Somalierin soll in ihrer Heimat einen Mann niedergestochen haben
Jenseits von Afrika

Detmold (WB). Es ist eine andere Welt, in die das Detmolder Schwurgericht an diesem Tag eintaucht. Eine Welt, in der Menschen in Kasten leben und unterschiedliche Rechte haben, in der Mädchen verstümmelt werden.

Donnerstag, 19.03.2020, 09:00 Uhr aktualisiert: 19.03.2020, 10:34 Uhr
Auf dem Flur des Detmolder Landgerichts wartet die Angeklagte auf ihren Prozess. Sie sagt, sie habe ihren Vergewaltiger etwas heimzahlen, aber ihn nicht umbringen wollen, wie es die Staatsanwaltschaft annimmt. Foto: Althoff
Auf dem Flur des Detmolder Landgerichts wartet die Angeklagte auf ihren Prozess. Sie sagt, sie habe ihren Vergewaltiger etwas heimzahlen, aber ihn nicht umbringen wollen, wie es die Staatsanwaltschaft annimmt. Foto: Althoff

Die Frau, die auf der Anklagebank sitzt, ist 27 Jahre alt und kommt aus Somalia. Dort soll sie im Sommer 2013 einem Mann zwei Mal ein Messer in den Rücken gerammt haben. Versuchten Mord wirft Staatsanwältin Johanna Dämmig der Somalierin vor, die seit 2015 in Bad Salzuflen lebt und über deren Asylantrag noch nicht entschieden ist.

Als sie 2017 vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Bielefeld angehört wurde, erzählte sie von der Tat, und dass ihr deshalb in ihrer Heimat die Todesstrafe drohe. Das Bundesamt informierte die Polizei, und das Verfahren nahm seinen Lauf. Denn Deutschland kann Verbrechen verfolgen, die Ausländer im Ausland begangen haben, wenn man sie wegen einer drohenden Todesstrafe nicht dorthin ausliefern oder abschieben kann.

Angeklagte steht Rede und Antwort

Verteidiger Martin Mauntel schildert die Geschichte seiner Mandantin, und dann steht die Frau dem Gericht über einen Dolmetscher Rede und Antwort. Sie habe in ihrer Heimat mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern zusammengelebt. Auf dem Weg in die Stadt habe sie immer ein Geschäft passieren müssen, dessen Betreiber sie belästigt habe. „Er gehört dem Stamm der Hawiyee an. Meine Familie gehört zum Stamm der Gaboye, der in der Hierarchie viel tiefer steht.”

An einem Tag im Frühjahr 2013 sei sie wieder in die Stadt gegangen, und diesmal hätten der Geschäftsinhaber und ein zweiter Mann sie gepackt und in den Laden gezerrt. Sie sei als sieben oder acht Jahre altes Mädchen beschnitten worden, sagt die Angeklagte und wird auf Nachfrage des Gerichts genauer: „Man hat mir die Klitoris abgeschnitten und mich zugenäht.” Einer der Männer habe deshalb eine Rasierklinge genommen und die Naht aufgeschnitten. „Ich habe stark geblutet, und während der Vergewaltigung bin ich vorübergehend bewusstlos geworden.” Nach der Tat hätten die Männer sie aus dem Laden geworfen. „Andere Menschen haben mich ins Krankenhaus gebracht. Ich musste sieben Tage bleiben”, sagt die Angeklagte.

“Es drohte die Todesstrafe”

„Konnten Sie nicht zur Polizei gehen?”, fragt der Vorsitzende Richter Karsten Niemeyer. Die Frau schüttelt den Kopf. „Das wäre zu gefährlich gewesen. Wenn sie mir vorgeworfen hätten, dass ich die Männer verführt habe, hätten sie mich zum Tode verurteilen können.” Die Männer hätten aus der Tat auch keinen Hehl gemacht. „Ich wurde überall beschimpft, belästigt und verspottet.”

Sie habe damals schon länger vorgehabt, ihr Land zu verlassen, und die Vergewaltigung sei der letzte Anlass gewesen. „Mein Koffer war schon gepackt. Ich bin noch einmal in die Stadt gegangen. Es war abends, und ich sah, wie der Mann sein Geschäft abschloss und sich dabei bückte.” Da habe sie vor Wut ein Messer aus ihrer Handtasche genommen und ihm von hinten einen Schnitt in die rechte Schulter beigebracht, sagt die Angeklagte und demonstriert den Angriff am Rücken des Dolmetschers.

Der Mann habe sie erkannt, und sie sei weggelaufen. „Ich wusste, dass er sich rächen wird. Ich habe die Nacht nicht zu Hause verbracht und meine Familie gewarnt. Sie hat sich in Sicherheit gebracht, aber sie haben unser Haus niedergebrannt.”

Flucht nach Deutschland

Am nächsten Tag sei sie geflohen. Über Eritrea, den Sudan, Libyen, Italien und Österreich sei sie nach Deutschland gekommen. Zwei Jahre habe das gedauert, und sie habe den Schleusern 3100 Dollar gezahlt. Auf der Flucht habe sie einen Mann kennengelernt, mit dem sie heute in Bad Salzuflen lebe. „Wir haben drei Kinder.” Warum sie überhaupt bei ihrer Anhörung von der Tat erzählt habe, möchte der Vorsitzende Richter wissen. „Ich wollte, dass alles transparent ist”, antwortet die Angeklagte.

Staatsanwältin Dämmig hält ihr vor, sie habe beim Bundesamt und bei der Kripo eine andere Aussage gemacht. „Da war nicht von einem Schnitt die Rede, sondern davon, dass Sie dem Mann das Messer zweimal in den Rücken gestoßen hätten, um ihn zu töten.” Die Angeklagte bestreitet, diese Aussage gemacht zu haben. Das Bundesamt und die Polizei hätte den selben Dolmetscher beauftragt, und der habe sie nie richtig ausreden lassen. Er habe falsch übersetzt. „Ich bin Muslimin. Für uns ist töten eine Sünde. Ich wollte den Mann nicht töten.” Auf die Frage der Staatsanwältin, warum der Dolmetscher falsch übersetzt haben soll, zuckt die Frau mit den Schultern. „Vielleicht ist er vom selben Stamm wie der Täter? Ich weiß es nicht.” Ihr Verteidiger Martin Mauntel sagt, er habe in ähnlichen Verfahren schon mehrfach Probleme mit Dolmetschern gehabt. „Dem Bundesamt für Migration kommt es nicht auf Qualität an. Die zahlen Übersetzern 20 Euro in der Stunde, während ein vereidigter Dolmetscher vor Gericht 70 Euro bekommt.”

Der Prozess soll am 1. April fortgesetzt werden.

Kommentare

Peter Laumacher  schrieb: 19.03.2020 18:18
Straftat
Es ist einfach absurd. Ein Asylant bezichtigt sich einer Straftat in seinem Heimatland und wird dafür mit einem Aufenthalt, vermutlich mit Alimentierung der 3 Kinder und des Ehemannes belohnt.
Da Sie genau wusste das sie eine Straftat begeht und auch die Konsequenzen kannte, halte ich dies für absolut grotesk.
Sie hätte wenn Ihre Geschichte wahr ist, einfach auch nur fliehen können.
1 Kommentare
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