Mo., 15.07.2019

50 Meter in 15 Jahren: Hobbyhöhlenforscher legen in mühevoller Handarbeit einen Gang frei – mit Video Eimer für Eimer

Klaus Tuschinsky (links) steht vor der kleinen Öffnung des Lippergangs und macht die Eimer-Seilbahn fertig. Robi Krebs fährt den Lehm weg.

Klaus Tuschinsky (links) steht vor der kleinen Öffnung des Lippergangs und macht die Eimer-Seilbahn fertig. Robi Krebs fährt den Lehm weg. Foto: Christian Althoff

Von Christian Althoff

Hessisch Oldendorf  (WB). Wochentags betreut Katrin Dessin Filialen des Modeunternehmens »New Yorker«, in ihrer Freizeit wühlt sie im Dreck. »Ich habe schon als Kind gerne im Matsch gespielt!«, sagt sie und lacht.

Seit 15 Jahren legen Hobbyhöhlenforscher aus Ostwestfalen und Niedersachsen einen mit Lehm gefüllten Gang der Schillathöhle in Hessisch Oldendorf frei – in mühsamer Handarbeit, Eimer für Eimer. Gerade einmal 50 Meter haben sie in anderthalb Jahrzehnten geschafft, aber ihr Enthusiasmus ist ungebrochen. »Das Spannende ist, dass man nie weiß, was einen hinter der nächsten Ecke erwartet«, sagt Katrin Dessin, die seit ein paar Jahren dabei ist.

1992 war hier ein Sprengmeister auf eine Höhle gestoßen. Er benannte sie nach Bodo Schillat, einem Forscher, der 1969 ganz in der Nähe eine Tropfsteinhöhle entdeckt hatte. Seit 2004 werden geführte Touren durch die kurze Schillathöhle angeboten.

Bernd Thesing aus Herford ist Sprecher der »Arbeitsgemeinschaft Höhle und Karst Lippe« – eine von mehreren Höhlenforschergruppen, die in der Schillathöhle arbeiten. »Die Höhle hat einen Seitengang, der komplett mit Lehm verfüllt ist. Unser Ziel ist es, ihn freizugraben«, sagt der pensionierte Maschinenbauingenieur. Weil Hobbyhöhlenforscher aus Ostwestfalen-Lippe die ersten waren, die hier gruben, wird die Abzweigung Lippergang genannt.

Die Form der Auswaschungen an den Wänden verrät den Höhlenforschern, dass Wasser und Lehm vor Millionen Jahren durch den Lippergang in Richtung Haupthöhle geströmt waren. »Das müssen gewaltige Mengen gewesen sein, die mit einer Geschwindigkeit von etwa zwei Kilometern pro Stunde hier durchflossen«, sagt Höhlenforscher Martin Dünsing. »Aber woher kamen die? Es kann durchaus sein, dass sich hinter dem Lippergang eine viel größere Höhlenwelt auftut.«

Es herrschen acht Grad

Acht Männer und zwei Frauen sind an diesem Samstag gekommen, um weiteren Lehm aus dem Lippergang zu holen. Sie tragen Gummistiefel, Overalls und Helme mit Grubenlampen. Die Forscher müssen nicht weit durch die Schillathöhle stapfen, um den Lippergang zu erreichen. 36 Meter unter der Erdoberfläche herrschen hier acht Grad, sommers wie winters,

Auf allen Vieren krabbelt ein Trupp in den schmalen Gang. Der ist an den engsten Stellen nur einen Meter breit und 60 Zentimeter hoch und steht bis zu 20 Zentimeter unter Wasser. Nichts für Menschen mit Klaustrophobie. Zum Teil durchnässt und lehmverschmiert erreichen die Höhlenforscher nach 50 Metern die Lehmwand. Mit kurzstieligen Hacken schlagen sie den klebrigen Lehm ab, den sie dann mit Händen in liegende Eimer schieben. »Im Moment können wir beim Hacken knien. Manchmal ist der Gang aber auch so eng, dass wie im Liegen arbeiten müssen«, sagt Bernd Thesing.

Kanister werden per Hand bugsiert

Jahrelang wurden die mit Lehm gefüllten Eimer in einen aufgeschnittenen Kanister gestellt, der dann wie eine Lore mit Seilen aus dem Gang gezogen wurde. »Das war sehr mühsam«, sagt Thesing. Nicht nur, dass es anstrengend war, den schweren Kanister über den Höhlenboden zu schleppen. Der Lippergang hat auch eine 90-Grad-Kurve, durch die der Kanister per Hand bugsiert werden musste, und trotzdem kippte er immer mal wieder um. Deshalb konstruierten die Ingenieure Klaus Tuschinsky und Bernd Thesing eine Hängebahn, die am Samstag ihre Feuertaufe bestand: Unter der Decke des Lippergangs wurde ein Edelstahlrohr angedübelt. Auf ihm läuft eine Rollenkonstruktion, eine sogenannte Laufkatze, an der ein Eimer aufgehängt werden kann. Per Seil werden nun volle und leere Eimer hin- und hergezogen. »Eine riesige Zeitersparnis«, sagt Bernd Thesing. »Jetzt holen wir soviel Lehm aus dem Gang, dass wir ungefähr alle 20 Minuten eine Schubkarre voll aus der Höhle schaffen können.«

Nur vier, fünf Mal im Jahr buddeln die Freizeitforscher im Lippergang. »Wir müssen ja immer genügend Leute zusammenbekommen, und dieses ist nicht unser einziges Projekt«, sagt der Herforder. Auch in Paderborn, Horn-Bad Meinberg und Stemwede arbeiten die Höhlenforscher unter Tage. Wo genau, verraten sie nicht. »Wir befürchten, dass die Höhlen sonst beschädigt werden.«

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