Instrument ist laut einem Experten „einzigartig“ in Deutschland
Förderer erwecken alte Orgel im Detmolder Schloss zu neuem Leben

Detmold (WB). Vor mehr als 75 Jahren verstummte im Detmolder Schloss eine in ihrer Art einzigartige Orgel. Wasserrohre, die in einer Frostnacht des Zweiten Weltkriegs geplatzt waren, hatten die Mechanik zerstört. Jetzt will Stephan Prinz zur Lippe (61) das Instrument zu neuem Leben erwecken und der Öffentlichkeit zugänglich machen.

Dienstag, 14.07.2020, 04:00 Uhr aktualisiert: 14.07.2020, 05:01 Uhr
Stephan Prinz zur Lippe sitzt in der Bibliothek seines Schlosses am Spieltisch der ansonsten unsichtbaren Orgel. Foto: Christian Althoff
Stephan Prinz zur Lippe sitzt in der Bibliothek seines Schlosses am Spieltisch der ansonsten unsichtbaren Orgel. Foto: Christian Althoff

„Ich bin dankbar, dass sich drei Förderer für dieses kulturhistorische Projekt gefunden haben”, sagt der Schlossherr. Die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien habe 200.000 Euro zugesagt, die NRW-Stiftung 150.000 Euro, und die Deutsche Stiftung Denkmalschutz 100.000 Euro. „Einen Teil des noch fehlenden Betrages werde ich selbst beisteuern. Außerdem hoffe ich noch auf die ein oder andere Spende kulturliebender Menschen”, sagt Stephan Prinz zur Lippe.

Orgelpfeifen sind auf dem Dachboden montiert

Die Bauausführung der Orgel ist nach Einschätzung eines Experten möglicherweise einzigartig in Deutschland. Denn von der Orgel ist nur der Spieltisch zu sehen, der nicht viel größer ist als ein Klavier. Er steht in der Bibliothek im Südflügel des Schlosses. Der Blasebalg und die meisten Orgelpfeifen sind auf dem Dachboden über der Bibliothek montiert, und ihr Schall gelangte durch kunstvoll gestaltete Schlitze in der Decke in die Bibliothek. Weitere Orgelpfeifen, das sogenannte Echowerk, sind gegenüber dem Spieltisch auf der anderen kurzen Seite des Raumes hinter der Holzvertäfelung verborgen. Auch ihre Töne wurden damals durch Schlitze in den Raum geleitet. „Man hörte die Musik, ohne zu sehen, woher sie kam. Das war wohl die Faszination dieser Orgel“, sagt der Enkel des Erbauers.

Zwischen den Sesseln ist die Rückseite des Orgelspieltisches zu erkennen. Die Orgelpfeifen sind auf dem Dachboden montiert, und ihr Klang dringt durch die Schlitze in der verzierten Decke, die mit den Initialen von Leopold und Berta verziert ist.

Zwischen den Sesseln ist die Rückseite des Orgelspieltisches zu erkennen. Die Orgelpfeifen sind auf dem Dachboden montiert, und ihr Klang dringt durch die Schlitze in der verzierten Decke, die mit den Initialen von Leopold und Berta verziert ist. Foto: Christian Althoff

Leopold IV. zur Lippe, der letzte lippische Fürst, wird als Technik- und Musikliebhaber beschrieben. 1916 bestellte er das Instrument für 50.000 Mark bei dem Orgelhändler Choralion & Co in Berlin, der Instrumente der Aeolian Company aus New York vertrieb. Das amerikanische Unternehmen war darauf spezialisiert, sogenannte Salonorgeln für herrschaftliche Anwesen zu bauen und sie mit einer Halbautomatik auszustatten: In die Instrumente konnten Rollen mit gestanztem Papier eingelegt werden, so dass die Instrumente den Orgelspieler begleiten oder auch autark spielen konnten – man musste das Orgelspielen also nicht beherrschen.

„Das Instrument wurde 1917 vollendet“

Die Orgel sollte in Berlin vormontiert werden, doch es gab unerwartete Probleme. Obwohl die USA erst 1917 in den Ersten Weltkrieg eintraten, gelang es dem Berliner Importeur nicht mehr, die bestellte Orgel aus den Vereinigten Staaten zu beschaffen. Deshalb teilte er dem Hof zur Lippe mit, er werde eine Aeolian-Orgel, die bereits im Deutschen Reich, aber noch nicht verkauft sei, zu der bestellten Orgel umbauen lassen. Doch T. A. Perks, der Orgelbauer der Berliner Firma, der das Kunststück des Umbaus vollbringen sollte, war Brite und damals mit 4000 weiteren britischen Zivilisten in einem Gefangenenlager in Berlin interniert. Aus dem erhaltenen Schriftverkehr geht hervor, dass das Berliner Orgelbauunternehmen den lippischen Hof bat, seinen Einfluss beim Preußischen Oberkommando zu nutzen, um den britischen Gefangenen „aus Baracke 3“ zu beurlauben, und tatsächlich durfte Perks die Orgel bauen.

„Das Instrument wurde 1917 vollendet. Mein Großvater spielte die Orgel gerne und oft, wie man seinen Tagebüchern entnehmen kann“, sagt Stephan Prinz zur Lippe. Er will die Restaurierung in Kürze ausschreiben und die Bibliothek nach Fertigstellung der Arbeiten öffentlich zugänglich machen. „Natürlich soll die Orgel dann auch regelmäßig gespielt werden.”

Zur Bedeutung des Instruments schrieb ein Gutachter der Denkmalbehörde, die Aeolian-Orgel sei „als Zeugnis höfischer Musikkultur in Westfalen“ einzigartig und nach derzeitigem Kenntnisstand auch deutschlandweit „ohne vergleichbares Beispiel“.

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