Junge (11) bei Fußballturnier schwer verletzt – Trainer soll sich verantworten
»Das Ehrenamt steht vor Gericht«

Detmold (WB). Bestimmt ist der FC Augustdorf nicht der einzige Sportverein, bei dem niemand diese Vorschrift kannte: Ungenutzte Tore, die nicht eingeschlossen werden können, müssen aneinandergekettet werden. Weil das nicht geschah, steht seit Freitag ein Jugendtrainer vor Gericht.

Samstag, 17.01.2015, 11:34 Uhr aktualisiert: 17.01.2015, 11:45 Uhr
Junge (11) bei Fußballturnier schwer verletzt – Trainer soll sich verantworten : »Das Ehrenamt steht vor Gericht«
Rechtsanwalt Jann Popkes (links) spricht mit dem angeklagten Jugendtrainer Volker Dierk und dessen Frau. Foto: Christian Althoff

Vor zwei Jahren richtete der Verein in einer Sporthalle der Gemeinde die Kreismeisterschaft der D-Jugend aus. Der Vize-Vorsitzende Martin Köstler: »Ich war Hallensprecher. Plötzlich kam ein Junge angelaufen und rief um Hilfe.« Köstler schnappte sich seinen Erste-Hilfe-Koffer und lief in die Nebenhalle, in der sich Mannschaften aufwärmten. »Da lag ein Junge, der aus Mund, Nase und Ohren blutete. Ich ahnte, dass er einen Schädelbasisbruch hatte.«

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Tore müssen, wie hier, in Geräteräumen eingeschlossen oder gegeneinandergestellt und zusammengekettet werden. Foto: Büscher

Die Kinder hatten offenbar zwei Handballtore, die in dem Raum abgestellt waren, so zurechtgerückt, dass man auf sie schießen konnte. Nach einem Lattenschuss stürzte ein Tor dem elfjährigen Fynn-Luca auf den Kopf. Er leidet bis heute unter Vergesslichkeit, hat Konzentrationsstörungen und Hörschwierigkeiten. Und er hat nach Angaben seiner Eltern seinen Geschmackssinn verloren.

So ein Unglück ist kein Einzelfall: Nach Recherchen der Zeitung »Stadt + Grün« sind zwischen 1996 und 2013 in Deutschland zehn Menschen von Toren erschlagen und etliche verletzt worden.
Die Staatsanwaltschaft ermittelte wegen fahrlässiger Körperverletzung gegen den kommunalen Hausmeister, den Vize-Vereinsvorsitzenden Martin Köstler, den Jugendgeschäftsführer Christian Neugebauer und den Jugendtrainer Volker Dierk. Gegen die drei Erstgenannten wurden die Verfahren gegen die Zahlung von Geldbußen zwischen 600 und 700 Euro eingestellt. Der Jugendtrainer wollte diesen Weg nicht gehen. Deshalb steht er seit Freitag in Detmold vor dem Amtsgericht.

Vorschriften nicht bekannt

Die Vernehmung der drei Männer, die Geldbußen gezahlt hatten, ergab: Die in einer DIN geregelte Vorschrift, nach der Tore gegeneinandergestellt und mit Ketten aneinandergeschlossen werden müssen, kannte niemand. Auch nicht die Gemeinde Augustdorf, in deren Halle es gar keine Möglichkeit gab, ungenutzte Tore zu sichern. Der Vereinsvorsitzende Christian Schmieder sagte im Zeugenstand, da niemand von der Vorschrift gewusst habe, sei vor dem Turnier auch niemand beauftragt worden, die ungenutzten Tore zu kontrollieren. »Die standen mit den Öffnungen zur Wand und stellten eigentlich keine Gefahr dar.«
Verteidiger Jann Popkes: »Heute steht nicht nur mein Mandant vor Gericht, sondern auch das Ehrenamt. Wer soll sich denn noch engagieren, wenn er sich mit einem Bein im Gefängnis wähnen muss, obwohl er mit einem konkreten Ereignis nichts zu tun hat?« Jugendgeschäftsführer Christian Neugebauer hat sein Ehrenamt bereits niedergelegt. Er habe die Geldbuße »nur aus Vernunftgründen« bezahlt. Er fühle sich nicht schuldig, wolle aber auch nie wieder in so eine Lage kommen, sagte der Polizist. Er war während des Turniers zum Brötchenschmieren eingeteilt.

Fynn-Lucas Rechtsanwalt Wolfgang Stückemann teilte mit, die Eltern hätten wenig Interesse an einer Bestrafung der Ehrenamtler. Deshalb hätten sie auch keine Anzeige erstattet. »Wegen der dauerhaften Folgen werden wir aber von der Gemeinde und dem Verein Schmerzensgeld und Schadensersatz fordern.«

Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt

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