Sa., 03.08.2019

Der siebte Verhandlungstag im Missbrauchsprozess Lügde dauerte keine zehn Minuten – mit Video Kurzer Prozess

Ein Arzt (links) setzte sich gestern neben den kranken Angeklagten Andreas V. und dessen Verteidiger Johannes Salmen auf die Anklagebank. Auffällig war eine ältere Verletzung am Unterarm des Angeklagten.

Ein Arzt (links) setzte sich gestern neben den kranken Angeklagten Andreas V. und dessen Verteidiger Johannes Salmen auf die Anklagebank. Auffällig war eine ältere Verletzung am Unterarm des Angeklagten. Foto: Christian Althoff

Von Christian Althoff

Detmold (WB). Ein Arzt des Justizkrankenhauses Fröndenberg saß mit Schutzweste neben dem Angeklagten Andreas V. (56), als das Landgericht Detmold am Freitag den Prozess im Fall Lügde fortführte.

Es war der siebte Verhandlungstag, und er – wie berichtet – dauerte keine zehn Minuten. »Wäre mein Mandant heute nicht erschienen, wäre das Verfahren geplatzt, und es hätte neu beginnen müssen«, sagte Verteidiger Johannes Salmen. Er hatte im Namen seines Mandanten auf die Verhandlung gedrängt – gegen den Rat der Ärzte, die den Angeklagten für verhandlungsunfähig hielten.

Drei Wochen Pause gesteht die Strafprozessordung einem Gericht zu, und diese Frist drohte am Freitag abzulaufen. Deshalb wurde der Angeklagte, der seit Tagen wegen einer Viruserkrankung auf der Intensivstation des Justizkrankenhauses liegt, am Freitagmorgen mit einem Krankenwagen ins 120 Kilometer entfernte Detmold gefahren.

Andreas V. wirkte schwach und mitgenommen, als er von einem Arzt begleitet in den Saal gebracht wurde. Zur Ursache seiner Krankheit wurden keine Angaben gemacht, und auch zu einer deutlich sichtbaren Verletzung am linken Unterarm wollte Verteidiger Johannes Salmen nichts sagen. »Das fällt unter meine Schweigepflicht.«

Reporter durften den Angeklagten dieses Mal nur 15 Sekunden lang fotografieren und filmen, dann begann der Prozess. Gut fünf Minuten wurde verhandelt – proforma, um die Frist zu wahren und den Angeklagten nicht zu überanstrengen.

Andreas V. hat über E-Bay Kontakt zu Alleinerziehenden gesucht

Die Vorsitzende Richterin Anke Grudda las zwei Ebay-Anzeigen vor, die von Andreas V. stammten. Er hatte damit Kontakt zu alleinerziehenden Müttern und Vätern gesucht, »um gemeinsam mit den Kindern schwimmen zu gehen und andere Sachen zu tun, die Spaß machen«. Anschließend zitierte die Richterin aus einem Schreiben, das eine Nebenklageanwältin im Namen ihrer Mandantin eingereicht hatte. Darin heißt es, sie sei als Kind gerne bei Andreas V. auf dem Campingplatz gewesen, habe aber unter seinen sexuellen Übergriffen gelitten und diese erst als solche einordnen können, nachdem sie in die Pubertät gekommen sei. Sie denke mit sehr schlechten Gefühlen an die Zeit zurück, habe Albträume und wolle jetzt eine Therapie beginnen. Sie hoffe, dass Andreas V. keine Bewährung bekommen, sondern »eine richtige Strafe«.

Der Angeklagte zeigte keine Regung, und das Gericht verzichtete offenbar bewusst darauf, ihn anzusprechen. Nach nicht einmal zehn Minuten war die Verhandlung beendet. Richterin Anke Grudda entließ Andreas V. mit Genesungswünschen und sagte, sie hoffe, den Prozess am 15. August fortsetzen zu können.

Lügde-Opfer wird selbst zum Täter – Staatsanwaltschaft klagt

Unterdessen hat die Staatsanwaltschaft Paderborn Anklage gegen ein Lügde-Opfer erhoben, das schließlich selbst zum Täter wurde. Der heute 16 Jahre alte Junge aus dem Kreis Paderborn war zehn, als er zum ersten Mal in einem Keller in Steinheim und später auf dem Campingplatz in Lügde und in einem Baumarkt von dem Angeklagten Mario S. missbraucht wurde. Sein Anwalt Thorsten Fust: »Mein Mandant wuchs als Missbrauchsopfer auf, er wurde so sozialisiert. Als er älter wurde, hat er das, was er erlebt hat, an anderen Kindern praktiziert. Er hat bei der Polizei bereits alles gestanden.« Er habe lange suchen müssen, um für den Jugendlichen eine Therapieplatz zu finden, sagte Fust. »Wenn die Einrichtungen das Wort Lügde gehört haben, haben sie dichtgemacht.«

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