Landgericht Detmold: Oliwia (15) soll ihren Halbbruder (3) niedergemetzelt haben und steht jetzt vor Gericht
Warum nur?

Detmold (WB). Was im November in Detmold geschah, nennt Opferanwalt Dariusz Balicki aus Bielefeld eine unsagbare Tragödie. „Meine Mandantin ist innerlich zerrissen. Eines ihrer beiden Kinder wurde umgebracht, und das andere Kind soll die Tat begangen haben.”

Dienstag, 21.04.2020, 02:13 Uhr aktualisiert: 21.04.2020, 06:50 Uhr
Nach der Tat im November hatten Nachbarn und Bekannte Kerzen vor dem Hauseingang aufgestellt. Foto: Christian Althoff
Nach der Tat im November hatten Nachbarn und Bekannte Kerzen vor dem Hauseingang aufgestellt. Foto: Christian Althoff

Vor dem Landgericht Detmold hat am Montag – wie berichtet – der Mordprozess gegen die 15 Jahre alte Schülerin Oliwia P. aus Detmold begonnen. Das Mädchen hatte, davon gehen die Ermittler aus, Ende vergangenen Jahres seinen drei Jahren alten Halbbruder Nicolas im Schlaf umgebracht – mit 28 Messerstichen, möglicherweise aus Hass oder Eifersucht, wie es die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklageschrift annimmt.

„Meine Mandantin hat Erinnerungslücken”

Was am 6. November genau geschah – das scheint bis heute niemand der Prozessbeteiligten in allen Einzelheiten zu wissen. „Meine Mandantin hat Erinnerungslücken”, sagt Oliwias Verteidiger Helmut Wöhler aus Bad Salzuflen. Die 15-Jährige werde im Prozess sagen, was sie noch wisse, sagt Wöhler und entschwindet dann in Saal 165. Ein Wachtmeister schließt die Tür hinter dem Verteidiger, denn zum Schutz der jugendlichen Angeklagten findet die Verhandlung ohne Öffentlichkeit statt.

Agnieszka P. (46) gab am Montag vor Prozessbeginn ein Fernsehinterview und verschwand dann im Verhandlungssaal. Sie wohnt noch in Detmold, hat aber die Wohnung gewechselt.

Agnieszka P. (46) gab am Montag vor Prozessbeginn ein Fernsehinterview und verschwand dann im Verhandlungssaal. Sie wohnt noch in Detmold, hat aber die Wohnung gewechselt. Foto: Christian Althoff

Familie P. stammt aus Polen, wo die Ehe der Eltern zerbrach. Während die Mutter Agnieszka P. nach Deutschland übersiedelte, soll Oliwia zunächst noch bei ihrem Vater gelebt haben, um später der Mutter zu folgen. In Detmold lernte die Mutter einen neuen Mann kennen und brachte Ende 2015 Nicolas zur Welt, doch auch diese Beziehung hielt nicht lange. So lebte Agnieszka P., die zuletzt zwei Putzstellen gehabt haben soll, alleine mit ihren beiden Kindern in einem Mehrfamilienhaus am Stadtrand von Detmold.

Was ist Oliwia für ein Mädchen? Wie war ihr Verhältnis zu ihrem Halbbruder? Wie das zu ihrer Mutter? Das Gericht hat mehr als ein Dutzend Zeugen geladen, um diese Fragen zu beantworten. Auf dem Gerichtsflur wartet die Zeugin Soraya (14), eine frühere Mitschülerin aus der achten Klasse der Hauptschule Heiden­oldendorf. Sie sei Oliwias beste Freundin, erzählt sie, und sie habe sie im Januar in der Untersuchungshaft in Iserlohn besuchen dürfen. Da hätten sie aber über die Tat nicht sprechen dürfen, nur über Belangloses. „Oliwia ist schüchtern, hilfsbereit und sie war meistens fröhlich”, sagt die 14-Jährige. „Sie war mit die Beste in unserer Klasse. Sie wollte später Abitur machen und Chemikerin oder Physikerin werden.” Und das könne sie ja immer noch.

Ein Motiv für die Ermordung des Dreijährigen fällt der Freundin nicht ein. Oliwia sei mit dem Halbbruder zwar nicht so gut klargekommen, und vielleicht habe es sie auch genervt, oft auf ihn aufpassen zu müssen. Vielleicht habe sie auch das Gefühl gehabt, der Junge werde bevorzugt. Doch das alles sei ja kein Grund.

Voll schuldfähig

Vielleicht sollte mit der Tat ja die Mutter getroffen werden, deren Verhältnis zu Oliwia von einigen Außenstehenden als schlecht beschrieben wird. „Oliwia wurde überhaupt nicht gefördert”, erzählt ein Bekannter der Familie auf dem Gerichtsflur. „Sie wollte unbedingt in einen Volleyballverein, aber da kam von der Mutter nichts.” Ob das wirklich so war und was zwischen Mutter und Tochter stand, versucht das Gericht zu klären.

Bevor das Mädchen nach der Tat die Wohnung verließ, schrieb es eine Nachricht für die Mutter mit dem Blut des toten Kindes an die Wand. „Hier hast du deinen Sohn” soll die Botschaft Gerüchten zufolge sinngemäß gelautet haben. Doch die Staatsanwaltschaft macht öffentlich keine Angaben zum Wortlaut, um das Mädchen zu schützen. Bekannt wurde, dass der Kinderpsychiater Dr. Claus Rüdiger Haas das Mädchen in seinem vorläufigen Gutachten als voll schuldfähig beschrieben haben soll. Er sitzt mit im Gerichtssaal, um seinen Eindruck zu vervollständigen.

Als der Prozess am Montag kurz nach 9 Uhr beginnt, sieht die Mutter ihre Tochter zum ersten Mal seit Monaten wieder. Opferanwalt Dariusz Balicki sagt, seine Mandantin habe ihre Tochter im Gefängnis besuchen wollen, „aber dann ist das Coronavirus dazwischengekommen”. Für den Prozess hat sich Agnieska P. als Nebenklägerin gemeldet. Sie erhofft sich Klarheit, sie erhofft sich Antworten. Ihre Tochter Oliwia P., so beschreiben es Prozessbeteiligte nach dem ersten Verhandlungstag, soll am Montag einen apathischen Eindruck gemacht haben.

Noch zwei Verhandlungstage sind für den Mordprozess angesetzt. Das Urteil soll spätestens am 30. April gesprochen werden.

In der rechten Erdgeschosswohnung dieses Detmolder Sechsfamilienhauses geschah das Verbrechen.

In der rechten Erdgeschosswohnung dieses Detmolder Sechsfamilienhauses geschah das Verbrechen. Foto: Christian Althoff

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7377800?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198397%2F2949417%2F
Auf der hellen Seite der Macht?
Markus Söder, CSU-Chef und bayerischer Ministerpräsident, vor Beginn einer virtuellen Sitzung seines Kabinetts im Videoraum in der Staatskanzlei.
Nachrichten-Ticker