Fr., 16.08.2019

Gutachterin: Mario S. voll schuldfähig und auf Dauer gefährlich Kinder haben weiter Angst vor den Tätern von Lügde

Ein Justizwachtmeister führt den zitternden Angeklagten Andreas V. zur Anklagebank. Er leidet an der Viruserkrankung Herpes Zoster, auch Gürtelrose genannt.

Ein Justizwachtmeister führt den zitternden Angeklagten Andreas V. zur Anklagebank. Er leidet an der Viruserkrankung Herpes Zoster, auch Gürtelrose genannt. Foto: Althoff

Von Christian Althoff

Detmold (WB). Kinder, die auf dem Campingplatz »Eichwald« in Lügde vergewaltigt wurden, leben trotz psychologischer Betreuung weiter in großer Angst vor den Tätern.

Das wurde am achten Verhandlungstag vor dem Landgericht Detmold deutlich, als die Vorsitzende Richterin Anke Grudda Schreiben mit entsprechenden Äußerungen vorlas. Ein Mädchen, das jetzt in die erste Klasse geht, ließ das Gericht wissen, dass »Addi« bestimmt aus dem Gefängnis ausbrechen werde. »Dann verstecke ich mich unter meinem Bett und komme nie wieder heraus.« Die Anwältin des Kindes ergänzte, dass das Wort »Addi« reiche, um das Mädchen zu retraumatisieren. »Das passiert zum Beispiel, wenn jemand das Wort ›Adidas­‹ auf seiner Kleidung trägt.« Auch Rechtsanwalt Peter Wüller berichtete von einem missbrauchten Kind, das Angst habe, dass Mario S. (34) aus dem Gefängnis ausbreche und ihm wieder etwas antue.

Wie verstört die Opfer zum Teil sind, verdeutlichte der Bericht einer Psychologin über ein Mädchen. Danach kann das Kind beim Puppenspiel bestimmten Charaktere nicht mehr Gut und Böse zuordnen. »Die Prinzessin ist böse, der Teufel ist gut, und die Hexe schenkt Kindern Süßigkeiten.« Nachts träume das Mädchen von »Killerclowns«, die es umringten und seinen Namen riefen.

Andreas V. leidet an Gürtelrose

Am Morgen war es noch fraglich gewesen, ob der achte Prozesstag überhaupt stattfinden konnte. Denn der Angeklagte An­dreas V. zitterte stark, als er in den Saal geführt wurde. Sein Körper war abgemagert, er hatte eine ungesunde Gesichtsfarbe und eingefallene Wangen. »Mein Mandant wurde mit Verdacht auf einen Virus im Gehirn im Justizkrankenhaus behandelt«, sagte Verteidiger Johannes Salmen. Der Verdacht habe sich nicht bestätigt, aber Andreas V. leide an Herpes Zoster, im Volksmund auch Gürtelrose genannt. Das Virus führt zu Nervenentzündungen und erheblichen Schmerzen. Die können so stark sein, dass Ärzte gelegentlich fälschlicherweise eine Nierenkolik, eine Blinddarmentzündung oder einen Bandscheibenvorfall annehmen. Trotzdem bestand Andreas V. darauf, weiterzuverhandeln, und so hörte das Gericht den Kriminalbeamten Norbert Freier von der Polizei Bielefeld, den Aktenführer der Ermittlungskommission.

Auf Fragen des Gerichts erklärte er, die Akten, die man im Februar von der Polizei Lippe übernommen habe, seien »unstrukturiert« und »schwer lesbar« gewesen. Die Durchsuchungen auf dem Campingplatz seien »nicht ausreichend« gewesen, und es habe Fehler bei der Befragung der Kinder durch die lippische Polizei gegeben: »Es wurden Suggestivfragen gestellt, und Kindern wurde etwas eingeflüstert. Das entsprach alles nicht den Standards.« In Bielefeld hätten fünf speziell ausgebildete Kinderanhörungsteams diese Aufgabe übernommen. Zum Tatort Campingplatz sagte Freier, die Parzelle von Andreas V. sei »eine Katastrophe« gewesen. »Überall Wäsche, Möbel und Müll.«

Seit dem 14. Lebensjahr Kinder missbraucht

Gegen Mittag ging bei Andreas V. nichts mehr, er hatte nach eigenen Angaben zu große Schmerzen. »Wir wollen hier auch nichts durchpeitschen«, sagte die Vorsitzende Richterin. Sie beurlaubte den Angeklagten, der Schmerzmittel bekam und zurück in die Haftanstalt gebracht wurde, und setzte den Prozess mit dem zweiten Angeklagten Mario S. aus Steinheim fort.

Der hörte mit gesenktem Kopf zu, als die Ärztin Dr. Marianne Miller eine Stunde lang ihr Gutachten über ihn erstattete. Mario S. sei in einem behüteten Elternhaus großgeworden. »Er hat gute Erinnerungen an seine Kindheit und seine Eltern. Er ist auch nie geschlagen oder missbraucht worden.« Von seinem 14. Lebensjahr an habe er sich an Kindern vergangen, sagte die Ärztin. »Er wusste, dass das strafbar ist, aber er hat sein Leben lang weitergemacht. 20 Jahre lang.« Mario S. habe überhaupt keine Vorstellung davon, was er den Kinder angetan habe, sagte die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Sein Geständnis und seine Entschuldigung vor Gericht seien nicht von echten Gefühlen für die Opfer getragen gewesen. »In unseren Gesprächen hat er sogar in einem Fall versucht, einem Kind eine Mitschuld zu geben.«

Mario S. ist voll schuldfähig

Mario S. sei pädophil, aber voll schuldfähig. Ob ihm eine Therapie helfen könne, sei unklar. »Er stellt auf jeden Fall weiterhin eine Gefahr dar«, sagte die Gutachterin und ergänzte auf Nachfrage des Gerichts, dass daran auch eine lange Haftstrafe nichts ändern werde. Damit droht nun auch Mario S. die Sicherungsverwahrung.

Der Prozess wird am heutigen Freitag fortgesetzt.

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