Konzertverbot wegen Corona: 88 Dozenten der Musikhochschule Detmold schreiben an die Landesregierung
NRW schränkt Musikstudium ein

Detmold -

Manaka Taniguchi (23) kam nach Deutschland, um an der Musikhochschule in Detmold Klarinette zu studieren. Im Oktober begann ihr erstes Semester in Detmold – aber wegen Corona ganz anders als geplant

Montag, 16.11.2020, 19:24 Uhr aktualisiert: 17.11.2020, 13:02 Uhr
Korrepetitorin Hiroko Arimoto begleitet am Flügel, während Manaka Taniguchi von Prof. Thomas Lindner unterrichtet wird.
Korrepetitorin Hiroko Arimoto begleitet am Flügel, während Manaka Taniguchi von Prof. Thomas Lindner unterrichtet wird. Foto: Althoff

Die Zusage der Musikhochschule Detmold erreichte Manaka Taniguchi (23) Mitte Juni. Weil die Japanerin wegen der Corona-Pandemie nicht zum Vorspielen nach Deutschland reisen konnte, hatte sie sich mit einem Youtube-Video für einen der begehrten Studienplätze bei Klarinetten-Professor Thomas Lindhorst (59) beworben. Im Oktober begann ihr erstes Semester in Detmold – aber wegen Corona ganz anders als geplant.

„Es ist wirklich schlimm“, sagt Lindhorst, Dekan des Fachbereichs für Orchesterinstrumente. Der Professor für Klarinette ist einer von 88 Lehrenden der Musikhochschule, die am Montag einen Offenen Brief an Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) und seine parteilose Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen geschrieben haben. „Wir bitten bei der Verhängung weiterer Corona-Maßnahmen dringend um eine differenziertere Betrachtung. Denn die Konzerte, die unseren Studierenden aktuell verboten sind, sind keine Freizeitveranstaltungen, wie es die Begründung für den Teil-Lockdown suggeriert. Sie sind essentieller Bestandteil des Musikstudiums.“

 767 Studenten aus 53 Ländern sind in Detmold eingeschrieben. Deutschland ist wegen der Vielzahl seiner klassischen Komponisten ein begehrtes Studienland, vor allem für Asiaten. „Die meisten Studenten haben das Ziel, Orchestermusiker zu werden“, sagt Prof. Lindhorst. Deshalb sei es Studieninhalt, vor Publikum zu musizieren. „Auch ihre Prüfungen legen die Studierenden öffentlich ab.“ Mehr als 300 entsprechende Veranstaltung fänden üblicherweise pro Jahr statt, und die Menschen aus Detmold und der näheren Umgebung nähmen regen Anteil. „Mal sitzen 30 im Publikum, es können aber auch mal ein paar hundert sein.“

Doch solche Konzerte sind seit Anfang November verboten. Manaka Taniguchi, die in der Hoffnung auf einen Studienplatz schon in ihrer Heimat begonnen hatte, Deutsch zu lernen, sagt: „Ich bin sehr glücklich, dass ich in Detmold studieren kann. Aber das Spielen auf der Bühne fehlt mir sehr.“

Ihr Dozent erklärt: „Ein Musiker muss eine Verbindung zu seinem Publikum aufbauen. Er muss es ansprechen, er muss es mitnehmen. Er muss das Lampenfieber und den Stress beherrschen. Das lernen Sie aber nicht, wenn Sie für leere Stuhlreihen spielen.“ Die fehlende Konzerterfahrung sieht der Dekan besonders kritisch, weil ein Master-Studium nur vier Semester dauert. „Da ist ein Semester ohne Auftritte schon ein enormer Verlust.“

Durch die pauschale Schließung der Kulturstätten sei der Eindruck entstanden, sie seien Infektions-Hotspots und nicht systemrelevant, sagt Prof. Lindhorst. „Das empfinden wir als ein fatales kulturpolitisches Signal.“ In ihrem Brief an die Landesregierung schreiben die Detmolder Dozenten, es gebe nicht einen bekannten Fall, in dem es nach einem Konzert-, Oper- oder Theaterbesuch zu einer Häufung von Infektionen gekommen sei. „Die Besucher solcher Veranstaltungen schreien nicht herum. Die setzten sich mit ihrer Maske still auf ihren Platz, halten mehrere Sitze Abstand und bewegen sich nicht groß.“

Er habe noch im Juni ein Konzert in der Paderborner Paderhalle gegeben, sagt Thomas Lindhorst, und alles sei perfekt organisiert gewesen. Alle hätten Abstand gehalten, und das Orchester sei kleiner gewesen als sonst. „Es gab kein erhöhtes Risiko. Der Luftstrom, der aus meiner Klarinette kommt, reicht ja nicht mal, um eine Kerze auszupusten.“ Außerdem werde das Publikum bei Konzerten durch Plexiglas und andere Maßnahmen geschützt. „Ich war vor dem Lockdown in Münster in der Oper. Da haben Studenten aufgepasst, dass nicht zu viele Besucher gleichzeitig in die Toilettenräume gingen.“ Solche vorbildlichen Konzepte gebe es in vielen Bereichen, die weiter öffnen dürften, nicht. „Gucken Sie mal, was sonntags in Autohäusern los ist!“

Dass die Infektionsschutz-Bemühungen des Kulturbetriebs in den letzten Monaten angesichts des neuen Lockdowns in der Politik keine Beachtung gefunden hätten, „schmerzt“, sagt Prof. Lindhorst – und ergänzt: „Bei allen Klagen, die meine Kollegen und ich vorbringen – noch härter als unsere Studenten und uns trifft es die ungezählten freiberuflichen Kulturschaffenden. Bei denen geht es oft um die blanke Existenz.“

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