In der lippischen Gemeinde Extertal verschwindet ein ganzer Wald
Ab nach Asien

Extertal (WB). Dort, wo am Rand der Gemeinde Extertal gerade ein ganzer Wald verschwindet, sind vor langer Zeit schon einmal alle Bäume gefällt worden. „Das war vor 75 Jahren”, sagt Förster Thomas Fritzemeier. „Nach dem Krieg haben die Briten das Holz als Reparationsleistungen nach Großbritannien verschifft.”

Montag, 13.07.2020, 04:05 Uhr aktualisiert: 13.07.2020, 08:58 Uhr
Mit einem Lkw-Kran werden die 11,50 Meter langen Stämme in den Übersee-Container geschoben Foto: Althoff
Mit einem Lkw-Kran werden die 11,50 Meter langen Stämme in den Übersee-Container geschoben Foto: Althoff

Damals wurde hier ein neuer Wald gepflanzt. Ausschließlich aus Fichten, weil die schnell wachsen. Niemand konnte ahnen, dass sich das langfristig als Fehlentscheidung herausstellen sollte. Woher sollten die Förster auch wissen, dass ein Zusammenspiel von heißen Sommern und Milliarden Borkenkäfern einmal ganze Wälder zerstören würde?

Tim Jordanland betreibt im Landkreis Uckermark ein Unternehmen für Forstdienstleistungen. Früher arbeitete er nur in Brandenburg, doch seit überall die Fichten fallen müssen, um die Käferplage zu bremsen, roden seine Leute auch Bestände in anderen Bundesländern. So hat Jordanland auch den Auftrag des Landesverbandes Lippe bekommen, in Extertal 100 Hektar Fichtenwald zu fällen und zu vermarkten.

Revierförster Thomas Fritzemeier

Revierförster Thomas Fritzemeier

Förster Thomas Fritzemeier ist zu Fuß in seinem kranken Wald unterwegs. Er misst das gefällte Holz auf, damit nachher die Abrechnung mit dem Landesverband stimmt. Sieht er nach oben, blickt er in braune Kronen, manche in 25 Metern Höhe. Schaut er nach unter, entdeckt er feines Holzmehl unter den Fichten. „Das kommt aus den Bohrlöchern der Borkenkäfer.” Früher, als es mehr Regen gegeben habe, sagt der Leiter des Forstreviers Bösingfeld, hätten die Fichten Harz produzieren können, um die Käfer zu töten. Aber ohne Regen seien sie den Schädlingen ausgeliefert. „Die meisten Menschen nehmen die heißen Sommer ja erst seit Kurzem wahr. Aber wir beobachten die Folgen des Klimawandels schon viele Jahre.” Die Borkenkäfer zerstörten die Bahnen unter der Rinde, durch die die Bäume versorgt würden, und legten in den Bohrlöchern ihre Larven ab.

Die Trockenheit der vergangenen Wochen – ausnahmsweise kommt sie dem Wald zu Gute. Denn jetzt können die Forstarbeiter mit ihren schweren Maschinen zwischen den Fichten manövrieren, ohne dass die 70 Zentimeter breiten Reifen versinken und den Boden durchpflügen. Drei Harvester, wie die 15 Tonnen schweren Erntemaschinen für Bäume heißen, setzt Tim Jordanland in Extertal ein. Jede kostet etwa eine halbe Million Euro. An dem zehn Meter langen Ausleger des Fahrzeugs hängt der sogenannte Prozessor – ein Multifunktionswerkzeug, zu dem auch ein Greifer gehört. Wie eine mächtige Faust umklammert er den Stamm dicht über der Wurzel. Dann durchtrennt eine Motorsäge lärmend das Holz. „Das geht bis zu 75 Zentimeter Stammdurchmesser ohne manuelle Hilfe”, sagt Jordanland.

Anschließend dreht der hydraulisch betriebene Greifarm den Fichtenstamm in die Waagrechte. Dann ziehen Walzen den Baum durch den Prozessor – hin und her. Dabei verliert der Stamm seine Äste, und die Rinde fällt ab. Zum Schluss kappt die Maschine den Baum auf Stücke von 11,50 Metern – so passt das Holz in einen 40-Fuß-Überseecontainer. Die Baumwurzel bleibt aus ökologischen Gründen im Boden.

Mit Langholztransporter zum Sattelschlepper

Etwa zehn Minuten dauert die Prozedur, dann ist die nächste Fichte dran. Tim Jordanland: „Vor mehr als 100 Jahren produzierte ein guter Forstarbeiter mit der Hand bis zu zehn Festmeter Holz am Tag. Dann wurde die Motorsäge erfunden, und es wurden 30 bis 40 Festmeter. Mit einem Harvester schaffen wir heute in Fichtenbeständen 450 bis 500 Festmeter am Tag.”

Noch während der Baumstamm durch den Prozessor läuft, begutachtet der Harvesterfahrer mit geschultem Auge das Holz. Stämme, die durch Trocknungsrisse nicht als Bauholz geeignet sind, sortiert er aus. Sie werden zum Beispiel zu Euro-Paletten verarbeitet.

In der Nähe des Harvesters steht ein Forstarbeiter mit einem Forwarder bereit, einem Rücke­zug. Er bringt die nackten Stämme aus dem unwegsamen Gelände zu einem Langholztransporter, der sie bis zum Waldrand fährt. Dort wartet schon ein Sattelschlepper. Der Fahrer hat die Stahltüren eines zwölf Meter langen Überseecontainers geöffnet, und nun schiebt er mit seinem kleinen Lkw-Kran einen Stamm nach dem anderen in den Stahlbehälter.

Ankäufer aus Polen

Ein schwarzer BMW X5 mit polnischen Kennzeichen kommt langsam aus dem Wald gefahren. Der Fahrer erzählt, er sei seit einigen Jahren selbstständig und begutachte gefällte Bäume. Der polnische Aufkäufer, an den Tim Jordanland einen Teil des Extertaler Waldes verkauft hat, hat ihn beauftragt. Nun sucht der Holzfachmann nach Trocknungsrissen, Pilzbefall und Schädlingen. Doch an der Charge, die gerade verladen wird, hat er nichts auszusetzen. „Die Container gehen direkt nach Hamburg und Rotterdam. Sie werden nach China, Vietnam, Indonesien und Taiwan verschifft”, erzählt er. Was dort mit dem Holz geschehe, wisse er nicht. „Üblicherweise wird aber viel für den Bau gebraucht.”

Mit seiner eisernen Faust hat sich der Harvester eine tote Fichte gekrallt und abgesägt.

Mit seiner eisernen Faust hat sich der Harvester eine tote Fichte gekrallt und abgesägt.

Tim Jordanland sagt, gerade private Forstbesitzer mit kleinen Beständen hätten inzwischen enorme Schwierigkeiten, mit dem Holzverkauf zumindest die Kosten für das Fällen der Bäume zu decken. „Vor fünf Jahren konnten wir grüne Fichten noch für 75 bis 100 Euro pro Festmeter verkaufen. Heute liegt der Preis bei hochwertiger Fichte zwischen 20 und 30 Euro.”

Zwei bis drei Wochen hat der Forstunternehmer aus Brandenburg eingeplant, um die Fichten in Extertal zu fällen. Dann übernimmt Revierförster Thomas Fritzemeier die Fläche. Sie wird nicht kahl sein, denn unter den kranken Bäumen wuchsen schon viele kleine, zarte Bäume wie Birken, Eichen, Linden, aber auch Fichten, die die Natur hier selbst hervorgebracht hat. „Wo es diese Naturverjüngung gibt, greifen wir nicht ein”, sagt Thomas Fritzemeier. „Wir kümmern uns um die Flächen, auf denen kein Baum mehr steht, und pflanzen dort neu an.” Nicht alle Arten eigneten sich dazu: „Junge Buchen zum Beispiel kann man nicht auf Freiflächen setzen. Sie brauchen große Bäume über sich, weil sie die UV-Strahlung nicht vertragen.”

Widerstandsfähiger Mischwald

Der Förster denkt daran, Eichen, Spitzahorn, Linden und Kirschen in die Erde zu setzen, aber auch die Fichten, die von selbst kommen, stehenzulassen. „Wir wollen einen widerstandsfähigen Mischwald bekommen.” Den würde Thomas Fritzemeier am liebsten sich selbst überlassen, aber so einfach ist das nicht: „Die Feinde junger Bäume sind Brombeerbüsche, die alles überwuchern und die Bäume verschatten. Und Gras, in dem sich Mäuse wohlfühlen, die dann die Rinde der jungen Bäume abnagen.” Zur Bekämpfung würden keine Gifte eingesetzt, sagt der Förster. „Wir müssen die Brombeerbüsche und das Gras per Hand mit Freischneidern kurzhalten.”

In frühestens 40 Jahren, schätzt der lippische Revierförster, können in Extertal wieder Bäume geerntet werden. Dann ist Thomas Fritzemeier 79.

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