Sa., 13.07.2019

Missbrauchsprozess Lügde: Landgericht Detmold befragt Ex-Pflegetochter – mit Video Kinder nannten Täter »Papa«

Rechtsanwalt Cornelis Pietsch aus Hannover vertritt das missbrauchte Pflegekind, das am Freitag befragt wurde.

Rechtsanwalt Cornelis Pietsch aus Hannover vertritt das missbrauchte Pflegekind, das am Freitag befragt wurde. Foto: Althoff

Von Christian Althoff

Detmold (WB). Rechtsanwalt Cornelius Pietsch atmete tief aus, als er aus dem Gerichtssaal kam. »Das war bedrückend«, sagte er.

Im Missbrauchsprozess Lügde hat das Landgericht Detmold am Freitag hinter geschlossenen Türen die Pflegetochter des Angeklagten Andreas V. (56) befragt. Acht Jahre alt ist das Mädchen heute, das den größten Teil seines bisherigen Lebens auf dem Campingplatz verbringen musste.

Dort wurde es jahrelang von seinem Pflegevater auf alle nur denkbaren Arten vergewaltigt. 132 Verbrechen allein an diesem Kind sind angeklagt. Aber Cornelius Pietsch, der Anwalt des Mädchens, hält das Zehnfache für realistischer.

Um es der kleinen Zeugin nicht noch schwerer zu machen, verließen alle anderen Nebenklageanwälte den Saal. Und auch die Wachtmeister warteten bis auf einen vor der Tür. Sie hatten vorher die beiden Angeklagten in Gewahrsamszellen gebracht, um dem Mädchen die Begegnung mit den Peinigern zu ersparen.

»Sehr behutsam befragt«

Als die Saaltüren geschlossen waren, legte die Vorsitzende Richterin Anke Grudda ihre schwarze Robe ab. Sie stieg vom Richterpodest hinunter zum Zeugentisch und setzte sich neben das Mädchen. »Sie hat das Kind sehr behutsam befragt«, sagte Cornelius Pietsch später. »Das Mädchen hat bestätigt, dass alles, was es bei der Polizei ausgesagt hat, der Wahrheit entsprach. Man merkte, dass das Kind zu mehr nicht fähig war. Da war eine große Sprachlosigkeit im Gerichtssaal. Die Atmosphäre war ziemlich bedrückend. Deshalb stellte die Vorsitzende auch keine weiteren Fragen.«

Nach 15 Minuten wurde die Achtjährige durch einen Hinterausgang geführt und nach Hause begleitet. »Sie war erleichtert«, sagte Pietsch. Die Schülerin lebt jetzt zusammen mit anderen Kindern in einer Einrichtung. »Dort versucht man, ihr ein normales Leben zu ermöglichen.« Seine Mandantin sei noch lange nicht so weit, frei über das Erlebte zu sprechen. »Sie hat Andreas V. als ihren Vater wahrgenommen. Das hat er ihr eingetrichtert, so hat er sie konditioniert. Und auch wenn wir Erwachsenen das vielleicht nicht nachvollziehen können: Sie hat auch schöne Erinnerungen an ihn.«

»10.000 Küsse und Umarmungen! Dein Addi!«

Wie nachhaltig es Andreas V. gelungen war, Mädchen zu manipulieren, wurde bereits vor der Aussage der kleinen Zeugin deutlich. Da las die Vorsitzende Richterin den E-Mail-Verkehr zwischen dem Angeklagten und einigen Mädchen vor. In vielen Mails ging es darum, dass Andreas V. den Mädchen Handys oder Notebooks versprochen hatte. Andreas V. schrieb die Kinder an, als wären es Gleichaltrige: »Hallo meine Liebe! Immer, wenn ich über den Campingplatz gehe und bei euch vorbeikomme, muss ich an dich denken. Hab dich ganz doll lieb. Dein Addi.« Und: »Hi Schatz! Ich vermisse dich!« Oder: »10.000 Küsse und Umarmungen! Dein Addi!«

Ein Mädchen schickte An­dreas V. – wie von ihm erbeten – das Foto einer Freundin. Und Andreas V. schrieb zurück: »Zum Anbeißen! Die sieht ja supergeil aus!« Ob das Mädchen nicht mal mitkommen könne.

Einige Mädchen nannten den Angeklagten in ihren Mails »Papa« oder »Papabär«. Sie bekundeten ihm ihre Liebe, und sie vertrauten ihm ihre Probleme in der Schule und im Elternhaus an.

»Das Mädchen sieht die Schuld bei sich«

Bedrückend war auch die Begründung, die Opferanwältin Anke Blume zu Beginn des fünften Verhandlungstages dafür gegeben hatte, dass die beiden von ihr vertretenen Mädchen nicht aussagen werden. Die Anwältin zitierte aus E-Mails, die ihr die Mädchen geschickt hatten. Ein Mädchen schrieb, es habe damals das Gefühl gehabt, die ganze Welt sehe zu (das Opfer war vor einer Webcam missbraucht worden). Die Mail endete mit dem Satz: »Ich schäme mich, dass ich das damals getan habe.« Die Anwältin: »Das Mädchen sieht die Schuld bei sich. Das erleben wir bei Opfern von Sexualstraftaten leider häufig.«

Der Prozess wird am 1. August fortgesetzt.

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