Di., 09.04.2019

Axel Kutscher ist Polizist im Kreis Lippe und lässt sich von Angriffen nicht unterkriegen Mit Leidenschaft auf Streife

Eine Frau spricht Axel Kutscher während seines Streifengangs an. Der Polizist ist in Lage bekannt wie ein bunter Hund.

Eine Frau spricht Axel Kutscher während seines Streifengangs an. Der Polizist ist in Lage bekannt wie ein bunter Hund. Foto: Christian Althoff

Von Christian Althoff

Lage (WB). Im Kreis Lippe Polizist zu sein – das ist im Moment nicht einfach, nachdem es im Missbrauchsfall Lügde zu Pannen gekommen ist und Beamte angefeindet werden. Hauptkommissar Axel Kutscher (61) ärgert das, und trotzdem macht er seinen Job mit Leidenschaft weiter.

In seinem Büro im Obergeschoss der Wache Lage hängt der obligatorische GdP-Kalender an der Wand. Auf Kutschers Schreibtisch steht ein Glas mit Gummibären, daneben hat er Fotos von seiner Frau, den beiden Kindern und den drei Enkeln aufgereiht. Der Polizist legt sich einen schwarzen Schal um und schlüpft in die gefütterte blaue Uniformjacke. Es regnet, aber es zieht ihn auf die Straße. Er muss raus, das ist sein Job, seit neun Jahren schon. Axel Kutscher ist Bezirksdienstbeamter, wie das im Behördendeutsch heißt. Dorfsheriff eben. Einer von denen, die alles und jeden in ihrem Sprengel kennen. Und manche Familiengeschichte dazu.

Kutscher will gerade los, als sein Handy klingelt. Eine Grundschullehrerin ist dran. Sie macht sich Sorgen, weil Eltern ihre Kinder mit dem Rad zur Schule schicken, obwohl die Kleinen noch keine Fahrradprüfung abgelegt haben. »Ich komme Anfang der Woche vorbei, dann klären wir das«, verspricht der 61-Jährige.

Nach 32 Jahren Schluss mit Schichtdienst

Axel Kutscher stammt aus Ahmsen, das heute zu Bad Salzuflen gehört. Er fing eine Lehre als Tischler an, aber er hatte Zweifel. »Akkord in der Möbelbude – das wollte ich nicht.« Da fiel ihm 1975 ein Flugblatt in die Hände, mit dem Polizeischüler gesucht wurden. Nach drei Jahren Ausbildung fuhr er in Köln Streife, kam später zurück nach Lippe. Kutscher arbeitete bei der Autobahnpolizei, dann in der inzwischen aufgelösten Leitstelle Armin in Detmold und als Streifenbeamter in Bad Salzuflen. 2010 war nach 32 Jahren endlich Schluss mit dem Schichtdienst: Kutscher übernahm sein Revier in Lage.

Es ist Freitag, und der Streifengang führt den Polizisten über den Wochenmarkt. Keine zehn Schritte kann er gehen, ohne angesprochen oder zumindest gegrüßt zu werden. Nicht einfach so, sondern mit Namen. Wer hier Polizei sagt meint Kutscher, das wird schnell klar. Ein Mann kommt auf ihn zu und erzählt von einem Obdachlosen, dessen Rollator er schon vor Tagen verlassen gefunden habe. »Der Mann ist verschwunden. Ich mache mir Sorgen.« Kutscher nickt. Er kennt den Obdachlosen und weiß, wo der gelegentlich unterkommt. »Guck da doch mal nach«, rät er dem Besorgten und gibt ihm seine Visitenkarte. »Und ruf mich an, wenn er nicht wieder auftaucht.«

Wenn Radfahrer durch die Fußgängerzone fahren, wenn Hunde nicht angeleint sind, wenn Markthändler ihre Stände angeblich zu dicht vor den Läden aufstellen – Axel Kutscher muss das regeln, auch wenn nicht er zuständig ist, sondern das Ordnungsamt. »Die Leute erwarten, dass ich ihnen helfe. Und wenn es nicht meine Baustelle ist, rufe ich eben den an, der es richten muss.«

Arbeit im freien Flug

Ein Bezirksdienstbeamter, sagt Kutscher, arbeite im freien Flug. »Du bist alleine unterwegs und musst deine Aufgaben erledigen. Mit den unterschiedlichsten Menschen klarkommen, ihnen zuhören, ihnen helfen. Und das Gesetz durchsetzen.« Die Bandbreite ist enorm. Axel Kutscher ist der erste Ansprechpartner für die beiden Moscheen in Lage, wann immer es etwas zu klären gibt. In den Schulen führt er Gespräche mit kriminellen Jugendlichen und ihren Eltern. Er vermittelt Frauen, die von ihrem Mann verprügelt werden, eine sichere Unterkunft. Menschen, die eine Ersatzfreiheitsstrafe absitzen sollen, erklärt er, dass sie beim Amtsgericht Ratenzahlung beantragen können und dann nicht ins Gefängnis müssen. Und in Lages Kindergärten und Grundschulen erzählt er, was ein Polizist macht und wie man sicher über die Straße kommt. »Es dreht sich immer alles um Menschen.«

Besuche in Kindergärten und Schulen sind Axel Kutscher besonders lieb. Dabei sind nicht alle Kinder gleich Feuer und Flamme, wenn sie einen Schutzmann sehen. »Manche haben ein negatives Bild von der Polizei. Flüchtlingskinder zum Beispiel, die in ihrer Heimat etwas Schlimmes mit Uniformierten erlebt haben. Die verstecken sich anfangs, wenn sie mich sehen. Oder Kinder, die einen Vater haben, der schon von Polizisten abgeholt wurde.« Die Skepsis weiche aber meistens, sagt Kutscher. »Ich flachse auch schon Mal herum, ich erzähle Dönekes, und im Herbst sammeln wir zusammen Kastanien.« Diese ein, zwei Stunden mit den Kindern seien unbezahlbar. »Selbst Jahre später sprechen sie mich an, wenn sie mich in der Stadt sehen. Da ist schon ein gewisses Vertrauensverhältnis.«

Auch die drei Jugendlichen, die Axel Kutscher in diesem Moment auf dem Marktplatz erblickt, kennt er seit langem. Er schaut auf die Uhr. »Keine Schule heute?« »Doch, Herr Kutscher, aber schon zu Ende«, antwortet ein Jugendlicher. Um den Beamten dann auf den Fall Lügde und die Polizeipannen anzusprechen. Kutscher nickt. »Ich habe ja selbst so einen Hals«, sagt er gestikulierend. »Aber ihr könnt sicher sein, dass das alles gründlich untersucht wird.« Das Gespräch bleibt freundlich, und bei der Verabschiedung lachen alle. Das hat Axel Kutscher in den letzten Wochen auch schon anders erlebt. »Natürlich wird auch gestichelt und beleidigt. Ich versuche, das dann in einem sachlichen Gespräch zu klären.«

Vorwürfe

Kutscher erinnert sich an den Tag, als die Vorwürfe gegen eine Handvoll Polizisten aus Lippe bekanntwurden. »Ich war geschockt wie jeder andere. Ich habe gedacht: Scheiße, was macht das mit den Bürgern? Hat jetzt das ganze Vertrauen , das du aufgebaut hast, einen Knacks bekommen?«

50 Tage sind es noch bis zu Kutschers Pensionierung. Viele Menschen in seinem Bezirk wissen, dass sie ihren Dorfsheriff bald nicht mehr treffen werden. Eine ältere Frau soll sogar geweint haben, als sie von seinem Ruhestand erfuhr. Schon seit Jahren lebt Kutscher mit seiner Frau in Bad Salzuflen, deshalb wird man ihn nach der Pensionierung kaum noch in Lage sehen.  Doch er wird wohl etwas hinterlassen, das hat der Streifengang über den Markt gezeigt: Das Bild eines Polizisten, der mit Pragmatismus, Konsequenz und manchmal einem zugedrückten Auge Regeln durchsetzt. Und dabei möglichst nie den Menschen aus dem Blick verliert.

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