Sa., 06.07.2019

Lügde: Gericht vernimmt weitere Missbrauchsopfer – mit Video »Ein Eldorado für Pädophile«

Acht Fallakten auf dem Richtertisch: In Detmold wurden am Freitag Kinder und Elternteile vernommen.

Acht Fallakten auf dem Richtertisch: In Detmold wurden am Freitag Kinder und Elternteile vernommen. Foto: Althoff

Von Christian Althoff

Detmold (WB). Der vierte Tag im Missbrauchsprozess Lügde – er begann am Freitag mit einer bewegenden Schilderung der Opferanwältin Anke Reese.

Die Detmolder Rechtsanwältin vertritt vor dem Landgericht in Detmold unter anderem drei Geschwister – Mädchen im Alter von acht, zehn und 13 Jahren. Eines wurde von Andreas V. (56) missbraucht, eines von Mario S. (34) und das dritte von beiden Männern. Anke Reese beantragte, während der Befragung der Kinder die Öffentlichkeit auszuschließen und auch die Angeklagten aus dem Saal zu bringen. »Die Mädchen haben weiterhin große Angst vor den Angeklagten«, sagte Reese. Und: »Die Kleine hat mich gefragt, ob sie ins Kindergefängnis müsse, wenn sie bei Gericht etwas sage.«

Die Kammer gab dem Antrag statt. Die Vorsitzende Richterin Anke Grudda sagte, den Kindern drohe bei einer Begegnung mit den Angeklagten eine Retraumatisierung.

Rechtsanwalt Thorsten Fust aus Lichtenau, der ebenfalls ein Opfer vertritt: »Die Angst des Mädchens, ins Gefängnis zu müssen, zeigt, wie perfide und nachhaltig die Angeklagten die Kinder unter Druck gesetzt haben. Es gibt einen anderen Fall eines Mädchens, dessen Vater mal in Haft saß. Diesem Kind drohte der Täter, dass der Vater wieder ins Gefängnis komme, wenn es jemandem von dem Missbrauch auf dem Campingplatz erzähle. Als der Vater Veränderungen im Verhalten seiner Tochter feststellte und nach dem Grund fragte, weinte das Mädchen nur und sagte, es wolle nicht, dass er wieder ins Gefängnis müsse.«

Opferanwalt Cornelius Pietsch aus Hannover, der die heute acht Jahre alte frühere Pflegetochter von Andreas V. vertritt, sagte in einer Verhandlungspause, der Campingplatz sei »ein Eldorado für Pädophile« gewesen. Seine kleine Mandatin sei in einer Umgebung aufgewachsen, in der Sex zwischen Männern und Kindern zum Alltag gehört habe. »Sie wurde so sozialisiert.« Inzwischen sei ihr aber klar, dass es Kindesmissbrauch und verboten gewesen sei. »Sie hat zu ihrer jetzigen Pflegemutter gesagt, es seien so schlimme Dinge passiert, dass sie sie nicht erzählen könne.« Er erlebe seine Mandantin heute durchaus auch als fröhlich, sagte Pietsch.

Das Mädchen war im ersten Lebensjahr von Mutter und Großmutter versorgt worden. »Als die alleinerziehende Mutter wieder schwanger wurde und Depressionen bekam, ließ sie die Kleine immer häufiger von Andreas V. betreuen – später mit Zustimmung des Jugendamts«, sagte der Rechtsanwalt. »Die Staatsanwaltschaft geht in ihrer Anklage davon aus, dass das Mädchen zum ersten Mal mit fünf Jahren vergewaltigt wurde. Mich würde es aber nicht überraschen, wenn Andreas V. die Gelegenheit schon sehr viel früher genutzt hätte.« Schon am Vortag hatte Cornelius Pietsch gesagt, die 132 angeklagten Taten im Fall der Pflegetochter seien nicht alles gewesen: »Da können Sie ruhig noch eine Null dranhängen.«

Am Freitag wurden nicht nur die Kinder, sondern auch Eltern unter Ausschluss der Öffentlichkeit befragt. Opferanwalt Roman von Alvensleben: »Ich hätte diesen Müttern und Vätern gerne ein paar Fragen gestellt, denn vielleicht hätte man Andreas V. viel eher anzeigen können. Dann wäre meiner Mandantin ihr Schicksal erspart geblieben.« Das Mädchen, das von Alvensleben vertritt, war im Sommer 2018 von Andreas V. vergewaltigt worden. Es offenbarte sich seiner Mutter, die den Mann anzeigte und so den Missbrauchsfall Lügde aufliegen ließ.

»Ich habe mit der Mutter meiner Mandantin vereinbart, dass wir die anderen Eltern in Ruhe lassen und uns mit Fragen zurückhalten. Der ein oder andere macht sich wahrscheinlich selbst schon genug Vorwürfe. Ich erlebe die Eltern hier aufgelöst und fertig. Das wollen wir nicht noch schlimmer machen.« Einige Eltern hätten Bedenken hinsichtlich des Dauercampers auch fortgeschoben: »Sie waren überzeugt, dass von einem Mann, dem das Jugendamt ein kleines Mädchen anvertraut, keine Gefahr ausgehen kann.« Von Alvensleben sagte, fast alle Kinder, die er bisher im Prozess erlebt habe, hätten weiter Angst vor den Angeklagten. »Sie haben Albträume, sie schlafwandeln, und manche verletzen sich.«

Der Prozess wird am Freitag fortgesetzt.

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