So., 17.02.2019

Interview: Detmolder Professor weiß, welche Chancen Streaming bietet Wie Spotify die Musik und die Branche beeinflusst

Noch nie wurde in Deutschland so viel Musik über das Internet gehört wie 2018.

Noch nie wurde in Deutschland so viel Musik über das Internet gehört wie 2018. Foto: dpa

Von Ann-Christin Lüke

Bielefeld/Detmold (WB). 79,5 Milliarden Audio-Streams zählte der Bundesverband Musikindustrie. Noch nie wurde in Deutschland so viel Musik über das Internet gehört wie 2018. Großen Anteil daran dürfte Marktführer Spotify haben. 207 Millionen Nutzer weltweit verzeichnet der Streaming-Dienst nach eigenen Angaben, davon 96 Millionen zahlende Abonnenten. Musik immer und überall: Was macht das eigentlich mit der Branche, dem Sound und unseren Hörgewohnheiten? Antworten darauf gibt es von einem Experten, einem Produzenten und einer Band.

Das sagt der Experte

Matthias Schröder Foto: Bernd Schäfer

Matthias Schröder beschäftigt sich genau mit diesen Fragen. Er ist Professor für Musikmanagement an der Hochschule für Musik in Detmold und weiß, welche Chancen Spotify und Co. jungen Musikern bieten.

Sind große Labels und Plattenfirmen ein Modell von gestern – oder werden sie für die Vermarktung noch gebraucht?

Matthias Schröder: Im Gegenteil, der Markt konzentriert sich immer stärker auf die Großen. Wenn ein sogenanntes Major Label wie Sony in einen Künstler investiert, dann werden hohe Summen in Produktplatzierung und Marketing gesteckt. Im Gegenzug verkauft ein »Plattenlabel« nicht mehr nur CDs, sondern verdient nach Möglichkeit an allem mit, also bei Konzerten, Merchandise-Produkten wie T-Shirts und den Rechteerlösen aus Rundfunk- und TV und Onlineplattformen.

Kleine Labels haben aber ebenfalls gute Chancen, wenn sie in die Lücken stoßen. Spartenkanäle sind ein Beispiel. Es gibt Opernkanäle, die eine höhere Downloadrate anbieten. Da hat der Sound eine höhere Qualität und dafür zahlen Leute auch.

»Ein Produzent würde lauthals aufschreien«

Bringen Spotify und iTunes etablierten Künstlern also mehr, weil die User gezielt nach ihnen suchen?

Zur Person

Prof. Dr. phil. Matthias Schröder ist Musiker und Kulturmanager und Professor an der Hochschule für Musik in Detmold. Er belegte Meisterkurse des Berklee Colleges of Music. An der Hochschule in Detmold unterrichtet Schröder seit 2016 Musikmanagement. »Es geht darum, nicht nur die künstlerischen Fähigkeiten zu erweitern, sondern auch ans Marketing heranzuführen«, erklärt er. Dabei rücken demnach auch Gagenverhandlungen und die Nutzung von sozialen Netzwerken in den Blick. Für freischaffende Musiker seien das wichtige Aspekte in der Arbeitswelt, so Schröder.

Schröder: Ja und nein. Es sind nur Cent-Beträge, die pro Klick fließen, und die Labels verdienen mit. Andererseits bleibt man als Star präsenter und die Algorithmen, die berechnen, welche Playlist vermeintlich die richtige für uns sein soll, bevorzugen Hits und den Mainstream. Die Onlineportale haben aber den für Musiker positiven Effekt, dass man sie überall, jederzeit finden und hören kann.

Sind die Veränderungen in der Musik auch hörbar?

Schröder: Ja! Wenn man an die langen Intros alter Genesis-Platten denkt, so würde ein Produzent da heute lauthals aufschreien. Der Nutzer entscheidet sich schnell, ob er einen Song wegklickt oder zu Ende hört. Und Geld gibt es für die Musiker erst nach einer bestimmten Hörzeit, man muss also schnell und direkt in den Song einsteigen. Hören Sie mal in die Spotify-Global-Charts hinein.

»Ohne Konzerte bleibt ein Musiker gesichtslos«

Was raten Sie jungen Künstlern, die ihre Reichweite steigern wollen?

Schröder: So verrückt es klingt: Live-Konzerte geben und bei Youtube aktiv sein. Social Media ist gut fürs Image, aber ohne Konzerte bleibt ein Musiker gesichtslos und anonym. Generell gilt: Je jünger der Hörer, desto bedeutender ist die Plattform.

Ist es einfacher für Musiker geworden, berühmt zu werden, wenn man bedenkt, wie groß die Auswahl ist?

Schröder: Ich denke, es ist schwieriger geworden, aus der Masse guter Musiker und toller Songs aufzutauchen. Zugleich sind die Mechanismen viel komplexer als vor 20 Jahren, manches ist schlichtweg auch Zufall. Und die großen Pop- und Klassik-Stars gehen heute alle wieder auf Tour, weil sie ihr Geld mit Gagen verdienen und nicht primär mit Plattenverkäufen, wie früher. Selbst bekannte Künstler sagen, dass sie mehr CDs bei Konzerten verkaufen. Da sind die Menschen euphorischer und holen sich zum Autogramm eine CD.

Wird die Musik-CD komplett verschwinden – oder erhält sie ein Revival, wie es bei der Schallplatte zu sehen ist?

Schröder: Die CD als physischer Tonträger ist ja nicht allein deshalb langfristig ein Auslaufmodell, weil Musik digital verfügbar ist, sondern auch, weil sowohl die Haltbarkeit als auch Klangqualität gegen sie sprechen. Ein Sammler kann eher zur Schallplatte greifen. Und dann gibt es noch andere Speichermedien als die CD. Viele Aufnahmen entstehen heute als »Digital only«, sprich: es wird gar kein Tonträger mehr hergestellt aus Kostengründen.

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