Do., 27.06.2019

Anklageverlesung unter Ausschluss der Öffentlichkeit – am Freitag sagen erste Opfer aus – mit Videos Alle Angeklagten legen Geständnisse ab

Blick auf die Anklagebank: Rechtsanwalt Jürgen Bogner (links) mit dem Beschuldigten Mario S. aus Steinheim, und Rechtsanwalt Johannes Salmen (rechts) mit dem Angeklagten Andreas V. aus Lügde.

Blick auf die Anklagebank: Rechtsanwalt Jürgen Bogner (links) mit dem Beschuldigten Mario S. aus Steinheim, und Rechtsanwalt Johannes Salmen (rechts) mit dem Angeklagten Andreas V. aus Lügde. Foto: Christian Althoff

Von Christian Althoff

Detmold (WB/dpa). Im Prozess um hundertfachen Missbrauch von Kindern auf einem Campingplatz in Lügde (Kreis Lippe) haben alle drei Angeklagten am ersten Verhandlungstag überraschend Geständnisse abgelegt. Andreas V. (56) und Mario S. (34) – die beiden Hauptangeklagten – räumten die angeklagten Taten am Donnerstag vor dem Detmolder Landgericht über ihre Verteidiger weitestgehend ein. 

Auch der dritte Angeklagte Heiko V. (49) räumte über seinen Verteidiger die Vorwürfe wenig später ein. Das schilderten Nebenklägeranwälte – die Öffentlichkeit war von der Verlesung der Erklärung ausgeschlossen.

Am Freitag (12 Uhr) sollen Kinder als Zeugen aussagen. Nachdem alle Angeklagten Geständnisse abgelegt hatten, sollen die Opfer nach Aussage ihrer Anwälte aber nicht zu den Taten befragt werden. Es gehe mehr darum, dass das Gericht sich ein Bild machen wolle, wie es ihnen heute gehe.

Die erst Ende 2018 bekanntgewordenen Taten sollen sich vor allem auf einem Campingplatz in Lügde ereignet haben. Im Rahmen der Ermittlungen waren mehr als 40 Opfer identifiziert worden. Angeklagt sind nach Angaben des Gerichts nun die Gewalttaten gegen 34 Opfer. (Mehr Fakten rund um die Taten, Opfer, Daten und Spuren gibt es hier.)

Eltern hatten Tränen in den Augen, als sie erfuhren, dass ihre Kinder möglicherweise nicht aussagen müssten: 

Das hat der Anwalt des Angeklagten mitgeteilt. Nach Verlesen der Anklage wurde der Prozess am Morgen erneut unterbrochen. Alle Beteiligten tauschen kurzfristig bei einem Rechtsgespräch ihre Positionen aus. Dabei geht es auch um die Frage, welche Folgen ein Geständnis für das Strafmaß bei einer möglichen Verurteilung haben könnte. 

Zuvor hatten der Verteidiger von Mario S. mitgeteilt, dass sein Mandant sich äußern werde. Eine Erklärung sei vorbereitet. Das gleiche gilt für Heiko V. aus Stade in Niedersachsen. 

»Das macht einen fassungslos«

Die Vorsitzende Richterin Anke Grudda wandte sich mit einer persönlichen Erklärung an die Angeklagten, die anderen Prozessbeteiligten und die Zuschauer. Sie sagte, es sei abscheulich und erschreckend, was auf dem Campingplatz passiert sein soll.

»Die Anzahl der Taten, die Art und Weise des Missbrauchs, die vielen Opfer - das macht einen fassungslos.« Es gelte aber trotzdem die Unschuldsvermutung. »Und die nimmt diese Kammer sehr ernst.« Nichts von dem, was vor dem Prozess öffentlich geworden sei, spiele eine Rolle. 

Das Gericht werde sich alleine auf das stützen, was die Hauptverhandlung ergebe, und die individuelle Schuld eines jeden Angeklagten prüfen. Während sich Andreas V. (56) einen Aktendeckel vor das Gesicht gehalten hatte, als er in den Saal geführt wurde, blickte Mario S. (34) unverhüllt in die Kameras.

Der dritte Angeklagte, Heiko V. (43), verbarg dagegen sein Gesicht.

Auf Antrag der 18 Nebenklageanwälte mussten die Zuschauern und die Reporter den Saal verlassen, als die Anklagen vorgelesen wurden. Hintergrund ist, dass in den Schriftstücken die Namen der Opfer genannt werden und die Taten, die sie erlitten haben sollen, detailliert beschrieben sind.

Dieses öffentlich zu machen widerspreche den Schutzinteressen der Opfer, sagte Anke Grudda. Da die Anklage gegen Mario S. etwa 40 Seiten und die gegen die beiden anderen Männer etwa 100 Seiten umfasst, wird es dauern, bis sich die Türen zum Saal 165 wieder öffnen. 

»Hintern in der Hose haben«

Peter Wüller ist einer der Opferanwälte. Er hofft, dass »die Angeklagten den Hintern in der Hose haben, die ihnen zur Last gelegten Taten zuzugeben«. 

Neben einigen Medienvertretern ist im Gerichtssaal nur Platz für rund 30 Zuhörer. Zum Auftakt wird die Staatsanwaltschaft die Anklagen verlesen. Rudolf Peinarth aus Hameln ist einer der Zuschauer beim Prozessauftakt. Er erhofft sich auch eine Aufklärung im Zusammenhang mit der Arbeit des Jugendamtes Hameln-Pyrmont, das dem Hauptangeklagten Andreas V. trotz mehrerer Hinweise auf sexuell übergriffiges Verhalten als Pflegevater für ein Mädchen eingesetzt hatte. 

So hat sich das Landgericht vorbereitet

Im Video erklärt Gerichtssprecherin Dr. Melanie Rüter, wie sich das Landgericht Detmold auf den Prozess vorbereitet hat und welche Maßnahmen ergriffen wurden, um die Opfer vor der Öffentlichkeit zu schützen:

Das wird den Angeklagten vorgeworfen:

Die Staatsanwaltschaft Detmold wirft dem heute 56-jährigen Dauercamper Andreas V. fast 300 Straftaten vor. Er soll im Sommer 1998 und von 2008 bis 2018 insgesamt 23 Mädchen teilweise schwere sexuelle Gewalt angetan haben. Zudem wurden fast 900 Bild- und Videodateien bei ihm gefunden, die sexuelle Übergriffe auf Minderjährige zeigen.

Der 34-jährige Mario S. ist angeklagt, in 162 Fällen acht Mädchen und neun Jungen missbraucht zu haben, manche schwer. Der Mann soll die Gewalttaten über einen Zeitraum von 20 Jahren ab 1999 auf dem Campingplatz an der Grenze zu Niedersachsen und in seiner Wohnung verübt haben. Bei ihm wurden laut Anklage rund 4800 Bild- und Videodateien mit kinder- und jugendpornografischem Material sichergestellt.
Dem Vorwurf zufolge hatten beide Männer manche Gewalttaten gefilmt. Einige der Kinder wurden Opfer sowohl von Andreas V. als auch von Mario S. Alle Opfer waren minderjährig, die jüngsten sollen im Kindergartenalter gewesen sein.

Ein dritter Angeklagter (49) soll an mindestens vier Webcam-Übertragungen teilgenommen und teils zu den Taten angestiftet haben. Es wird nicht ausgeschlossen, dass sein Verfahren abgetrennt werden könnte. Alle drei Männer sind Deutsche und sitzen in Untersuchungshaft. Inzwischen wurden 28 Opfer als Nebenkläger zugelassen, sie werden von 18 Anwälten vertreten, die Zahl stieg kurz vor Prozessbeginn laut Gericht noch einmal leicht.

Was bisher über das Leben der Angeklagten zu erfahren war, haben wir hier zusammengetragen.

Darum wird weiter ermittelt:

Parallel dazu dauern Ermittlungen in dem Fall an. Es war es auch zu Polizeipannen gekommen, 150 Datenträger – Beweismittel – aus einem Polizeiraum verschwunden. Jugendämter sollen frühen Hinweisen gegen Andreas V. nicht nachgegangen sein.

Auch ein Untersuchungsausschuss im NRW-Landtag soll Fehlverhalten aller befassten Ebenen und Behörden aufklären und sich mit den Polizei und Staatsanwaltschaft, Jugendämtern und dem Umgang der Landesregierung befassen.

Unsere bisherige Berichterstattung:  www.westfalen-blatt.de/OWL/Missbrauchsfall-Luegde.

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