Mi., 17.04.2019

Oberstaatsanwalt: Aussagen der Kinder wichtiger als DVDs Lügde: 14 Opfer melden sich als Nebenkläger

Beim Abriss der Behausung auf dem Campingplatz in Lügde landeten in der vergangenen Woche auch rosa Kindermöbel im Müll. Möglicherweise hatten sie der Pflegetochter des Hauptbeschuldigten An­dreas V. gehört.

Beim Abriss der Behausung auf dem Campingplatz in Lügde landeten in der vergangenen Woche auch rosa Kindermöbel im Müll. Möglicherweise hatten sie der Pflegetochter des Hauptbeschuldigten An­dreas V. gehört. Foto: Christian Althoff

Von Christian Althoff

Detmold (WB). Im Missbrauchsfall Lügde haben sich bisher 14 mutmaßliche Opfer gemeldet, die ihre Rechte als Nebenkläger im Prozess wahrnehmen möchten. Er beginnt voraussichtlich Anfang Juni vor dem Landgericht in Detmold.

Oberstaatsanwalt Ralf Vetter sagte gestern, bisher hätten zehn mutmaßliche Opfer des Hauptbeschuldigten Andreas V. (56) und vier mutmaßliche Opfer des Beschuldigten Mario S. (34) beantragt, als Nebenkläger zugelassen zu werden. »Aber es können natürlich noch mehr werden.«

Es wird erwartet, dass die Opfer nicht persönlich im Gerichtssaal sitzen werden, sondern dass sie sich von Anwälten vertreten lassen. Nebenkläger können Beweisanträge stellen, sie können Angeklagte, Zeugen und Sachverständige befragen und zum Schluss plädieren. Die Kosten der Nebenkläger kann das Gericht der Staatskasse auferlegen.

Die Diskussion um Datenträger, die jetzt beim Abbruch der Behausung des Hauptbeschuldigten auf dem Campingplatz gefunden wurden, hält Vetter für überzogen. »CDs und DVDs mit Kinderpornographie sind in diesem Fall nicht so wichtig, wie es die Öffentlichkeit annimmt.« Die »wesentlichen Beweismittel« in diesem Fall seien die Aussagen, die die mutmaßlichen Opfer in den vergangenen Wochen gemacht hätten, sagte Oberstaatsanwalt Vetter.

Polizisten hatten im Fall Lügde Computer, Festplatten, Speicher­sticks, DVDs und CDs mit einem Datenvolumen von insgesamt 15 Terabyte sichergestellt. Die Auswertung, mit der mehrere Polizeipräsidien beschäftigt sind, ist noch nicht abgeschlossen. Von 155 CDs und DVDs, die bei der Polizei in Detmold verschwanden, fehlt weiter jede Spur.

Am Montag durchsuchten Polizisten einen Geräteschuppen auf dem Campingplatz, von dem sie nach eigenen Angaben bisher nicht gewusst hatten, dass er An­dreas V. gehörte. Der Inhalt war bereits zum Teil vom Abbruchunternehmer entsorgt worden, Laut Angaben der Polizei wurde Relevantes nicht mehr entdeckt.

Unterdessen sind die Staatsanwältinnen Jacqueline Kleine-Flaßbeck und Helene Werpup dabei, die Anklage gegen die Hauptbeschuldigten zu verfassen. »Sie versuchen alles, um noch in diesem Monat fertig zu werden«, sagte Vetter.

Der Zeitdruck ist ein bisschen hausgemacht und dem Ehrgeiz der kleinen Staatsanwaltschaft geschuldet. Zwar müsste der Prozess gegen Andreas V. spätestens am 6. Juni beginnen, weil er dann sechs Monate in Untersuchungshaft sitzt, doch kann das Oberlandesgericht Hamm die U-Haft über diese Frist hinaus verlängern. Das hatten die Richter beispielsweise im Fall des Apothekers aus Bottrop getan, der Krebsmedikamente gestreckt hatte, um mehr Geld zu verdienen.

Die mutmaßlichen Haupttäter Andreas V. (56) aus Lügde, Mario S. (34) aus Steinheim sowie Heiko V. (48) aus Stade (er hatte bei mindestens einer Missbrauchstat per Videochat zugesehen) sollen nach Möglichkeit zusammen vor Gericht gestellt werden. Sollte die Zeit für das Erstellen einer so umfangreichen Anklage aber nicht reichen, könnte auch zunächst nur Andreas V. angeklagt werden, weil er am längsten in U-Haft sitzt. Das alles werde sich in Kürze entscheiden, sagte Oberstaatsanwalt Ralf Vetter.

Rechtsanwalt Peter Wüller aus Bielefeld, der vier mutmaßlich missbrauchte Kinder vertritt, sagte gestern, er appelliere an die Beschuldigten, reinen Tisch zu machen. »Wenn sie im Prozess Geständnisse ablegen, ersparen sie vielen Kindern einen Auftritt vor Gericht. Es ist ihre einzige Chance, für die Opfer noch etwas zu tun.«

Von den drei Männern hat im Ermittlungsverfahren bisher nur Heiko V. ein Geständnis abgelegt und zugegeben, per Video-Chat beim Missbrauch eines Mädchens zugesehen zu haben. Sollte er das Geständnis vor Gericht wiederholen, könnte der Prozess zumindest für ihn schon nach ein paar Verhandlungstagen zu Ende sein.

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