Mi., 20.11.2019

33 Monate Haft für Erzieher, der die Taten bestreitet Missbrauch in Kita: Mädchen war »herausragende Zeugin«

Von Christian Althoff

Detmold (WB). Nach dem Urteil brach die Mutter des missbrauchten Mädchens in Tränen aus. Es waren Tränen der Erleichterung, weil das Gericht ihrer kleinen Tochter uneingeschränkt geglaubt hatte. 

Zwei Jahre und neun Monate Gefängnis – so lautete der Richterspruch gegen einen Erzieher (52) aus Blomberg. Nach Überzeugung des Landgerichts Detmold hatte der Mitarbeiter einer evangelischen Kindertagesstätte in Horn-Bad Meinberg ein fünfjähriges Mädchen mehrmals missbraucht. Außerdem hatten Polizisten in seiner Wohnung 3728 Kinder- und Jugendpornodateien gefunden – Fotos und Videos.

Erzieher Michael B. bezeichnet sich als unschuldig. Foto: Christian Althoff

Dateien auf sechs Geräten sichergestellt

»Ich weiß nicht, warum das Mädchen mir so etwas vorwirft. Wir hatten ein gutes Verhältnis«, sagte Michael B. zu Prozessbeginn. Er sei seit 20 Jahren Erzieher und habe für mehrere Träger gearbeitet. »Und niemals hat es Vorwürfe gegeben.« Die Kinderpornos – ja, die habe er besessen. »Aber nur durch Zufall. Ich habe auf einem Flohmarkt einen Speicherstick gekauft, und da waren sie drauf.« Das Gericht ließ erkennen, dass es dem Angeklagten das nicht abnahm, denn Polizisten hatten die Dateien auf sechs seiner Geräte sichergestellt.

Den Fall Lügde im Kopf – »und plötzlich ist das eigene Kind betroffen«

Die Mutter (54) des Mädchens schilderte, wie es im Juli zur Anzeige gegen den Erzieher gekommen war. »Meine Tochter war krank. Wir haben zusammen gekuschelt und ferngesehen. Plötzlich sagte sie aus heiterem Himmel: ›Ich habe ein Geheimnis mit Michael. Der massiert mir die Scheide. Aber sag’ es nicht Papa.‹«

Die Mutter erklärte, sie sei »völlig geschockt« gewesen. »Ich habe meinen Mann bei der Arbeit angerufen, damit er sofort nach Hause kommt.« Der 56-Jährige sagte im Zeugenstand: »Erst wollte unsere Tochter nicht mit der Sprache heraus. Aber dann hat sie mir ins Ohr geflüstert, was sie schon meiner Frau gesagt hatte. Ich habe gefragt, ob es wehgetan hat, und sie hat ›nein‹ gesagt.« Das alles sei ein Alptraum gewesen, sagte der Vater: »Man hat ja noch den Fall Lügde im Kopf. Und dann ist plötzlich das eigene Kind betroffen.«

Angeklagter hat zwei junge Töchter

Die Eltern, die selbst in der Erziehungshilfe arbeiten, zeigten Michael B. an, und das Mädchen wurde von einer speziell ausgebildeten Kriminalbeamtin vernommen. Die bezeichnete die Schülerin als »herausragende Zeugin«. Sie habe sich gut artikuliert, und ihre Aussage sei nachvollziehbar gewesen. »Ich hatte keinerlei Zweifel.« Deshalb war Michael B., der zwei zwölf und 14 Jahre alte Töchter hat, damals in Untersuchungshaft gekommen.

Mädchen sagt unter Ausschluss der Öffentlichkeit aus

Weil der Angeklagte den Missbrauch bestreitet, musste das Gericht die inzwischen Sechsjährige vernehmen. Die Schülerin sagte unter Ausschluss der Öffentlichkeit aus und beschrieb die Taten, die während der Mittagspause in der »Leseburg« der Kita passiert sein sollen. Wie oft, das wusste das Kind nicht zu sagen. Zu Gunsten des Angeklagten ging das Gericht von zwei Taten aus.

Zuvor versuchten die Richter zu klären, ob sich das Mädchen alles nur ausgedacht hat. Aber weder die Eltern noch die Erzieherinnen der Kita konnten sich an irgendwelche Phantasiegeschichten erinnern. Die Erzieherinnen sagten, das Mädchen sei immer »sehr fröhlich, wissbegierig und selbstbewusst« gewesen und mit Michael B. gut klargekommen. Sie seien von den Vorwürfen gegen ihren Kollegen völlig überrascht worden. »Er war bei den Kindern sehr beliebt. Wenn er mal krank war, fragten sie nach ihm. Wir haben ihn als sehr ausgeglichenen, freundlichen und lustigen Menschen kennengelernt. Er hat immer versucht, kein Kind zu bevorzugen.«

Kein Geständnis: Gericht folgt Forderung der Staatsanwältin

Nach Angaben der Eltern hat sich ihre Tochter nach dem Missbrauch sehr verändert. Die Mutter: »Sie ist aggressiver, und sie hat Angst, nachts alleine in ihrem Zimmer zu sein. Wenn sie aufs Klo geht, müssen wir rausgehen und die Tür zumachen – das war früher nicht so. Und sie will nicht mehr alleine zum Bäcker laufen.«

Verteidiger Helmut Wöhler beantragte eine Bewährungsstrafe, doch das Gericht folgte der Forderung von Staatsanwältin Helena Werpup. Die Vorsitzende Richterin Anke Grudda sagte zu dem Angeklagten: »Hätten Sie gestanden, wäre es möglicherweise eine Bewährungsstrafe geworden.«

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