Fr., 02.08.2019

Lügde-Prozess: Demonstranten fordern Abschaffung der Verjährung – mit Videos Mahnwache vor dem Landgericht

Gudrun Windhagen (60) aus Wipperfürth wurde nach eigenen Angaben als Kind von ihrem Vater missbraucht. Zusammen mit ihrem Mann Roland nahm sie gestern in Detmold an der Mahnwache teil und warb für eine Abschaffung der Verjährung.

Gudrun Windhagen (60) aus Wipperfürth wurde nach eigenen Angaben als Kind von ihrem Vater missbraucht. Zusammen mit ihrem Mann Roland nahm sie gestern in Detmold an der Mahnwache teil und warb für eine Abschaffung der Verjährung.

Von Christian Althoff

Detmold (WB). Gudrun Windhagen und ihr Mann Roland haben ein gelbes Plakat mitgebracht. »Missbrauch von Kindern darf nie verjähren«, steht darauf. Die 60-Jährige sagt, sie und ihre Geschwister seien als Kinder jahrelang missbraucht worden. »Aber unser Vater ist dafür nie zur Rechenschaft gezogen worden.«

Der sechste Verhandlungstag im Missbrauchsfall Lügde wird von einer Mahnwache begleitet. Etwa 100 Menschen haben sich auf der Straße vor dem Detmolder Landgericht versammelt und halten Plakate hoch. Unter den Teilnehmern sind auch frühere Missbrauchsopfer wie Gudrun Windhagen aus Wipperfürth. Die Demonstranten kritisieren die kürzlich verhängte Bewährungsstrafe gegen einen der drei Angeklagten. Und sie fordern die Abschaffung von Verjährung bei Kindesmissbrauch. Ein paar hundert Meter weiter hat die Hamelner Initiative »Die Kinder von Lügde« etliche Paar Kinderschuhe in der Fußgängerzone aufgestellt. »Ein Symbol. Wir möchten, dass bei aller Kritik an den Jugendämtern, an der Polizei und dem Gericht die Kinder nicht vergessen werden«, sagt Organisatorin Ina Tolksdorf.

Videos werden angesehen

Zur selben Zeit geht es auch im Gerichtssaal emotional zu: Zum ersten Mal sehen sich die Prozessbeteiligten Videos an, die der Angeklagte Mario S. (34) gemacht hat. Sie zeigen, wie er zwei Kinder vergewaltigt – einen Jungen und ein Mädchen. Die Vorsitzende Richterin Anke Grudda hat die Staatsanwältin, die Nebenklageanwälte, den Verteidiger und den Angeklagten am Richtertisch versammelt und spielt die Videos auf einem Laptop ab. Die Zuschauer können die Filme nicht sehen, aber sie hören den Ton und blicken in die Gesichter der Menschen, die auf den Bildschirm starren. Manche schauen wie versteinert, andere wirken angewidert. Mario S. schaut mit rotem Kopf zu Boden und blickt nur kurz zur Richterin hinüber, wenn sie ihn nach den Namen der Opfer fragt.

Bogner: »Es war abgründig, was wir dort sehen mussten«

»Es war abgründig, was wir dort sehen mussten« , wird sein Verteidiger Jürgen Bogner später in einer Verhandlungspause sagen. Draußen auf der Straße erzählt Gudrun Windhagen unterdessen, wie es ihr vor fast 50 Jahren vor Gericht ergangen ist. »Meine beiden älteren Schwestern und ich hatten meinen Vater angezeigt. Da war ich vielleicht 13. Er kam in Untersuchungshaft und hat meiner Mutter eingeredet, dass wir uns alles nur ausgedacht hätten. Unsere Mutter hat uns dann so beeinflusst, dass wir Kinder vor Gericht ausgesagt haben, die Beschuldigungen gegen unseren Vater seien gelogen gewesen.« Ihr Vater sei freigesprochen und der Missbrauch in der Familie nie wieder thematisiert worden. »Ich hätte mir gewünscht, ich wäre damals in ein Heim gekommen. Alles wäre besser gewesen als weiter zu Hause zu leben.«

Als ihr Vater ihr 1991 mitgeteilt habe, dass er in Kürze an Lungenkrebs sterben werde, sei sie zu ihm gefahren, um ihn endlich zur Rede zu stellen. »Aber ich habe kein Wort herausbekommen.« Vor zehn Jahren hätten sie und ihre Schwestern dann erfahren, dass der Vater auch den Bruder missbraucht habe.

Das alles, sagt die Frau, sei ihr durch den Missbrauchsfall Lügde wieder sehr präsent geworden. »Ich finde es wichtig, dass man einen Täter auch nach Jahrzehnten noch anzeigen kann. Deshalb bin ich heute nach Detmold gekommen und fordere die Abschaffung der Verjährung.« Die hat der Gesetzgeber in den vergangenen Jahren allerdings schon sehr gestreckt: Bei sexuellem Missbrauch beginnt die Verjährungsfrist erst mit dem 30. Geburtstag des Opfers und endet, je nach Delikt, erst nach weiteren fünf bis 30 Jahren.

Heute um 10 Uhr soll der Missbrauchsprozess fortgesetzt werden – wenn der Mitangeklagte Andreas V. (56), der eine Viruserkrankung haben soll, verhandlungsfähig ist. Sollte er das nicht sein, muss der Prozess gegen ihn von vorne beginnen.

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