So., 16.06.2019

Im Detmolder Schloss soll ein einzigartiges Instrument aus dem Dornröschenschlaf erweckt werden Die versteckte Orgel

Der Spieltisch hinter den beiden Sesseln – mehr ist von der riesigen Orgel nicht zu sehen. Die meisten Orgelpfeifen stehen auf dem Dachboden. Ihr Klang wird durch die Schlitze in der Decke (verziert mit den Initialen von Fürst Leopold IV. und Fürstin Bertha) in den Salon geleitet. Weitere Orgelpfeifen sind hinter Teilen der Wandverkleidung versteckt.

Der Spieltisch hinter den beiden Sesseln – mehr ist von der riesigen Orgel nicht zu sehen. Die meisten Orgelpfeifen stehen auf dem Dachboden. Ihr Klang wird durch die Schlitze in der Decke (verziert mit den Initialen von Fürst Leopold IV. und Fürstin Bertha) in den Salon geleitet. Weitere Orgelpfeifen sind hinter Teilen der Wandverkleidung versteckt. Foto: Althoff

Von Christian Althoff

Detmold (WB). In einer Frostnacht des Zweiten Weltkriegs platzten im Detmolder Schloss einige Wasserrohre. Damals wurde die Orgel der Familie zur Lippe beschädigt, und seitdem hat sie niemand mehr gespielt. Das soll sich ändern.

Die vergleichsweise kurze Geschichte dieses Instruments ist ungewöhnlicher als die mancher anderer Orgel, die vielleicht ein paar hundert Jahre älter ist. Und auch die Bauausführung ist nach Einschätzung eines Experten möglicherweise einzigartig in Deutschland, denn sämtliche Orgelpfeifen sind versteckt.

Leopold IV. zur Lippe, der letzte lippische Fürst, wird als Technik- und Musikliebhaber beschrieben. 1914 trug er sich mit dem Gedanken, eine Salonorgel für sein Schloss bauen zu lassen, und nahm Kontakt mit dem Orgelhändler Choralion & Co in Berlin auf.

»Zum Glück ist die gesamte Korrespondenz erhalten«, sagt sein Enkel Stephan Prinz zur Lippe (60) und schlägt eine dicke, mehr als 100 Jahre alte Akte aus dem Familienarchiv auf. Der Berliner Händler und Orgelbauer vertrieb Instrumente der Aeolian Company, die ihren Sitz an der Fifth Avenue in New York hatte. Warum sich der Fürst für einen amerikanischen Hersteller entschied, ist nicht überliefert.

Ein langwieriger Prozess

Allerdings war das Unternehmen darauf spezialisiert, sogenannte Salonorgeln für herrschaftliche Anwesen zu bauen und diese mit einer Halbautomatik auszustatten: In die Instrumente konnten Rollen mit gestanztem Papier eingelegt werden, so dass die Instrumente den Orgelspieler begleiten oder autark spielen konnten.

Die Bestellung der Orgel war ein langwieriger Prozess, den der Fürst in die Hände Georg Freiherr von Eppsteins legte, Chef des Fürstlichen Zivilkabinetts. Immer wieder reisten Choralion-Mitarbeiter aus Berlin nach Detmold, um Einzelheiten zu besprechen und den Raum zu vermessen, in den die Orgel eingebaut werden sollte.

Viele Schreiben gingen hin und her, bis Anfang 1916 alles besprochen war. Mit Brief vom 14. Februar bedankten sich Choralion-Mitarbeiter bei Freiherr von Eppstein für die Gedichtesammlung »Else«, in der man auf der Rückfahrt nach Berlin im Zug mit Freude gelesen habe.

Eine Woche später ging der Kaufvertrag im Schloss ein. Vereinbart war ein Preis von 50.000 Mark, wobei die Kabel zum Motor ausdrücklich nicht in der Summe enthalten waren.

Unerwartete Probleme

Die Orgel sollte in Berlin vormontiert werden, doch es gab unerwartete Probleme. Obwohl die USA erst 1917 in den Ersten Weltkrieg eintraten, gelang es dem Berliner Importeur nicht mehr, die bestellte Orgel aus den USA zu beschaffen. Deshalb teilte er dem Hof zur Lippe mit, er werde eine Aeolion-Orgel, die bereits im Deutschen Reich, aber noch nicht verkauft sei, zu der bestellten Orgel umbauen lassen.

Doch da tat sich eine weitere Schwierigkeit auf. Der Orgelbauer der Berliner Firma, der das Kunststück des Umbaus vollbringen sollte, war ein Mann namens T. A. Perks, dessen Vornamen nicht überliefert sind. Er war Brite und damals zusammen mit 4000 weiteren britischen Zivilisten in Ruhleben interniert – einem Gefangenenlager in Berlin, das auf dem Gelände einer Trabrennbahn eingerichtet war.

Das Berliner Orgelbauunternehmen bat deshalb Freiherrn von Eppstein, seinen Einfluss beim Preußischen Oberkommando geltend zu machen, um den britischen Gefangenen »aus Baracke 3« zu beurlauben. Kurz darauf erreichte eine weitere Bitte das Detmolder Schloss: Orgelbaumeister Max Röthe, dessen Können ebenfalls unabdingbar sei, sei gerade auf Heimaturlaub, müsse aber am 21. September 1916 zurück an die Westfront. Ob nicht von Eppstein seinen Einfuss auch für diesen Mann nutzen könne, fragte Choralion & Co. an.

Orgelbau wurde 1917 vollendet

Ob Max Röthe die Rückkehr an die Front erspart wurde, lässt sich der Orgelakte nicht entnehmen. Im Fall des britischen Orgelbauers T. A. Perks jedoch hatte die Bitte des Lippischen Hofs Erfolg. Das in Berlin beheimatete »Oberkommando in den Marken« (also im Gebiet der früheren Mark Brandenburg) gewährte dem britischen Zivilisten Urlaub bis zum 15. Januar 1917, der später noch einmal verlängert wurde.

»Der Orgelbau wurde 1917 vollendet. Mein Großvater spielte das Instrument gerne und oft, wie man seinen Tagebüchern entnehmen kann«, sagt Stephan Prinz zur Lippe und öffnet die Tür zur Bibliothek im Südflügel des Schlosses. Fast wandhohe Bücherregale aus dunklem Holz bestimmen den rechteckigen Raum, an dessen einer kurzen Seite der Orgelspieltisch in einer Nische steht – nicht viel größer als ein Klavier.

Der Großteil der Orgelpfeifen befindet sich zusammen mit dem elektrischen Blasebalg eine Etage höher auf dem Dachboden. Durch kunstvoll gestaltete Schlitze in der Decke der Bibliothek drang die Musik damals in den Raum.

Weitere Orgelpfeifen, das sogenannte Echowerk, sind gegenüber dem Spieltisch auf der anderen kurzen Seite des Raums hinter der Holzvertäfelung verborgen. Auch ihre Töne wurden damals durch Schlitze in der Wand in den Raum geleitet. »Man hörte Musik, ohne zu sehen, woher sie kam. Das war wohl die Faszination dieser Orgel«, sagt der Enkel des Erbauers.

Substanz der Orgel ist »sehr gut«

Ein Orgel- und Denkmalexperte des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe hat das Instrument im vergangenen Jahr begutachtet. Er beurteilte die Substanz der Orgel als »sehr gut« – auch, weil sie seit mehr als 70 Jahren nicht gespielt und die Mechanik deshalb kaum verschlissen wurde. Eine Restaurierung sei allerdings unumgänglich, wenn man die Orgel wieder spielen wolle, heißt es in dem Gutachten.

Zur Bedeutung schreibt der Experte, die Aelion-Orgel sei »als Zeugnis höfischer Musikkultur in Westfalen« einzigartig und nach derzeitigem Kenntnisstand auch deutschlandweit »ohne vergleichbares Beispiel«.

Stephan Prinz zur Lippe: »Die Orgel herzurichten, um dann auch die Öffentlichkeit an der Musik teilhaben zu lassen, wird einen größeren Betrag kosten.« Über eine Zuwendung des Bundes seien 50 bereits Prozent gesichert. Jetzt gelte es, weitere Unterstützung bei Organisationen in NRW und privaten Sponsoren zu finden. »Sollte es gelingen, das Instrument wieder zum Spielen zu bringen, werde ich auf jeden Fall Orgelunterricht nehmen!«

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