Di., 19.11.2019

Angriffe im Internet gegen die tatverdächtige Halbschwester Mord an Nicolas (3): Facebook löscht Galgen

Im Erdgeschoss dieses Hauses wurde der drei Jahre alte Nicolas mit 28 Messerstichen getötet.

Im Erdgeschoss dieses Hauses wurde der drei Jahre alte Nicolas mit 28 Messerstichen getötet. Foto: Christian Althoff

Von Christian Althoff

Detmold (WB). Seit einer Woche hetzen Menschen im Internet gegen das Mädchen (15), das in Detmold seinen dreijährigen Halbbruder mit 28 Messerstichen getötet hatte.

Viele nutzen die Facebook-Seite der Schülerin für Hass-Postings. Das Mädchen selbst kann die Seite aus der Untersuchungshaft heraus nicht löschen, und die Familie soll das Passwort nicht kennen.

Die Jugendliche wird mit drastischen Worten angegriffen, vereinzelt wird die Todesstrafe für sie gefordert. Auch über die Rolle der Mutter diskutieren User. Dabei versuchen einige, die Scharfmacher zu besänftigen und warnen davor, dass die Mutter sich etwas antun könnte, wenn sie das alles lesen sollte.

Screenshot.

Das WESTFALEN-BLATT hat getestet, wie lange Facebook braucht, um einen Beitrag, der zu Gewalt aufruft, zu löschen. Um die Löschung zu beantragen, drückt man auf dem Handybildschirm auf den Beitrag, bis sich ein Menü öffnet. Ein Punkt heißt »Kommentar melden«, von da an ist alles weitere selbsterklärend. Die Redaktion hat eine hin- und herschwingende Galgenschlinge gemeldet, die ein Facebook-Nutzer aus Düsseldorf auf die Seite der Detmolder Schülerin gestellt und wofür er bereits fünf »Likes« bekommen hatte. Zwölf Stunden später hatte Facebook den Beitrag entfernt.

46 Millionen Kommentare überprüft

Wie viele Postings, die auf diese einfache Weise gemeldet werden können, Facebook in Deutschland aus dem Netz nimmt, teilt das Unternehmen nicht mit. Weltweit hat Facebook nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr allein zum Thema Gewalt 46 Millionen Kommentare überprüft.

Zahlen gibt Facebook Deutschland allerdings zu den Beschwerden heraus, die ihm über das vergleichsweise komplizierte Formular des sogenannten Netzwerkdurchsetzungsgesetzes gemeldet werden. Demnach gingen im ersten Halbjahr 674 Beschwerden zu 1050 Beiträgen ein (wegen Gewalt, Beleidigung, Kinderpornografie, Terrorismus, Bedrohung, Volksverhetzung usw.). 349 Beiträge wurden nach Überprüfung von Facebook gelöscht – ein Drittel der beanstandeten Kommentare.

4000 Euro durch Spendenaktion

Unterdessen hat die aus Polen stammende Familie die Spendenaktion für die Überführung und die Beerdigung des dreijährigen Nicolas beendet. 333 Spender aus Deutschland und Polen hatten innerhalb von wenigen Tagen die veranschlagten 4000 Euro aufgebracht.

Die 15-jährige Schwester wurde inzwischen in die Justizvollzugsanstalt Iserlohn verlegt, die als einzige in Nordrhein-Westfalen Plätze für minderjährige Mädchen vorhält. Rechtsanwalt Thomas Wöhler wird seine Mandantin dort voraussichtlich in dieser Woche besuchen. Die Ermittler gehen davon aus, dass die Schülerin ihren schlafenden Halbbruder aus abgrundtiefem Hass erstach. Die Ursache dafür kennen die Behörden aber noch nicht. Sollte die Schülerin wegen Mordes verurteilt werden, drohen ihr im Höchstfall zehn Jahre Gefängnis.

Der Anwalt hat aber bereits mitgeteilt, dass sich die Jugendliche psychiatrisch untersuchen lassen wird. Dabei könnten Milderungsgründe zu Tage treten.

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