Landgericht Detmold: siebeneinhalb Jahre Haft für Mord an Halbbruder (3)
Geschwisterrivalität soll Motiv gewesen sein

Detmold (WB). Eine enorme Geschwisterrivalität soll das Motiv für den Mord an dem drei Jahre alten Nicolas aus Detmold gewesen sein. Das dortige Landgericht verurteilte - wie berichtet - seine 15 Jahre alte Halbschwester Oliwia am Mittwoch wegen heimtückischen Mordes zu siebeneinhalb Jahren Jugendstrafe. Acht Jahre hatte Staatsanwalt Christopher Imig gefordert, sieben Jahre der Verteidiger Helmut Wöhler.

Donnerstag, 30.04.2020, 03:13 Uhr aktualisiert: 30.04.2020, 05:00 Uhr
Agnieszka P., die Mutter des dreijährigen Opfers und der 15-jährigen Täterin, schaut sich auf dem Gerichtsflur ein Fernsehinterview an, das sie gerade gegeben hat. Sie möchte, dass ihre Tochter irgendwann die Chance auf ein normales Leben hat. Foto: Christian Althoff
Agnieszka P., die Mutter des dreijährigen Opfers und der 15-jährigen Täterin, schaut sich auf dem Gerichtsflur ein Fernsehinterview an, das sie gerade gegeben hat. Sie möchte, dass ihre Tochter irgendwann die Chance auf ein normales Leben hat. Foto: Christian Althoff

Wegen des Alters der Angeklagte hatte der zweitägige Prozess hinter geschlossenen Türen stattgefunden, und es drangen kaum Details nach draußen. Zehn Jahre Gefängnis – das wäre die vom Gesetz erlaubte Höchststrafe gewesen. Doch das Gericht unter Vorsitz von Anke Grudda hielt der Schülerin zugute, dass sie ein umfassendes Geständnis abgelegt und sich nicht in Ausflüchte gerettet hatte. „Sie hätte ja auch sagen können, dass Stimmen ihr die Tat befohlen hätten”, sagte ihr Verteidiger.

Zu Gunsten des Mädchens werteten die Richter neben dem Geständnis die „sehr schwierigen persönlichen Lebensverhältnisse”, wie es Gerichtssprecher Dr. Wolfram Wormuth formulierte. Details nannte er nicht, aber nach dem Verbrechen im November waren einige Details aus dem Leben des Mädchens bekannt geworden. Die Familie stammt aus Polen, wo die Ehe der Eltern zerbrach. Während Oliwias Mutter Agnieszka P. 2012 nach Deutschland übersiedelte, blieb das Mädchen bei seinem Vater, um der Mutter 2016 zu folgen. In Detmold traf Oliwia auf ihren Halbbruder: die Mutter hatte in Deutschland einen neuen Mann kennengelernt und Nicolas Ende 2015 zur Welt gebracht.

„Vielleicht fehlte ihr Halt”

Doch die neue Beziehung der Mutter hielt nicht lange, und auch von einem weiteren Mann trennte sie sich im Sommer 2019. „Oliwia musste in ihrem Leben mit sehr vielen unterschiedlichen Menschen klarkommen. Vielleicht fehlte ihr Halt”, sagte Anwalt Helmut Wöhler.

Agnieszka P., die zwei Putzstellen haben soll, lebte zuletzt alleine mit ihren beiden Kindern in einem Mehrfamilienhaus am Stadtrand von Detmold. In der Schule ging Oliwia zielstrebig ihren Weg und gehörte nach Angaben von Mitschülerinnen zu den Klassenbesten. Aber zu Hause fühlte sie sich zurückgesetzt. Die Jugendliche musste immer wieder auf ihren kleinen Bruder aufpassen und soll sich auch sonst benachteiligt gefühlt haben. Eine Freundin nannte ein Beispiel: „Die Mutter hat oft Fleisch gekocht, was Oliwia nicht mochte. Sie hat sich dann selbst etwas zu essen gemacht.”

Dass Oliwia ihren Halbbruder ablehnte, wusste die Mutter. „Aber das Ausmaß war niemandem klar. Sonst hätte man ja etwas unternommen”, sagt Rechtsanwalt Dariusz Balicki, der die Mutter vertritt.

Geschwisterrivalität, das lernten die Prozessbeteiligten bei der Anhörung des Kinderpsychiaters Dr. Claus Rüdiger Haas, ist als psychische Störung anerkannt und kann in besonders schweren Fällen zu Gewalt führen. Im Fall der Angeklagten sah der Gutachter aus Marl allerdings keinen so hohen Krankheitswert, als dass die Steuerungsfähigkeit des Mädchens eingeschränkt gewesen wäre. Seinem Gutachten zufolge war Oliwia voll schuldfähig.

„Kein initiales Ereignis”

Restlose Klarheit darüber, was am 6. November den Gewaltexzess ausgelöst hat – Nicolas wurde mit 28 Messerstichen getötet – gewann das Gericht nicht. Es soll zum Zeitpunkt der Tat „kein initiales Ereignis” gegeben haben, so war zu hören, und eine Provokation durch den Dreijährigen wird ausgeschlossen: Nicolas soll geschlafen haben, als ihn der erste Messerstich traf. „Das Ganze ist eine unglaubliche Tragödie. Wenn man meine Mandantin im Gerichtssaal erlebt, würde man ihr so eine Tat niemals zutrauen”, sagte Anwalt Wöhler.

Nach dem Mord schrieb das Mädchen mit dem Blut des toten Jungen eine Nachricht für die Mutter an die Wand. „Hier hast du deinen Sohn”, soll der Text nach unbestätigten Informationen sinngemäß gelautet haben.

Stunden vor dem Urteil hatte Agnieszka P. gesagt, sie hoffe, dass ihre Tochter nicht die Höchststrafe bekomme. Sie solle noch die Chance auf ein normales Leben bekommen. Und so waren es vielleicht Tränen der Erleichterung, die die 46-Jährige in ihr Taschentuch weinte, als sie nach dem Urteil den Gerichtssaal verließ. „Mutter und Tochter sind sich einig, dass sie wieder zueinanderfinden wollen”, sagt Rechtsanwalt Dariusz Balicki. Die beiden haben ja auch nur noch sich.

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