Corona-Inzidenzwert weit über 300 – Kreis Lippe verhängt Ausgangssperre von 22 bis 6 Uhr
Lippe: 65 Infizierte nach Gottesdienst in Freikirche

Detmold -

Der Kreis Lippe ist der erste in NRW, in dem seit diesem Samstag zwischen 22 und 6 Uhr eine Ausgangssperre gilt. „Wir müssen private Kontakte unterbinden, um die Infektionszahlen wieder runterzubringen“, sagt Landrat Dr. Axel Lehmann (SPD).

Samstag, 12.12.2020, 03:39 Uhr aktualisiert: 12.12.2020, 12:48 Uhr
Der Kreis Lippe ermittelt viele Corona-Infizierte – vor allem in Augustdorf, wo der Inzidenzwert am Freitag 578 betrug.
Der Kreis Lippe ermittelt viele Corona-Infizierte – vor allem in Augustdorf, wo der Inzidenzwert am Freitag 578 betrug. Foto: dpa

Der Inzidenzwert, also die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Menschen in sieben Tagen, war in Lippe innerhalb einer Woche um 120 gestiegen und betrug am Freitag 312. Dabei gab es große örtliche Unterschiede. In Augustdorf etwa, wo viele Aussiedler leben, betrug der Wert 578. „Das ist auch kein Wunder“, sagt Kreiskämmerer Rainer Grabbe, der dem Krisenstab angehört. „Dort leben oft drei Generationen unter einem Dach, sodass sich das Virus im Ernstfall schnell verbreiten kann.“

Axel Lehmann (SPD), Landrat des Kreises Lippe

Axel Lehmann (SPD), Landrat des Kreises Lippe

Den katholischen Kirchengemeinden, den Gemeinden der lippischen Landeskirche und Moscheevereinen stellt der Kreis ein gutes Zeugnis aus. „Auch die meisten Freikirchen, von denen wir etwa 80 in Lippe haben, kennen den Ernst der Lage und richten sich danach“, sagt Grabbe. Aber es gebe eben auch Ausnahmen. Landrat Lehmann: „Am 22. November gab es einen freikirchlichen Gottesdienst in Lippe, an dem 165 Menschen teilnahmen. Anschließend wurden 65 positiv getestet.“

Fehlt es an Einsicht? Dr. Kerstin Ahaus, die Leiterin des Kreisgesundheitsamtes: „Die allermeisten Telefonate mit Infizierten laufen normal ab. Aber es gibt eben auch Menschen, die unsere Tests anzweifeln oder eigene Theorien zum Virus haben. Bei denen müssen wir befürchten, dass sie sich nicht an die Quarantäneanordnung halten.“ Manchmal hörten ihre Mitarbeiter auch Sätze wie: „Gott passt schon auf mich auf.“

Mit der Ausgangssperre – am Neujahrstag gilt sie nur von 3 bis 6 Uhr – will der Kreis erreichen, dass sich weniger Menschen treffen. Nach draußen darf jetzt zwischen 22 und 6 Uhr nur noch, wer zur Schule, zur Arbeit, zum Arzt, zur Pflege oder mit dem Hund gehen muss. Rainer Grabbe: „Verstöße kosten 250 Euro.“ Außerdem gelten im Kreis Lippe strengere Regeln für Schulen, wie eine Maskenpflicht im Schulumfeld, und für auch Pflegeheime. Dort muss jetzt jeder eine FFP2-Maske ohne Ventil tragen, und die Mitarbeiter werden mindestens zweimal in der Woche getestet.

Wohl weil sich Alte, die noch zu Hause leben, oft selbst einschränken, gibt es in der Gruppe der 70- bis 79-Jährigen den niedrigsten Wert.

Wohl weil sich Alte, die noch zu Hause leben, oft selbst einschränken, gibt es in der Gruppe der 70- bis 79-Jährigen den niedrigsten Wert.

Obwohl die Gruppe der Zehn- bis 19-Jährigen aktuell einen Inzidenzwert von 384 hat, ist es dem Kreis Lippe gelungen, die Schulen von Infizierten weitgehend freizuhalten. Landrat Lehmann: „In den von Corona betroffenen Schulen sind ein, zwei Schüler infiziert – mehr nicht.“ Das gelingt dem Gesundheitsamt, indem es Kinder infizierter Eltern nicht nur in Quarantäne schickt, sondern sie – im Gegensatz zu vielen anderen Gesundheitsämtern – ebenfalls testet. Dr. Ahaus: „Wir wissen also, ob sich Kinder während der Quarantäne anstecken, und lassen sie dann nicht so schnell wieder in die Schule.“

Die Altersgruppe mit der niedrigsten Inzidenz im Kreis Lippe ist übrigens die der 70- bis 79-Jährigen. Auch das kann die Leiterin des Gesundheitsamts erklären: „Diese Menschen sind oft noch so fit, dass sie nicht ins Heim müssen, wo ihr Risiko höher wäre. Sie stecken freiwillig zurück, verzichten und haben sich oft schon vor längerer Zeit in ihren eigenen Lockdown begeben.“

So eine Einstellung wünscht sich Landrat Axel Lehmann für mehr Menschen: „Den Inzidenzwert bestimmt letztlich jeder von uns. Wenn ich mitbekomme, wie Menschen versuchen, irgendwelche Schlupflöcher in der Corona-Schutzverordnung zu suchen, um sich Weihnachten doch noch mit vielen Menschen treffen zu können, werde ich verrückt!“ Ihm graue davor, dass die Intensivstationen vielleicht im nächsten Jahr so voll seien, dass Ärzte entscheiden müssten, wen sie sterben lassen. Lehmann: „Das ist für mich aus humanistischen Gründen einfach unvorstellbar.“

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