenen Wohnung dann doch die Decke auf den Kopf.

„Aus dem Kontrolleur muss ein Coach werden"

Verändert sich das Verhältnis zwischen dem Chef und seinem Mitarbeiter, wenn man sich nur noch selten oder fast überhaupt mehr nicht von Angesicht zu Angesicht sieht?

Olesch: Verändern müssen sich die Chefs. Aus dem Kontrolleur muss ein Coach werden. Die Wirtschaft muss von der deutschen Fußball-Nationalelf in ihren besten Zeiten lernen. Jogi Löw muss nicht Elfmeter parieren, gegnerische Stürmer bremsen oder Tore schießen wie seine Stars. Er muss die richtigen Leute um sich scharen, sie hinter einem Ziel versammeln, sie motivieren und begeistern. Manager, die glauben, sie müssten selbst noch auf dem Platz auflaufen und alles vormachen, sind von gestern.

Wird sich das Profil, nach dem Personalchefs neue Mitarbeiter suchen, durch Covid-19 verändern?

Olesch: Sachkompetenz wird weiter gefragt sein. Aber eben auch Teamfähigkeit und künftig noch stärker selbstständiges Arbeiten, Selbstorganisation und die Fähigkeit, sich selbst weiter zu entwickeln und die Effizienz der Arbeit zu steigern.

Regeln zum Homeoffice sollen Tarifpartner festlegen

Der Bundesarbeitsminister schlägt ein Recht auf Homeoffice vor. Was halten Sie davon?

Olesch: Da sollten sich die Politiker heraushalten. So sinnvoll das Homeoffice ist

Arbeit im Homeoffice – für viele eine Selbstverständlichkeit geworden.

Arbeit im Homeoffice – für viele eine Selbstverständlichkeit geworden. Foto: dpa

Die Regeln dafür sollten die Sozialpartner in Tarifverträgen aushandeln. Arbeitgeber, Gewerkschaften und Betriebsräte wissen am besten, was in einem Unternehmen los ist. Die Partnerschaft funktioniert – auch jetzt in der Corona-Krise.

Zur Person

Prof. Dr. Gunther Olesch (65) hat nach dem Studium in Bochum 1984 in Wirtschaftspsychologie promoviert. Über eine Personalberatung und die Thyssen Edelstahlwerke AG in Krefeld stieß er 1989 zum Elektronikunternehmen Phoenix Contact in Blomberg. Bis August 2020 verantworte er dort als Geschäftsführer die Bereiche Personal, Informatik und Facility Management Engineering.

Seitdem ist Olesch Chief Representative des Konzerns, zudem unter anderem Vorsitzender des Arbeitgeberverbandes Lippe, Vorsitzender der Initiative für Beschäftigung OWL sowie Vizepräsident der IHK in Detmold.

Am 12. November ist Olesch Referent des Bildungswerks Ostwestfälische Wirtschaft beim 30. BOW-Forum für Personalchefs. Sein Thema: „Führung in Krisenzeiten“. Das BOW-Forum soll diesmal i Heinz Nixdorf MuseumsForums in Paderborn stattfinden.

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