Mi., 19.06.2019

Detmold: lebensgefährlichen Schädelbruch nicht erkannt Schwerverletzter Soldat verliert Klage gegen Krankenhaus

Mit einem Computertomographen, hier ein Symbolbild, können detaillierte Bilder auch vom Kopfinneren gemacht werden. Wäre der Soldat mit so einem Gerät untersucht worden, wäre die lebensgefährliche Blutung wohl entdeckt worden.

Mit einem Computertomographen, hier ein Symbolbild, können detaillierte Bilder auch vom Kopfinneren gemacht werden. Wäre der Soldat mit so einem Gerät untersucht worden, wäre die lebensgefährliche Blutung wohl entdeckt worden. Foto: imago

Von Christian Althoff

Detmold (WB). Nach einem Tritt gegen den Kopf muss ein Opfer nicht zwingend im CT untersucht werden. Das hat das Oberlandesgericht Hamm entschieden und die Klage eines Soldaten gegen das Klinikum Lippe abgewiesen.

Der Bundeswehrsoldat wurde 2008 Opfer einer Schlägerei. Damals trat ihm der Täter gegen den Schädel. Rettungskräfte brachten den Soldaten ins Klinikum Lippe. Dort diagnostizierte ein Arzt eine Schädelprellung und entließ den Patienten wieder aus der Ambulanz.

Am Tag darauf wurde der Soldat zu Hause bewusstlos. Es stellte sich heraus, dass er einen Schädelbruch und eine lebensgefährliche Hirnblutung erlitten hatte. Der Mann wurde mit einer Operation gerettet, doch es blieben dauerhafte Folgeschäden. Er verklagte den Arzt und das Krankenhaus auf mindestens 75.000 Euro Schmerzensgeld – und unterlag in zwei Instanzen.

Formale Gründe

Das Landgericht Detmold wies die Klage 2015 aus formalen Gründen ab. Als Soldat habe der Mann nicht für seine Behandlungskosten aufkommen müssen, weil sie vom Staat bezahlt worden seien. Somit sei kein privatrechtlicher Behandlungsvertrag zwischen dem Klinikum und dem Patienten zustande gekommen, und deshalb könne er auch keine Ansprüche gegen das Krankenhaus geltendmachen.

Das sah das Oberlandesgericht Hamm ganz anders. Der Umstand, dass der Bund die Behandlung eines Soldaten bezahle, ändere nichts daran, dass in einem Fall wie dem vorliegenden ein Vertragsverhältnis zwischen der Klinik und dem Patienten entstehe. Der Arzt könne seinen Honoraranspruch zwar nur gegen den Bund geltendmachen. Er schulde dem Patienten aber eine fachgerechte Behandlung und hafte ihm gegenüber auch für Fehler.

Diagnoseirrtum kein Behandlungsfehler

Nur: Einen Behandlungsfehler vermochten die Hammer Richter in diesem Fall nicht zu erkennen. Der Soldat habe neben oberflächlichen Abschürfungen eine geschwollene Nase und einen Bluterguss an der Stirn gehabt. Er sei aber »wach und orientiert« gewesen. Übelkeit und Erbrechen hätten auch nicht vorlegen.

Das Gericht hörte zwei Sachverständige und kam zu der Überzeugung, dass die Behandlung »dem zeitgemäßen wissenschaftlich-medizinischen Standard« entsprochen habe. Zwar sei die Diagnose einer Schädelprellung falsch gewesen, weil der Patient einen Schädelbruch gehabt habe, heißt es im Urteil. Doch seien »Diagnoseirrtümer grundsätzlich nur mit Zurückhaltung als Behandlungsfehler zu bewerten, weil die Symptome einer Krankheit nicht immer eindeutig sind«.

Nach Angaben der Sachverständigen seien die typischen Anzeichen eines Schädelbruchs Bewusstlosigkeit, Schwindel und Übelkeit. Das alles sei in diesem Fall nicht erkennbar gewesen. Allerdings sagte einer der Sachverständigen auch, dass es bei einer Verletzung wie der vorliegenden »nicht untypisch« sei, dass ein Patient trotz schwerer Verletzungen »völlig unverändert wirkt«.

»Nicht jede Kopfverletzung rechtfertigt CT«

Die Richter waren dennoch der Meinung, dass »nicht jede ungeklärte Kopfverletzung bereits ein CT rechtfertigt«. Ein Computertomogramm sei nicht nur teuer, sondern bedeute auch eine hohe Strahlenbelastung für den Patienten. Angesichts fehlender Symptome habe es keine Pflicht für ein CT gegeben.

Die Staatsanwaltschaft Detmold hat ihr Ermittlungsverfahren gegen den Arzt wegen fahrlässiger Körperverletzung bereits vor geraumer Zeit wegen geringer Schuld eingestellt. Ob der Täter damals ermittelt und zur Rechenschaft gezogen wurde, war nicht zu erfahren.

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