Nach Unglück bei Schwimmkurs in Rehme: ehemaliger Bundesrichter und DLRG-Experte zur Rechtslage - mit Video
Keine gesetzliche Regelung für Anzahl der Aufsichtspersonen in Schwimmkursen

Bad Oeynhausen/Kalletal (WB). Nach dem tragischen Unglücksfall im Hallenbad Rehme steht nun die juristische Aufarbeitung im Mittelpunkt weiterer Ermittlungen.  Am Samstag war ein sechsjähriger Junge aus Kalletal nach einem Anfänger-Schwimmkursus verstorben .

Mittwoch, 24.01.2018, 05:09 Uhr aktualisiert: 24.01.2018, 16:28 Uhr
Nach einem Schwimmkurs im Rehmer Hallenbad ist ein sechsjähriger Junge aus Kalletal verstorben. Foto: Angelina Zander
Nach einem Schwimmkurs im Rehmer Hallenbad ist ein sechsjähriger Junge aus Kalletal verstorben. Foto: Angelina Zander

Bei den Ermittlungen geht es insbesondere um die Frage der Aufsichtspflicht. Die erforderliche Anzahl der Aufsichtspersonen ist nicht geregelt. Allerdings gibt es juristische Anforderungen. »Die Aufsichtspflicht richtet sich nach den Umständen des Einzelfalls«, erläutert Dr. Reiner Lemke, ehemaliger Richter am Bundesgerichtshof gegenüber dem WESTFALEN-BLATT.

Die Anzahl der Aufsichtspersonen könne – anders als beim Schulschwimmen – nicht durch den Gesetzgeber geregelt werden, so Dr. Lemke: »Das wäre allein eine Sache der Versicherungen.«

Besondere Sorgfaltspflicht

Bereits vor dem Start eines Schwimmkurses komme den Ausbildern eine besondere Sorgfaltspflicht zu: Zu Beginn eines jeden Kurses müssten die Eltern nach »physischen oder psychischen Beschwerden« befragt werden, die eine gesundheitliche Gefährdung der Schwimmschüler bedeuten könnten.

Die Ergebnisse der Befragung seien zu dokumentieren. Kinder mit Einschränkungen müssten im Wasser besonders im Blick behalten oder an spezielle Schwimmkurse verwiesen werden, sagt der Jurist.

Dr. Reiner Lemke engagiert sich seit vielen Jahren in der Deutschen Lebens-Rettungsgesellschaft (DLRG), unter anderem als Einsatzleiter und Fachberater Wasserrettungsdienst. Als Jurist hat er sich dabei eingehend mit den zivilrechtlichen Aspekten der Schwimmausbildung und der Frage der Aufsicht beschäftigt.

Ordnungsgemäße Wasseraufsicht

»Ausschließlich dem Ausbilder obliegt die ordnungsgemäße Wasseraufsicht. Wie er seiner Pflicht in einer ausreichenden Art und Weise nachzukommen hat, kann nicht generell gesagt werden«, stellt er fest.

Der Ausbilder habe sich während des Übungsbetriebs grundsätzlich am Beckenrand aufzuhalten. Dr. Lemke: »Ist es bei der Nichtschwimmerausbildung erforderlich, dass sich der Ausbilder gleichzeitig mit den Schwimmschülern im Wasser befindet, darf das Wasser nur so tief sein, dass jeder Schwimmschüler auf dem Beckenboden stehend atmen kann.«

Haftung setzt Verschulden voraus

Eine zivilrechtliche Haftung des Ausbilders setze ein Verschulden voraus. Dabei müsse die Frage der Fahrlässigkeit in jedem Einzelfall geklärt werden. »Welches Maß an Sorgfalt verlangt wird, richtet sich nicht etwa nach den persönlichen Kenntnissen und Fähigkeiten des einzelnen Ausbilders, sondern danach, was in der konkreten Situation ›Schwimmunterricht‹ unter Berücksichtigung aller Begleitumstände wie zum Beispiel die Beschaffenheit des Bades, die Größe der Gruppe, das Alter und die schwimmerischen Fähigkeiten der Schwimmschüler von einem qualifiziertem Ausbilder verlangt werden kann.«

Die Gefahr, die zum Unfall geführt habe, müsse vorhersehbar und vom Ausbilder vermeidbar gewesen sein.  Die beiden zum Zeitpunkt des Unglücks im Rehmer Hallenbad anwesenden Aufsichtspersonen machen von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch .

»Keine Anzeichen einer Erkrankung«

Auf Nachfrage erklärte Staatsanwalt Christoph Mackel, der mit dem Fall befasst ist, dass bislang keine Anzeichen einer Erkrankung bei dem Jungen festgestellt worden sein, die in ursächlichem Zusammenhang mit seinem Tod stehen könnten.

Zu weiteren Details zur laufenden Ermittlung äußerte er sich nicht. Mackel hatte nach Vorliegen des Obduktionsergebnisses weitere Untersuchungen angeordnet. Die Obduktion hatte Anzeichen für ein Ertrinken ergeben.

Eine eindeutige Todesursache war aus der ersten Untersuchung durch die Gerichtsmediziner aber nicht abzuleiten gewesen. Mit Blick auf die Anordnung der weiteren Untersuchungen spielt es nach Mackels Angaben eine Rolle, dass der Junge im Zuge des Unglücksvorfalls intensivmedizinisch behandelt wurde.

537 Menschen im Jahr 2016 ertrunken

In Deutschland sind im Jahr 2016 in Gewässern und Schwimmbädern 537 Menschen ertrunken. Darunter waren 46 Kinder. Die Opfer schlucken entweder Wasser und ertrinken dann oder sie geraten in Panik, verkrampfen und erleiden Atemnot. Nach zwei bis drei Minuten unter Wasser werde die Überlebenschance immer geringer, erklärt dazu die Deutsche Lebensrettungs-Gesellschaft (DLRG).

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