Di., 20.11.2018

Deutscher Mobilitätspreis: Wie das Country-Cab den ländlichen Raum verändern soll »Alexa, fahr den Wagen vor!«

Auf der historischen eingleisigen Eisenbahnstrecke Lemgo-Extertal sollen Gyroskop-Monocabs wie bei einem Paternoster im ständigen Umlauf fahren. Zwei Fahrgäste können so ihr Cab für die individuelle Fahrt ins Dorf oder in die Stadt buchen – auch per App. Zeichnungen: BMVI/

Auf der historischen eingleisigen Eisenbahnstrecke Lemgo-Extertal sollen Gyroskop-Monocabs wie bei einem Paternoster im ständigen Umlauf fahren. Zwei Fahrgäste können so ihr Cab für die individuelle Fahrt ins Dorf oder in die Stadt buchen – auch per App. Zeichnungen: BMVI/

Von Timo Gemmeke

Detmold (WB). Mit einem Paternoster auf Schienen will der Detmolder Diplom-Ingenieur Thorsten Försterling nicht nur eine historische Bahnstrecke wiederbeleben. Seine Idee soll die Mobilität im ländlichen Raum grundlegend verändern.

Eine selbstfahrende Einschienenbahn, die ihre Runden dreht und per App angehalten werden kann: Was Straßenbahn und Busse in Großstädten sind, soll im ländlichem Raum bald das Country-Cab sein – nur noch moderner. So zumindest lautet Thorsten Försterlings Idee, mit der der Detmolder jetzt den Deutschen Mobilitätspreis 2018 gewonnen hat.

Der zersägte Zug

Knapp 30 Kilometer sind es von Lemgo-Lüttfeld bis Extertal-Bösingfeld, dazwischen liegen die Stationen Vogelhorst, Dörentrup, Farmbeck, Bega, Barntrup und Alverdissen. Fahrgäste sind auf der Strecke schon lange nicht mehr unterwegs; seit Jahren pflegt sie aber der Verein Landeseisenbahn Lippe. Bald könnte neben den historischen Bahnen, die der Verein ab und zu aufs Gleis stellt, ein neues Gefährt durch die Landschaft rollen. Und das könnte per Sprachbefehl am Bahnsteig warten: »Alexa, fahr den Wagen vor!«

Die Idee zum Country-Cab kam Thorsten Försterling 2015. »Damals haben wir uns mit dem Konzept Regionalentwicklung beschäftigt«, erzählt der 52-Jährige. Weil der Verein (knapp 200 Mitglieder) seitdem die Strecke Lemgo-Extertal instand hält, kam die Frage auf: Wie kann man alte ­Infrastruktur in Zukunft nutzen? »Das Problem war, dass es nur ein Gleis gibt«, sagt Försterling. »Also hatte ich die Idee: Sägen wir doch einfach einen Zug durch.«

Nie wieder Warten

Aus eins mach zwei: Das Monocab (mono: Griechisch für einzel, allein; cab: Englisch für Taxi) war geboren. Damit der Wagen auf der nur knapp sieben Zentimeter breiten Schiene stehen kann, hat sich Försterling an den sogenannten Segway-Rollern orientiert. Rotierende Kreisel (Gyros) behalten dabei ihre Lage im Raum und setzen dem Kippen der Achse Widerstand entgegen. Dadurch balanciert das Monocab auf einer einzelnen Schiene. Die Technik wird auch in der Luft- und Raumfahrt genutzt.

Ginge es nach Thorsten Försterling und seinem Projektkoordinator Jochen Brunsiek, sollen die Monocabs bald »wie Paternoster« in Bereitschaft von einer Station zur nächsten Fahren – auch im Gegenverkehr. Angetrieben mit einem Akku, 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr.

»Bei Bedarf bucht der Fahrgast per App ein Monocab wie ein Taxi«, erklärt Försterling. Alle Wagen sollen autonom gesteuert werden; Streckensensoren und Bewegungsdaten sollen für einen reibungslosen Verkehr sorgen. Und die Monocabs sollen auch pünktlich sein, »anders als bei der Deutschen Bahn«, scherzt Försterling. Eine zentrale Steuerung soll unnötige Stopps verhindern, so die Idee. »Es soll eine durchlaufende Kette sein. Kommt der Fahrgast zu spät, muss er auch einen späteren Wagen nehmen.«

Mobilitäts-Revolution?

Mit seiner Idee will Försterling, Diplom-Ingenieur und Innovationsmanager, die Mobilität im ländlichen Raum grundlegend verändern. Der ÖPNV soll zum IPNV werden – zum Individuellen Personennahverkehr.

Projekt »Smart Railway«

»Smart Railway« nennt sich ein Konzept für Regionalentwicklung in Lippe und OWL des Vereins Landeseisenbahn Lippe. Schirmherr ist Dr. Axel Lehmann, Landrat des Kreises Lippe. Neben Projekten zu Hybrid-Nahverkehrszügen oder einem optimierten Zugfahrplan, der schneller und stabiler als der bisherige funktionieren soll, ist das »Country Cab« ein Beitrag zur verbesserten Infrastruktur im ländlichen Raum. Der Verein hat knapp 200 Mitglieder, davon bringen sich 30 aktiv in die Planung ein.

»Die Mobilität der Zukunft muss am Gemeinwohl orientiert sein«, sagt Försterling. »Es dürfen nicht immer nur Einzelpersonen davon profitieren.«

Mit den Monocabs soll Nord­lippe außerdem zum »Mekka der Mobilitätsforschung« werden. »Die Strecke ist frei und betriebsbereit. Die Akteure und Partner stehen abfahrbereit auf dem Bahnsteig.«

Bisher stand als Partner besonders der Kreis Lippe bereit, allen voran Landrat Axel Lehmann. Er hat auch die Schirmherrschaft für die Projektreihe »Smart Railway« übernommen, aus der die Idee des Country-Cabs stammt. Als künftigen Partner können sich Försterling und Brunsiek unter anderem die Hochschule OWL vorstellen. »Wir wollen nutzen, was da ist«, sagt Brunsiek. Ob es schon weitergehende Angebote gibt, will der gelernte Vermessungstechniker nicht verraten. Aber: »Wir gehen davon aus, dass es auch für die Industrie ein interessantes Gebiet ist.«

Alt trifft Neu

Dass auf der Strecke zwischen Lemgo und Bösingfeld bald regelmäßig Monocabs fahren, hält Brunsiek für unwahrscheinlich. »Die Strecke soll zu Forschungszwecken genutzt werden.« Eine abwechselnde Nutzung schließt er nicht aus: Unter der Woche starten die Feldversuche, am Wochenende rollen – wie bisher – historische Loks über das Gleis.

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