Do., 08.08.2019

Im Klinikum Lippe liegt ein Patient mit Botulismus – Er hatte Trockenfisch gegessen Tückisches Gift

Lebensmittelkontrolleur Klaus Fischer stellte gestern getrocknete Flussbarsche sicher, um auch sie untersuchen zu lassen.

Lebensmittelkontrolleur Klaus Fischer stellte gestern getrocknete Flussbarsche sicher, um auch sie untersuchen zu lassen. Foto: Althoff

Von Christian Althoff

Lage (WB). Botulismus ist eine lebensgefährliche, aber seltene Vergiftung. Weltweit erkranken nur etwa 1000 Menschen pro Jahr. Ein Patient wird seit vergangener Woche im Klinikum Lippe behandelt – er hatte Trockenfisch gegessen.

»Wir sind in Gedanken bei dem Kranken und hoffen, dass alles gut wird«, sagt Jane Nergiz. Seit 15 Jahren führen sie und ihr Mann Metin den »A&N«-Markt in Lage, einen Supermarkt für osteuropäische Lebensmittel. Zu den traditionellen Produkten gehört auch getrockneter, roher Fisch. Der liegt in kleinen Stücken industriell verpackt im Regal oder im Ganzen in der Kühltheke – je nach Kundenwunsch mit Innereien oder ohne, für etwa zehn Euro pro Kilogramm.

Widerstandsfähig gegen Kälte, Hitze und Austrocknung

»Der Umgang mit Fischen hier im Supermarkt ist vorbildlich«, sagt Klaus Fischer, Lebensmittelkontrolleur beim Kreis Lippe, und zeigt auf die Kühl-Protokolle. »Wir gehen davon aus, dass der betroffene Fisch, der aus den Niederlanden kommt, dort nicht fachgerecht verarbeitet wurde.« Das Bundesinstitut für Risikobewertung in Berlin, das seit Jahren um Botulinum-Bakterien in Därmen von Plötzen weiß, rät, diese Fische nach dem Fang schnell auszunehmen, sie innen und außen gründlich zu waschen und bis zum Salzen bei höchstens drei Grad zu lagern.

Das Bakterium Clostridium botulinum ist weit verbreitet und widerstandsfähig gegen Kälte, Hitze und Austrocknung. Unter weitgehendem Luftabschluss, also etwa in Konserven und Einmachgläsern, aber auch in Tierkadavern setzen die Bakterien das Gift Botulinumtoxin frei, das als eines der gefährlichsten Gifte gilt.  Einem mit dem Toxin verseuchten Fisch ist das nicht anzumerken – er riecht keinesfalls verdorben.

Erste Anzeichen sind unspezifisch

Anfang vergangener Woche hatte ein Stammkunde in dem Markt eine Plötze gekauft und davon gegessen, am Dienstag sollen erste Symptome aufgetreten sein. Zum konkreten Fall kann sich Professor Dr. Christoph Redecker, Ärztlicher Direktor am Klinikum Lippe in Lemgo, naturgemäß nicht äußern.

Neurologe Prof. Dr. Christoph Redecker

»Generell lässt sich aber sagen, dass die ersten Anzeichen einer Botulismusvergiftung unspezifisch sind. Von Übelkeit wird berichtet, von Durchfall, aber auch von Verstopfung.« Im fortgeschrittenen Stadium kämen weitere Symptome wie Sehstörungen hinzu. »Weite Pupillen, Mundtrockenheit und Lähmungen sollten einen Arzt an Botulismus denken lassen«, sagt der 50 Jahre alte Neurologe, der erst zum zweiten Mal in seinem Berufsleben mit einem solchen Fall zu tun hat.

Das Gift zerstört die Verbindung zwischen Nerven und Muskeln. Unbehandelt bedeutet das den Tod durch Herz- und Atemstillstand. Im Krankenhaus bekommen Patienten als erstes ein Gegengift, das das Botulinumtoxin neutralisiert. Aber die Nervenschäden werden dadurch nicht behoben. Prof. Redecker: »Der Körper kann die geschädigten Nervenenden zum Glück selbst reparieren, aber das dauert Wochen.« Ziel der Intensivmediziner sei es deshalb, Patienten über diese Zeit zu retten – mit künstlicher Beatmung und anderen Maßnahmen. »90 Prozent der Botulismuspatienten, die intensivmedizinisch behandelt werden, überleben die Vergiftung«, sagt der Neurologe, der sich auf eine weltweite Statistik bezieht.

Trockenfische aus dem Verkauf genommen

Den Verdacht, dass der Patient sich mit der Plötze vergiftet haben könnte, hatten die Ärzte bereits am vergangenen Mittwoch. Klarheit besteht aber erst seit Mittwoch, nachdem das Robert-Koch-Institut in Berlin und ein weiteres Labor das Toxin und die Plötze als Träger des Giftes bestätigt haben. Die Plötzen waren von den Niederlanden aus über einen Großhändler in Ostercappeln an Geschäfte in NRW, Niedersachsen und Hamburg gegangen.

Jane Nergiz hängt eine Warnung für ihre Kunden auf. »Wir hoffen, dass uns die Sache nicht schadet. Uns trifft ja keine Schuld.« Foto: Althoff

»Wir wurden Mittwochabend vom Gesundheitsamt informiert und haben sofort alle Trockenfische aus dem Verkauf genommen«, sagt Jane Nergiz. In ihrem Geschäft hängte sie Schilder auf, um Kunden zu warnen: »Wer nach dem 15. Juni Trockenfisch gekauft hat, sollte ihn nicht essen.«

Gestern tütete Lebensmittelkontrolleur Klaus Fischer in dem Supermarkt auch getrocknete Flussbarsche ein, die das Ehepaar Nergiz vergangene Woche aus dem Verkauf genommen hatte. »Wir lassen sie ebenfalls untersuchen, um sicherzugehen, dass vielleicht nicht noch andere Lieferungen betroffen sind.«

Das Bundesinstitut für Risikobewertung rät Verbrauchern, Trockenfisch mindestens zehn Minuten auf mindestens 85 Grad zu erhitzen, um mögliche Botulismus-Neurotoxine zu zerstören.

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