Sa., 25.01.2020

Krimiautor Gerald Hagemann (48) aus Lemgo sammelt Historisches rund um Verbrechen Im Keller des Grauens

In seinem Keller ist Gerald Hagemann von seltsamen und seltenen Exponaten umgeben. Hier zeigt er einen mehr als 100 Jahre alten Spurensicherungskoffer.

In seinem Keller ist Gerald Hagemann von seltsamen und seltenen Exponaten umgeben. Hier zeigt er einen mehr als 100 Jahre alten Spurensicherungskoffer. Foto: Christian Althoff

Von Christian Althoff

Lemgo (WB). Ende 1945 flogen die Briten den Henker Albert Pierrepoint (1905-1992) nach Deutschland. Dort hängte er im Zuchthaus von Hameln 13 zum Tode verurteilte Kriegsverbrecher – drei Frauen und zehn Männer, unter ihnen Josef Kramer, KZ-Kommandant von Bergen-Belsen.

74 Jahre danach steht Gerald Hagemann (48) im düsteren Keller seines Hauses am Stadtrand von Lemgo und hält ein Schwarz-Weiß-Foto unter eine Lampe. Es zeigt eine Altstadt, und auf der Rückseite steht handgeschrieben: „Best wishes from Hameln. Albert Pierrepoint, 13.12.1945.”

Das Foto stammt aus dem Nachlass Pierrepoints, der mit etwa 400 vollstreckten Todesurteilen als meistbeschäftigter Henker Großbritanniens gilt. Das Bild ist eines von ungezählten historischen Exponaten zu Verbrechen, Polizeiarbeit und Justiz, die Gerald Hagemann in vielen Jahren zusammengetragen hat. „Mich fasziniert das Genre ungemein”, sagt der 48-Jährige.

Eine Gipsmaske des britischen Henkers Albert Pierrepoint (1905-1992). Foto: Christian Althoff

Hagemann ist vom Fach. Seit Jahren schreibt der Goldschmiedemeister und Homer-Literaturpreisträger unter dem Pseudonym Robert C. Marley historische Kriminalromane, die Ende des 19. Jahrhunderts in London spielen und Chief Inspector Donald Swanson bei seinen Ermittlungen begleiten. Swanson gab es wirklich – er hatte 1888 den Auftrag, den Frauenmörder „Jack the Ripper” zu finden, was ihm aber nicht gelang. Gerald Hagemann steht seit Jahren mit den Urenkeln des berühmten Ermittlers in Kontakt, und im Gegensatz zu Swanson hat er den Serienmörder aufgespürt – zumindest in seinem 2015 erschienenen Roman „Inspector Swanson und der Fall Jack the Ripper”.

„Ich habe mir nicht ausgedacht, wer es gewesen sein könnte, sondern sämtliche Schriftstücke ausgewertet, die heute noch in Archiven verfügbar sind, und eine schlüssige Theorie entwickelt”, sagt Hagemann, der regelmäßig in Großbritannien weilt.

Schon als Grundschüler habe er am liebsten Geschichten geschrieben, erzählt der Autor, und die schwarz-weißen Edgar-Wallace-Filme hätten ihn in seiner Kindheit gefesselt. „Die Schritte nachts auf dem Kopfsteinpflaster, die Polizisten mit ihren weiten Mänteln und Öllampen in der Hand – das hatte etwas.”

„Mit solchen Öllampen gingen Polizisten in London auf Streife“, sagt Gerald Hagemann. Foto: Christian Althoff

Diese Atmosphäre begründete Hagemanns Leidenschaft für Verbrechen und Polizeiarbeit vergangener Zeiten. „Früher mussten Polizisten noch mehr kriminalistischen Spürsinn haben als heute, denn Spuren haben ihnen nur selten weitergeholfen. Ende des 19. Jahrhunderts konnte man Menschenblut noch nicht von Tierblut unterscheiden, und auch die Fingerabdrucktechnik kam in dieser Zeit erst langsam auf”, sagt der Hobbyhistoriker. Er öffnet einen kleinen Holzkoffer mit allerlei Fächern und Halterungen, in denen Dosen, Pinsel und andere Werkzeuge stecken. „Der ist mehr als 100 Jahre alt. Er enthält alles, was Polizisten damals brauchten, um Fingerabdrücke sichtbar zu machen.”

Der Fundus in Hagemanns Keller ist unüberschaubar. Da gibt es die Trillerpfeifen der Bobbys, der britischen Polizisten, die traditionell unbewaffnet waren und im Ernstfall Hilfe herbeipfeifen mussten. Da hängt ein T-Shirt an der Wand, das Eisenbahnräuber Ronnie Biggs (1929-2013) signiert hat. „Mit ihm habe ich öfter telefoniert. Leider haben wir uns nie getroffen.” Dann steht dort ein dicker, hölzerner Torpfosten, den der Autor von einem historischen Tatort aus Sussex mitgebracht hat. „Er stammt von der verfallenen Hühnerfarm des Frauenmörders Norman Thorne in Crowborough. Der Mann wurde 1925 gehängt. Der Fall hat sehr viel Aufmerksamkeit erregt”, erzählt Hagemann und deutet auf einen vergilbten, bebilderten Zeitungsausschnitt an der Wand, auf dem auch „sein” Torpfosten zu sehen ist.

Gleich daneben warten auf einem Holztisch weitere Sammlerstücke darauf, von dem Lemgoer erklärt und eingeordnet zu werden. Zum Beispiel ein mit Schreibmaschine getippter Brief des Mörders John George Haigh. „Er schreibt sinngemäß an einen Gläubiger, dass der sich noch ein wenig gedulden müsse, weil ein Geschäft vor dem Abschluss stehe.” Das Geschäft sei in Wirklichkeit ein Mord gewesen. „Haigh war ein Serienmörder, der sich nacheinander das Vertrauen von sechs Menschen erschlichen hat, um sie dann aus Habgier zu töten. Er hat ihre Leichen in der Badewanne in Säure aufgelöst.“ Nicht zersetzte Gallensteine und Zahnprothesen hätten ihn schließlich überführt. „Haigh wurde 1949 hingerichtet – übrigens auch von Albert Pierrepoint.”

Memorabilien rund um den Henker finden sich an vielen Stellen in Hagemanns Sammlung. Die vielleicht ungewöhnlichsten Stücke sind die gipserne Lebendmaske von Pierrepoint und Abgüsse seiner Hände, die unter Glas in einer Vitrine liegen. „Davon gibt es weltweit nur zwei Exemplare”, sagt der Sammler, der auch eine Anleitung zum Hängen sein Eigen nennt, eine „Table of Drops”. „In dieser Tabelle konnte der Henker nachsehen, wie lang das Seil beim jeweiligen Körpergewicht des Delinquenten sein musste. Die Fallgeschwindigkeit musste ausreichen, um das Genick zu brechen. Sie durfte aber nicht so groß sein, dass der Kopf abgerissen wurde.“

Albert Pierrepoint sei ein Meister seines Fachs gewesen, sagt der Kriminalhistoriker, er habe ruhig und effizient gearbeitet. „Die Verurteilten wussten nicht, dass der Galgen direkt neben ihrer Zelle in einer Art Schrank stand. Einmal hat es Pierrepoint geschafft, dass ein Mann nur sieben Sekunden nach Öffnen seiner Zellentür hingerichtet war.”

Spezialisierte Antiquariate, Angebote bei Ebay, aber vor allem ein großes Netz von Freunden, Bekannten, Gleichgesinnten und Polizisten lassen Hagemanns Sammlung immer weiter wachsen. Lange schon ist sie auch für Kriminalhistoriker ein wertvoller Fundus. Erst kürzlich erreichte Hagemann eine Anfrage der BBC, die für eine Dokumentation Fotos benötigte, über die offenbar nur er verfügt.

Der Traum des Schriftstellers ist ein öffentliches Museum, in dem er seine Exponate ausstellen und erklären kann. Der pensionierte lippische Polizist und Krimiautor Joachim Peters hat dafür kürzlich das Bürgerhaus in Oerlinghausen ins Gespräch gebracht, ein denkmalgeschütztes früheres Brauereigebäude. „Es wäre toll, wenn das klappen sollte”, sagt Gerald Hagemann. Er weiß aber auch: „Ich würde es vermissen, ab und zu in meinen Keller hinabsteigen zu können, um mich zwischen all’ den historischen Stücken für meine Kriminalromane inspirieren zu lassen.”

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