Karnevalsabsage, Corona und PCB-Sanierung: Interview mit dem Kalletaler Bürgermeister
„Nicht voreilig, sondern umsichtig“

Kalletal (WB). Die frühzeitige Entscheidung der SG Kalldorf, in diesem Jahr den Karneval ganz ausfallen zu lassen, hat seinen größten Respekt. Das stellt Bürgermeister Mario Hecker fest. Im Sommerinterview spricht er auch über Corona-Fälle in seinem Bekanntenkreis und über die PCB-Sanierung des ehemaligen Hauptschulkomplexes, die schon viele Jahre vorher hätte erfolgen können.

Donnerstag, 27.08.2020, 04:18 Uhr aktualisiert: 27.08.2020, 04:20 Uhr
Der Kalletaler Bürgermeister Mario Hecker vor dem alten Rathaus in Hohenhausen. Foto: Jürgen Gebhard
Der Kalletaler Bürgermeister Mario Hecker vor dem alten Rathaus in Hohenhausen. Foto: Jürgen Gebhard

Wie ist die Gemeinde Kalletal bisher finanziell durch die Corona-Pandemie gekommen?

Mario Hecker: Bis jetzt noch recht gut, obwohl wir wie wohl alle anderen Gemeinden in Deutschland bei der Gewerbesteuer Einbrüche zu verzeichnen haben. Dabei haben wir das Glück, nicht von einem einzigen ganz großen Unternehmen abhängig zu sein. Wir hatten für 2020 mit 4,4 Millionen Euro Einnahmen geplant. Momentan gehen wir davon aus, dass davon etwa ein Drittel fehlen wird. Die Gemeinde hat in den vergangenen Jahren gut gewirtschaftet und von guten Gewerbesteuereinnahmen profitiert. In den Jahren 2017 bis 2019 haben wir positive Jahresergebnisse erzielen können, in den letzten zwei Jahren im jeweils siebenstelligen Bereich. Dadurch haben wir jetzt wieder einen kleinen Puffer. In diesem Jahr werden wir die durch Corona verursachten Ausfälle also noch moderat abfedern können.

Wegen Corona arbeiten viele Menschen im Homeoffice: Wohnen und arbeiten im Dorf, das müsste doch ganz in Ihrem Sinn sein…

Hecker: Das ist es auch. Die Digitalisierung mit der Möglichkeit, von zuhause aus zu arbeiten, ist ein großer Standortvorteil für den ländlichen Raum. Das ist gerade jetzt in der Pandemie erkennbar geworden. Homeoffice ist natürlich nur in einigen Berufen machbar. Maurer, Maler, Monteure und viele andere haben diese Möglichkeit nicht.

Schulen gut aufgestellt

Ist inzwischen das abgelegenste Haus der Gemeinde ans schnelle Internet angeschlossen?

Hecker: Das ist in ganz Lippe und auch in ganz Deutschland noch nicht geschehen. Durch die Telekom selbst wurden im Kalletal bereits sehr große Bereiche ausgebaut. Derzeit werden unter Federführung des Kreises Lippe weitere Glasfaserleitungen verlegt. Bis zum Ende des Jahres werden alle Ortsteile und alle Gewerbegebiete komplett ausgebaut sein – mit Ausnahme weniger Häuser in entlegenen Außenbereichen. Für diese Einzelfälle werden kreisweit gemeinsame Lösungen entwickelt. Vorgabe des Bundes ist, dass jedes Haus mit mindestens 50 MBit angeschlossen ist. Wer in solchen Bereichen mehr haben möchte, muss bereit sein, die zusätzlichen Kosten für den Glasfaser-Hausanschluss selber zu tragen.

Wie steht es um das digitale Lernen in den Kalletaler Schulen? Sind sie auf mögliche Corona bedingte Schließungen vorbereitet?

Hecker: Unsere Schulen waren schon vor Corona digital gut aufgestellt. Das ist Verdienst von Olaf Kapelle. Als zuständiger Fachbereichsleiter hat er das Programm „Gute Schule 2020“ optimal bei uns im Kalletal umgesetzt. Die Voraussetzungen für den „Digitalen Unterricht“ sind überall geschaffen, an der Jacobischule wird er derzeit erprobt. In allen unseren Schulen sind alle Unterrichtsräume mit digitalen Tafeln ausgestattet. Es existieren überall pädagogische Netzwerke, flächendeckendes WLAN, Internetzugänge von 1000 MBit – bis auf wenige Ausnahmen mit 100 MBit. In der Jacobischule stehen für alle Schülerinnen und Schüler iPads zur Verfügung, die demnächst beim Elternsprechtag ausgegeben werden. An den Grundschulen teilen sich zwei Schüler ein iPad. Ob weitere Geräte angeschafft werden, klären wir gerade mit den Schulleitungen. Auf einen Lockdown wären unsere Schulen also gut vorbereitet.

Corona im Bekanntenkreis

Im Kreis Lippe gibt es bislang knapp 900 Corona-Fälle, in Kalletal sind es seit einiger Zeit konstant 30. Halten Sie die Maskenpflicht für richtig oder sollte man lieber zur Normalität übergehen?

Hecker: In meinem Bekanntenkreis gab es leider zwei Todesfälle, der Vater und die Mutter waren mit Corona infiziert und sind innerhalb von zehn Tagen verstorben. Ich kenne außerdem mehrere Leute, die das Virus schon hatten und auch Wochen später längst noch nicht ihre alte Leistungsfähigkeit wiedererlangt haben. Mir muss also niemand erzählen, Corona sei nicht so schlimm. Die Maskenpflicht ist natürlich eine Einschränkung. Wir müssen uns an Regeln halten und die Masken tragen, um uns und andere Menschen zu schützen.

Hat es im Kalletal bislang eklatante Verstöße gegen die Corona-Regeln gegeben?

Hecker: Wenn ich sehe, was in den Großstädten manchmal abgeht, glaube ich nicht, dass sich alle der Gefahr bewusst sind. Zu Anfang hatten wir ein paar Jugendliche, die es witzig fanden, andere Leute absichtlich anzuhusten, diese Jugendlichen sind dann zur Kasse gebeten worden. Größere Partys oder besondere Verstöße sind bei uns nicht bekannt geworden.

Welche Projekte der Gemeinde sind wegen der Corona-Pandemie liegengeblieben?

Hecker: Kein einziges. Es fällt aber auf, dass die Firmen auf den Baustellen weniger Leute als sonst einsetzen. Sie schützen sich so davor, dass bei einem Corona-Fall der ganze Betrieb stillsteht.

Karneval abgesagt

Die Diskussion darüber, ob es in diesem Jahr Karneval geben sollte, ist im Land noch nicht abgeschlossen. Waren die Kalldorfer voreilig mit ihrer Absage Mitte August?

Hecker: Das war keinesfalls voreilig, sondern sehr umsichtig. Ich weiß, wie wichtig den Kalldorfern der Karneval ist. Die Verantwortlichen in der SG Kalldorf haben sich sehr umsichtig verhalten für die Bürgerinnen und Bürger im Kalletal. Sie haben ihre Bedürfnisse zurückgestellt. Diese Entscheidung hat meine größte Wertschätzung.

Zu ihren wichtigsten Zielen gehört die Stärkung der Dörfer. Was ist schon gelaufen?

Hecker: Wir haben uns von Immobilien getrennt, bei denen wir davon überzeugt waren, dass wir sie nicht mehr brauchen. Wir haben sie verkauft oder abgerissen, die verbleibenden wurden zu großen Teilen energetisch saniert. Wir haben es dabei fast immer geschafft, Fördermittel von Land und Bund zu generieren, um die finanziellen Folgen im Rahmen zu halten. Ein anderes wichtiges Thema war und ist die Mobilität. Zusammen mit der KVG Lippe haben wir mit dem multimodalen Verkehrskonzept im Jahr 2017 den NRW-Ideenwettbewerb gewonnen. Auch deshalb haben wir Projekte wie Dorfauto oder Schnellbus-Linie bekommen. Der Rat hat es immer geschafft, etwas zu erreichen, auf dem wir langfristig aufbauen können. Davon, dass wir Leader-Region geworden sind, profitiert jedes Dorf: Das Regional-Budget macht viele kleine Projekte möglich. So erhalten der Freibadverein für die Ausstattung des Planschbeckens oder der Heimatverein Erder für die Ausschilderung des alternativen Weser-Radweges jeweils einige Tausend Euro. Oder der Förderverein der Dorfgemeinschaft in Asendorf bekommt 160.000 Euro aus der Dorferneuerung für ein Multifunktionshaus, das in Eigenregie gebaut wird. So etwas löst in dem kleinen Dorf viele positive Impulse aus.

Was muss noch dringend getan werden?

Hecker: Wir müssen nach wie vor die Vereine und Institutionen bei ihren gewünschten Vorhaben unterstützen. Wir müssen ihnen Fördermöglichkeiten aufzeigen und sie wohlwollend unterstützen. Wir haben mehr als 120 Vereine. Sie prägen sehr stark das Leben im Kalletal.

Späte PCB-Sanierung

Worüber ärgern Sie sich? Was hätte in den vergangenen Jahren besser laufen können?

Hecker: Ich ärgere mich maßlos über den Zeitpunkt der PCB-Sanierung des ehemaligen Hauptschulgebäudekomplexes. Die hätte nämlich schon sehr viel früher erfolgen können. Bereits 2001 hatte Ratsfrau Brigitte Lähnemann eine schriftliche Anfrage gestellt. Vor dem Hintergrund der damals laufenden bundesweiten Diskussion um die Schadstoffbelastung in öffentlichen Gebäuden fragte sie: „Kann die Verwaltung ganz sicher ausschließen, das in Gebäuden der Gemeinde Kalletal Schadstoffe (z.B. PCB) nicht auftreten?“ Die Antwort des Beigeordneten Block laut Protokoll: „Nein“. Wenn man so etwas nicht ausschließen konnte, wäre es dann nicht notwendig gewesen, dieses zu überprüfen? Die PCB-Richtlinie des Landes ist seit 1996 in Kraft. Wenn man damals verantwortungsvoll gehandelt hätte, dann hätte man nicht erst 15 Jahre später bei den Umbauarbeiten festgestellt, dass wir in der Schule ein riesiges Problem mit PCB haben. Durch diesen langen Zeitraum ist nach Einschätzung des Gutachters durch das weitere Eindringen in die unterschiedlichen Baukörper der Sanierungsaufwand erheblich gestiegen. Und Schüler und Lehrer wären nicht 15 Jahre zusätzlich einer möglichen Schadstoffbelastung durch PCB ausgesetzt gewesen.

Was haben Sie sich für die nächsten fünf Jahre vorgenommen?

Hecker: Zunächst werden wir den Spagat schaffen müssen zwischen notwendigen Unterhaltungs- und Investitionsmaßnamen und deren finanziellen Auswirkungen. Wir müssen uns überlegen, was wir uns erlauben können und welche Fördermittel wir dafür erhalten können. Ein Schwerpunkt wird die Regionalität sein. Auf dem Land sind wir in den letzten Jahrzehnten vom Selbstversorger zum Konsumenten geworden. Inzwischen haben die Qualität und die Herkunft der Lebensmittel wieder einen sehr hohen Stellenwert. Wir wollen regionale Erzeuger und Verbraucher auf einer digitalen Plattform zusammenbringen. Die Bestellungen könnten zum Beispiel abends in die Dorfgemeinschaftshäuser geliefert werden. Das würde diese Gebäude als Treffpunkte der Dorfgemeinschaften stärken. Zu dieser Regionalität gehört auch das Projekt Smart-City, um das wir uns gerade gemeinsam mit Lemgo bewerben. Vereinfacht geht es darum, dass wir uns als ländlicher Raum enger digital und interkommunal mit einer größeren Nachbarstadt vernetzen wollen. Regionalität und Digitalisierung auf interkommunaler Ebene werden für nachkommende Generationen extrem wichtig sein.

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